Heute möchte mich bei Ihnen bedanken. Und das nicht, weil heute in Neuseeland der „Tag der beiläufigen Freundlichkeit“ ist („Random Acts of Kindness Day“). Obwohl wir davon ja aktuell sehr viel mehr gebrauchen könnten. Ja, es ist Wahlkampf, aber mal ehrlich: Wir wollen doch nicht alle Bundeskanzler werden, oder? Gestern bin ich fast vom Stuhl gefallen, als beim Frühstück die Facebook-Kommentare zu meinem Artikel vom letzten Donnerstag las.
Es ging um Obdachlose, ich hatte nachgefragt, wie sie bei Kälte und Schnee durch den Winter kommen. Kurz gefasst: Natürlich ist es schwer für sie. Eine kranke, obdachlose Frau ist neulich sogar in einer Notunterkunft gestorben. Auf der anderen Seite sagten einige obdachlose Menschen: Sie freuen sich sogar über den Schnee. Weil er Licht und Helligkeit in ihren sonst eher düsteren Alltag bringt. Gäste einer Suppenküche haben sogar einen Schneemann gebaut.
„NIEMAND muss in Deutschland wegen Wohnungslosigkeit auf der Straße erfrieren!!!“
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Unter meinem Artikel hatten auf Facebook am Sonntag Leser mehr als 500 Kommentare hinterlassen. Die meisten waren wütend. „Für die Einwanderer werden Wohnungen bereitgestellt, aber die Obdachlosen erfrieren in Deutschland“, schrieb jemand. Oder: „Hauptsache, Selenskyj bekommt 1,5 Milliarden Euro, aber die Obdachlosen bekommen nicht mal einen Cent.“ Oder: „Alles latscht hierher, weil man hier ungestraft betteln und sonst was tun kann und sich dann noch die irre gewordene Sozialindustrie kümmert.“ Jemand schrie(b) in Großbuchstaben: „NIEMAND muss in Deutschland wegen Wohnungslosigkeit auf der Straße erfrieren!!!“
Ja: Berlin ist eine Stadt, die sich bemüht, vielen zu helfen. Mehr als 40.000 Wohnungslose sind in Berlin auf Staatskosten „untergebracht“, die Kältehilfe bietet fast 1200 Betten in Notunterkünften. Und tatsächlich stammt der Großteil der Berliner Obdachlosen aus anderen Ländern. Das alles ist allerdings seit Jahrzehnten so. Und ja, ein Grund für Obdachlosigkeit kann sein, dass Menschen Hilfe nicht annehmen. Etwa, weil sie Angst vor den Notunterkünften haben. Dort wird geklaut, es gibt Gewalt. Gerade für Frauen ist es schlimm. Ein anderes Hilfe-Hindernis ist die Bürokratie unseres Systems. Ein weiteres der Verlust von Selbstachtung: Menschen haben den Lebensmut verloren, etwa durch den Verlust eines nahen Menschen. Obdachlosigkeit ist eine riesige und komplexe Herausforderung, sowohl für die Betroffenen als auch für das Hilfesystem.
„Obdachlosigkeit kann tatsächlich jeden treffen“
Nun haben wir Wahlkampf. Glaubt man den Parolen, gibt es für alles schnelle Lösungen. Am liebsten würde ich all diese Kommentare den Politikern einfach mal zusenden – allen. Damit sie verstehen, wie der Ton dieses Wahlkampfs bei manchen Menschen ankommt. Und wie er die Stimmung allgemein vergiftet.
Berührend fand im Wust der Wut-Postings allerdings die Beiträge von Menschen, die teilweise selbst obdachlos gewesen waren – oder davon bedroht. „Wenn ich bis Ende des Monats keine Wohnung finde, bin ich einer von ihnen“, schrieb jemand. Andere antworteten, es gehe ihnen ähnlich. Eine Rentnerin schilderte, wie viel Mühe es sie gekostet hatte, die drohende Obdachlosigkeit abzuwenden. „Ich bin Rentnerin und 70 Jahre alt, habe 45 Jahre gearbeitet und einen Sohn großgezogen“, schrieb sie. „Man muss sich halt kümmern und am Ball bleiben.“ Eine Frau schrieb in den Kommentaren: „Obdachlosigkeit kann tatsächlich JEDEN treffen.“
Wer einmal selbst mit Betroffenen spricht, weiß, dass das zutrifft. Auch Akademiker, Manager, Menschen mit Vermögen können den sozialen Halt verlieren. Vielleicht sollte ich doch lieber diese zwei Sätze, so unspektakulär sie klingen, den Politikern zusenden? Allen, in Großbuchstaben, als konstruktiven Beitrag zur Debatte.
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Damit zurück zur beiläufigen Freundlichkeit. Und meinem Dank an Sie! Neulich hatte ich mich ja beschwert (ich gebe zu, ich tue es auch gern): Über die vielen Ekel-Ecken in dieser Stadt. Ich wollte wissen, ob es Ihnen ähnlich geht – und Sie haben mir zahlreich geantwortet. Vergangene Woche war ich also unterwegs zu einer, nun ja, speziellen Reportage. Meinen Bericht über Berlins widerlichste Ecken lesen Sie hier. Spoiler: bitte die Nase zuhalten!





