Ich war zunächst skeptisch und Facebook war am Anfang lediglich ein berufliches Netzwerk für mich. Hier konnte ich Menschen die Lebenssituation obdachloser Menschen nahebringen und auf fehlende Dinge in der Bahnhofsmission Zoo hinweisen. Es mangelte überall: An Schlafsäcken, Geld, Kaffee, Tempotaschentüchern, Lebensmitteln. Es fehlte eigentlich fast alles, manchmal selbst das Toilettenpapier. Zunächst war es Arbeit, dann wuchs die Zuneigung zu den Nutzerinnen und Nutzern. Der Begriff „Facebook-Freunde“ bekam einen anderen Klang.

Facebook hat mit dem wirklichen Leben recht wenig zu tun, ist eine Scheinwelt, dachte ich, als ich dort vor zehn Jahren startete. Sehr vielen meiner „Freunde“ dort bin ich im wirklichen Leben nie begegnet.

Dann bekam ich langsam mit, dass Menschen dort Einblicke in ihr Leben geben. Ich weiß nun, wo viele Urlaub machen, was ihr Lieblingsessen ist, wo ihre Vorlieben liegen, wovon einige träumen. Viele zeigen viel, ich gehöre dazu, andere sind zurückhaltender, vielleicht gar schüchterner.

Selbst bei meiner Liebsten half Facebook

Menschen sind dort dreimal täglich, andere viermal im Jahr. Facebook-Freunde sind manchmal unglücklich, berichten über Trennungen, Schmerz, selbst der Tod findet dort seinen Platz. Kinder werden geboren, eingeschult, Geburtstage werden gefeiert, Menschen verlieben sich, heiraten. Sehr viel Leben und Sterben passiert auf Facebook!

Welche Schauspielerin ist vor Minuten gestorben, wo brach welcher Vulkan aus, wo ist gerade welche Sauerei passiert, wo welches kleine Glück? Es geht auch um Informationen und manchmal möchte ich glauben, was oder wer nicht auf Facebook ist, existiert gar nicht. Und ich trauere sogar mit, wenn ein Hund oder eine Katze gestorben ist. Warum denn auch nicht, wenn das ein Teil eines meiner „Gegenüber“ im digitalen Netzwerk ist.

Man schreibt und schreibt und manchmal trifft man sich persönlich. Selbst bei meiner Liebsten half Facebook. Maria hatte Geburtstag, ich gratulierte, dann telefonierten wir und trafen uns sofort. Es ist auch gut, wenn verschüttete, fast vergessene Menschen wieder auftauchen: der frühere Schulfreund, die aus den Augen verlorene Cousine. Manchmal ist wie eine tägliche Ausgabe der „Lindenstraße“. Einsam bin ich übrigens auch manchmal, ab und an ist mir langweilig. Ich gestehe, Facebook lenkt auch ab.

Oft tauschen wir uns über Musik aus, ich lerne viele neue Songs kennen. Beten geht dort auch zusammen, das hätte ich nicht gedacht. Und um Eitelkeiten geht es auch, meine und die der anderen. Um kleine Scheinwelten, manchmal schummeln wir schon etwas. Die Autos werden dann größer, die Fotos bearbeitet, wir gelegentlich jünger.

Kleine Dornenbüsche, auch das ist Facebook

Um Liebe geht es hier wohl auch, die zum guten Essen, manchmal sogar um Fleischeslust. Kleine Wunder passieren auch. Benötigt ein Freund, der finanziell mies aufgestellt ist, eine neue Waschmaschine, bekommt er sie manchmal unverzüglich. Überhaupt, man steht sich bei, hilft, teilt manchmal, tröstet, ist empathisch. Kleine Dornenbüsche, auch das ist Facebook.

Nur mit der Politik ist das so eine Sache: Man diskutiert, akzeptiert, lernt voneinander, erweitert sein Weltbild, ist auch tolerant. Alles aber in Grenzen. Hier gibt es vermutlich die meisten Zerwürfnisse und Beziehungen gehen auch in die Brüche. Wenn Worte fehlen, geht man oft getrennte Wege.

„Ich fühle mich oft einsam“ sagen viele, und der direkte Kontakt zu Menschen ist nach wie vor das beste Mittel dagegen. Soziale Medien können das nicht ersetzen. Falsch angewandt, vergrößern sie die Einsamkeit sogar. Jeder Computer lässt sich aber ausschalten. In der richtigen Dosierung kann zum Beispiel Facebook helfen, ein Stück Gemeinschaft zu erleben. Mein Freund Walther ist jetzt 82 Jahre alt und letzte Woche habe ich ihm geholfen, sich dort anzumelden. Ich bin gespannt.

E-Mail: Nachtgestalten@funkemedien.de

Mehr zum Thema