Es sollte das ganze Jahr über Europameisterschaften geben. Sehr gerne immer auch in Deutschland. Der Kiez trifft sich, man sitzt beieinander, redet mit Menschen, mit denen man noch nie ein Wort gesprochen hat. Und das sonst vermutlich auch nicht täte. Welten treffen aufeinander. Was vorher unversöhnlich erschien, ist plötzlich so leicht. Und dann ist sogar Europa ziemlich gut und nahe. Man hört zu, hat Lust auf Miteinander. Alle sind entspannt, grinsen vor sich hin, haben gute Laune. Ich auch sehr!

Die Fanmeile in Berlin finde ich gut. Ich mag die Lebenslust der Menschen, ihre Freude und Ausgelassenheit, die gute Stimmung und es freut mich, dass alle friedlich beieinander sind. Ich bin jetzt aber 67 Jahre alt. Stunden dort zu stehen, zu schieben und zu drängeln, lange für eine Brause oder ein Bier anzustehen, darauf habe ich einfach keinen Bock. Ich bin bequemer geworden, auch träger, eine Toilette habe ich übrigens auch gerne in der Nähe und deshalb überlasse ich das Feld sehr gerne der Jugend.

Mir die Europameisterschaft zu Hause anzuschauen, das ist mir aber zu langweilig, Karten fürs Olympiastadion habe ich leider nicht. Für Fußball kann ich mich aber eher in der Gemeinschaft begeistern. Das „ZAP“ ist eine kleine Kneipe, gleich um die Ecke bei mir Kiez, Seelingstr. 22. Ich bin mehr der Kaffeehaus-Gänger, lief deshalb in den letzten Jahren meist daran vorbei. Zu Unrecht, wie ich nun merkte. Cafés stehen ja oft nicht so auf Fußball, da geht es meist ruhiger zu. Bei der Europameisterschaft will ich dagegen Stimmung, es darf und soll lauter zugehen. Will ich meine Ruhe, kann ich ja ins Kino gehen.

In der Fußballkneipe ist alles anders

Meine Freundin und ich sind in den letzten Tagen im „ZAP“ zu Stammgästen geworden. Der große Bildschirm und das gemütliche Ambiente luden ein, außerdem kennt man sich vom Grüßen. Und man sollte sich schon etwas zeitiger auf den Weg machen, um einen guten Platz zu ergattern. Doch wer später kommt, findet auch noch einen Stuhl am Rand. Der Wirt und seine tolle Mannschaft sorgen freundlich für alle.

Die Getränke sind preiswert, ich mag die Cocktails besonders, der Caipirinha ist sehr lecker. Zu Essen gibt es nichts. Wie es früher in Berlin Tradition war, kann man sich aber etwas mitbringen. Einige richten sich auf den Tischen kleine Buffets an. Oder lassen sich eine Pizza liefern. Meine Freundin Maria macht leckere Buletten, eine Stulle dazu, ein paar Gemüse-Sticks und schon kommt man gut über die Zeit. Zwei Spiele hintereinander zu schauen, das dauert nämlich Stunden. Und ab dem Achtelfinale kommen ja manchmal noch Verlängerungen hinzu.

Oft bleiben wir im Leben doch in unseren „Blasen“, im vertrauten Umfeld, mit Freunden. In der Fußballkneipe ist alles anders und das ist auch gut so. Die Mischung der Menschen ermöglicht Begegnungen, die ich sonst so nicht immer kenne. Und die Bereitschaft dazu ist einfach gewachsen. Ich spreche dabei nicht vom Alter oder der Herkunft der Gäste, das ist insgesamt einfach seit Jahrzehnten gut gemischt in unserem Kiez. Auch nicht von Armut oder Reichtum, auch hier ist das Spektrum breit.

Nachbarschaft wird neu justiert

Aber die Arten, das Leben anzugehen, zu bewerten, einzuordnen, sind doch sehr unterschiedlich. Nicht nur beim Fußball, sondern auch bezogen auf die Politik, das Zusammenleben oder das Gegeneinander, die Liebe und das Leben. Auch ich winke ja mittlerweile oft ab, wenn mir eine Meinung zu exotisch ist, zu fremd, eben nicht meine. Ich glaube, das ist kollektiv so. Aber neben dem Fußball üben sich viele hier nun auch im Zuhören. Nachbarschaft wird neu justiert. Gleichermaßen platt wie wahr: Sport verbindet.

Wir Menschen sind einfach alle anders, eben unterschiedlich. Diese kleine Erkenntnis ist wahrlich nicht neu. Ich aber lerne das gerade wieder als Bereicherung kennen. Im Wege stehen wir uns doch leider oft genug. Und ich hoffe, dass von dieser Einsicht etwas in den Alltag zu retten ist.

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