Wenn in den Fünfzigerjahren bei uns im Westen in der Provinz-Kreisstadt eines der drei Kinos einen besonders erfolgreichen Film spielte, erschien in der Heimatzeitung die Anzeige: „Wegen des großen Erfolgs um eine Woche verlängert.“ Meistens handelte es sich um Streifen wie „Der Förster vom Silberwald“, in dem der gute Förster mit dem bösen Wilderer um die Gunst des feschen Madls buhlte.

Auch ich könnte manches Thema wegen der großen Resonanz um eine Woche verlängern, nur dass es bei mir um kein Drama aus der Alpenregion geht, sondern zum Beispiel um die Syntax in Todesanzeigen, die ich kürzlich untersucht habe. Mir werden allerlei Zitate aus Anzeigen zugeschickt. Besonders schön ist die Formulierung: „Wir trauern um unseren (!) Ehemann.“ „War der Verstorbene etwa Bigamist?“, fragt eine Leserin.

Wort zur Syntax statt „Wort zum Sonntag“

Etwas überraschend erreichte mich die Mahnung einer Dame, die sich an einem Wortspiel über den lieben Gott störte, das ich geschrieben oder zitiert hatte: „Gott, der Schöpfer aller Dinge, hat die Welt perfekt (?) geschaffen! Er leidet darunter, wie die Menschen mit seiner Schöpfung und mit ihm (!) umgehen, und nicht unter seinem eigenen Unvermögen. Das gibt es nämlich gar nicht. Gott sind alle Dinge möglich – schon immer.“

Ich habe nach 40-jähriger Ehe meine geliebte Frau in Gottes Hand zurückgeben müssen, sodass es mir fernliegt, den Glauben meiner Mitmenschen zu beschädigen. Ich wollte ein Wort zur Syntax schreiben, kein „Wort zum Sonntag“.

Wechselflexion oder Parallelflexion? Ein „und“ macht den Unterschied

Verlassen wir die Theologie und wenden uns wieder der Sprachwissenschaft zu. Ein Leser stellt die Frage: „Muss es nicht heißen ‚nach langem schwerem Leiden‘ statt ‚nach langem schweren Leiden‘?“ Ein Bedeutungsunterschied ist darin zu sehen, ob beide attributive Adjektive gleichrangig beigeordnet sind oder ob ein Adjektiv quasi das Attribut des zweiten bildet, ob Opa also nach langem „und“ schwerem Leiden starb oder ob er heimging, weil er lange schwer gelitten hat.

Es gilt folgende Grundregel: Bildet das zweite Adjektiv mit dem Substantiv eine Bedeutungseinheit, die als Ganzes vom ersten Adjektiv modifiziert wird, dann tritt Wechselflexion ein. Das ist vor allem dann der Fall, wenn das zweite Adjektiv eine Zugehörigkeit im weiteren Sinn bezeichnet („nach heftigem parlamentarischen Streit“; „nach langem schweren Leiden“). Sind beide Adjektive dem Substantiv gegenüber nebengeordnet, tritt in der Regel Parallelflexion ein („nach langem, heftigem Streit“; „nach langem, schwerem Leiden“).

Mehr „Deutschstunden“? Weitere Kolumnen von Peter Schmachthagen lesen Sie hier

Bei der Parallelflexion steht zwischen den gleichrangigen Adjektiven ein „und“ oder wird im Stillen ergänzt. Fällt es weg, sollte das „und“ unbedingt durch ein Komma ersetzt werden, also: „nach langem, schwerem Leiden“. Bei Wechselflexion darf kein Komma stehen: „nach langem schweren Leiden“.

Özil, Dativ und Akkusativ

Eine Leserin bemängelte folgende Überschrift: „Özil versinkt in ein tiefes Loch“. Özil könne nur mit dem Dativ in einem tiefen Loch versinken, meinte sie. Sie irrt. An das Verb „versinken“ kann sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Akkusativ angeschlossen werden.

Beim Gebrauch des Dativs wird ein Ort bezeichnet (Frage: wo?). Der Akkusativ bezeichnet eine Richtung (Frage: wohin?) und erscheint vor allem bei übertragener Bedeutung. Da Özil nicht in einem Loch hockt, das der Trainer ihm gegraben hat, sondern im übertragenen Sinne mental in ein tiefes Loch versunken ist, ist in diesem Fall die Überschrift im Akkusativ richtig.

Von Keksen und Anglizismen

Eine Berlinerin hat Ärger mit ihrem Krümelmonster, Pardon, mit ihrem Freund, der ihre Mitteilung, sie habe „Kekse gebacken“, immer mit der hochbildungssprachlichen Korrektur unterbricht, sie könne selbst im Plural nur „Keks“ gebacken haben.

Lesen Sie auch: Die Sache mit dem Regenschirm

Zwar kommt der Keks vom englischen „cake“, Plural „cakes“ (Kuchen), wird aber seit Langem nicht mehr als Anglizismus empfunden, sondern hat als Lehnwort die deutsche Schreibweise und Flexion angenommen: „der Keks, die Kekse; Kekse backen, eine Dose Kekse“. Der englische Plural („cakes“) wird im Deutschen als Singular gebraucht (Keks). Wer jedoch die Integration des Wortes in die deutsche Sprache bezweifelt, liegt nicht falsch, wenn er den Plural leugnet: „Keks backen, eine Dose Keks“.

Den Autoren erreichen Sie unter: deutschstunde@t-online.de