Viele möchten das lieber ausblenden, nicht darüber reden, allerdings lässt sich penetrante Geruch nicht ignorieren. Wir sind im Jahr 2009 am Bahnhof Zoo. Menschen ohne Wohnung und Möglichkeiten, ihrer Hygiene nachzukommen, verrichteten ihre Notdurft im Freien. In den Grünanlagen, auch gegen Bäume. Oft urinierten Männer – Frauen hatten es noch schwerer –, einfach gegen die Hauswände, manchmal direkt neben die Eingangstür der Bahnhofsmission.
Deren Toiletten aber waren zu klein und für Publikum in dieser Größenordnung ungeeignet. Bis zu 700 Gäste suchten die Einrichtung damals täglich auf. Ein Sanitärcontainer des Bezirksamtes, wenige Meter entfernt, leistete in den ersten Jahren sehr gute Dienste, war aber längst marode und wurde etwas später auch verschrottet. Der schlimmste Moment für mich persönlich damals: Wenn nach einem eisigen Winter im Frühjahr das Tauwetter einsetzte und die Fäkalien der letzten Monate… Sie möchten sich das nicht vorstellen.
Natürlich war das schlimm für die Geschäfte, Einrichtungen und Menschen in der Umgebung. Höchststrafe Jebensstraße – kaum auszuhalten! Wir alle aber gingen abends in unsere behaglichen Wohnungen, stellten uns unter die Dusche oder legten uns in unsere Badewanne, ich mit einem wohlriechenden Badezusatz.
Die betroffenen Menschen leiden jeden Tag
Zurück blieben die, die keine Badewanne hatten, keine Toilette, noch nicht einmal Toilettenpapier. Wechselwäsche war Mangelware, eine neue Unterhose Luxus, Taschentücher waren nicht vorhanden und eine obdachlose Frau, die sich im Freien … auch das wollen wir nicht wissen.
Deutschland ist Entwicklungsland für Menschen am Rand des Randes, und die betroffenen Menschen leiden jeden Tag an den Umständen. In Berlin, Hamburg und München. Oder sie haben sich nach zehn Jahren Obdachlosigkeit daran gewöhnt, sind leider abgestumpft, eben auch gegenüber ihrem Leid und Leiden. Auch nicht gut. Scham aber geben viele Menschen nicht an der Garderobe ab, wenn sie obdachlos werden. „Ich schäme mich so“, ich hörte das damals oft.
Um vieles konnten wir uns damals dann kümmern, es für unsere Gäste besorgen. Fehlten Hygieneartikel, baten wir Besucherinnen der Einrichtung und fünf Minuten später brachten sie uns das Benötigte. Aufrufe halfen ungemein, auch hier in der Berliner Morgenpost. Taschentücher, Nagelknipser, Bekleidung, Bürsten und Kämme, das Toilettenpapier, es fehlte alles. Kam dann aber schnell rein. Nur das mit den Duschen und den Toiletten, das bekamen wir nicht hin.
Danke an Jesus, der schob vieles an, das war gesegnet
Bewegung, wirkliche Veränderung, deutliche Verbesserung in alles kam dann erst, als viele Beschäftigte der Deutschen Bahn anfingen, am Zoo zu unterstützen. Der alte und der neue Bahnchef, und über 800 Beschäftigte arbeiteten ehrenamtlich mit.
Die Politik kam hinzu. Menschen wurden informiert, zeigen sich seitdem dünnhäutiger. Und aus Nerzwerken wurden manchmal gar Freundschaften. Die Bahn stellte Räume und baute ein Hygienecenter, der Senat bezahlt die tägliche Arbeit. Danke hier an tolle Menschen, auch an die, die täglich für diese Arbeit spenden, danke an Jesus, der schob vieles an, das war gesegnet.
Letzten Dienstag feierte das damals neue Hygienecenter für obdachlose Menschen neben der Bahnhofsmission Zoo seinen neunten Geburtstag und seit neun Jahren ist vieles nun geregelt: Duschen, Toiletten, sogar die Fußpflege. In dieser Form ist das einzigartig in Europa.
„Endlich wieder mehr Menschenwürde“, war ein neuer Ton damals. Oder: „Ihr gebt mich doch nicht auf.“ Ganz lieben Dank aber an jene, die über Jahre diese schwere Arbeit machen. Täglich blicken sie der nackten Armut ins Gesicht. Stolz können auch nach neun Jahren noch viele sein, zufrieden aber nicht. Das Center am Zoo bleibt nämlich auch Mahnmal: Es zeigt, was alles geht, erinnert aber auch, was fehlt. An vielen Stellen in Berlin und Deutschland. Wir sollten es doch mal mit Wohnungen probieren.



