Aktuell braucht es noch ein bisschen Fantasie, um sich „Leonie“ in Aktion vorzustellen. Die Fenster fehlen. Im Inneren hat sich Wasser gesammelt. Außen gibt es Stellen, an denen das Material abgeplatzt ist. Auf dem Gelände der Bootswerft Rudow am Ufer des Teltowkanals arbeiten Michael Taheri (40) und Robin Lutum (39) jedoch mit Hochdruck daran, das Boot wieder fitzubekommen. Ende Juni, so ihr Ziel, wollen sie es wieder zu Wasser lassen.

„Leonie“ soll einen besonderen Zweck erfüllen. Gebaut wurde das Boot 1988. Vor zweieinhalb Jahren kaufte es Michael Taheri für 3500 Euro über Kleinanzeigen. Er wollte es vor allem selbst und gemeinsam mit seinen Freunden nutzen. Einen Bootsführerschein hatte er bereits. Etwa vier Jahre bewarb er sich für einen Bootsliegeplatz in Berlin. Als er diesen endlich bekam, suchte er ein Boot und schlug bei „Leonie“ zu.
Boot bei Kauf „eigentlich ein Totalschaden“
Deren Zustand damals bezeichnet er als „reparaturbedürftig“. Neu sei nur der Motor, der Rest „eigentlich ein Totalschaden“ gewesen. Der Unterboden des Boots war undicht. Es brauchte eine komplett neue Hülle mit Epoxidharz. Etwa die gleiche Summe wie den Kaufpreis musste er investieren, um „Leonie“ fahrtüchtig zu bekommen.

„Ich habe dann aber gemerkt, dass ich selbst gar nicht so oft rausfahre.“ So fing er an, sein Boot immer mehr an Freunde und dann auch an weitere Menschen aus seinem Kiez in Baumschulenweg zu verleihen. Nach und nach wurde „Leonie“ so zu einem Ort, an dem Menschen zusammenkommen, die sich sonst oft nicht begegnen.
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Was Initiator Michael Taheri aus Baumschulenweg antreibt
Mittlerweile ist Michael Taheri in vielerlei Hinsicht in Baumschulenweg engagiert. Vor acht Jahren zog der 40-Jährige, der aus Nordrhein-Westfalen kommt, in die Gegend. Dort fühlt er sich längst zu Hause. Zuletzt war Taheri, der BWL studiert hat, selbstständig als Unternehmensberater tätig. Aktuell aber kümmert er sich ausschließlich darum, soziale Projekte in seinem Kiez umzusetzen. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gemeinschaft zu fördern. Sein Antrieb: etwas gegen die Spaltung der Gesellschaft tun.

Inzwischen hat er eine ganze Reihe Mitstreiter, die bald einen Verein gründen wollen. Wie Ingenieur Robin Lutum, der ihm bei der Reparatur des Boots hilft. Die soziale Initiative aus Baumschulenweg verweist darauf, dass in Berlin aktuell viele soziale und kulturelle Bereiche unter Haushaltskürzungen leiden. Es geht ihnen als Bürgern darum zu zeigen, dass sie hinter sozialem Engagement stehen. Und sie möchten jenen Menschen Wertschätzung entgegenbringen, die sich sozial engagieren. Gerade diese Wertschätzung kommt laut Michael Taheri in unserer Gesellschaft zu kurz.

Genau da kommt „Leonie“ ins Spiel. Mit ihr organisiert die Nachbarschaftsinitiative kostenlose Bootstouren für soziale Einrichtungen, deren Mitarbeiter, Ehrenamtliche und Besucher. Denn: „Bootfahren ist teuer“, so Taheri. „Es geht dabei nicht nur um Freizeit, sondern auch um Begegnung, Austausch und kleine Momente des Durchatmens für Menschen, die sonst oft wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommen“, erläutert er. In den beiden vergangenen Jahren waren mit dem Boot bereits Volunteers eines Sprachcafés sowie junge Erwachsene vom Verein Straßenkinder unterwegs.
5200 Euro sollen für Reparatur über Crowdfunding zusammenkommen
Zur dritten Saison stehen nun aber dringende Reparaturen an. Dafür wurde eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. 5200 Euro werden benötigt. Baustellen gibt es viele. Das größte Problem: An mehreren Stellen dringt das Wasser von oben ein. Diese Bereiche müssen grundlegend repariert werden. Das ist die Basis, damit das Boot überhaupt wieder fahren kann. Außerdem gibt es aber noch viele weitere Mängel, die behoben werden sollen. Dazu zählen unter anderem verschimmelte Polster, ein defekter Fahrersitz, ein beschädigtes Geländer, eine gebrochene Scheibe und ein klemmendes Gaspedal.

Mit dem Geld aus dem Crowdfunding sollen aber nicht nur diese Reparaturen finanziert werden. Damit sollen auch laufende Ausgaben wie der Liegeplatz, die Wartung und der Betrieb für diese Saison gedeckt werden. Der Initiative geht es darum, „Leonie“ langfristig als soziales Projekt für den Kiez und soziale Einrichtungen in Berlin zu erhalten.
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Kommen noch mehr Spenden zusammen, soll das Boot so weiterentwickelt werden, dass es in Zukunft auch mehr Komfort zu bieten hat. Als Beispiele zählt Michael Taheri Vorhänge gegen Hitze, eine bessere Stromversorgung an Bord, warme LED-Lichter, Getränkehalter, Aschenbecher, einen Kühlschrank für längere Touren und gegebenenfalls ein festes Soundsystem auf. Mit einer Standheizung könnte „Leonie“ darüber hinaus länger im Jahr auf dem Wasser bleiben.
Bootfahren ist teuer.
Michael Taheri, Nachbarschaftsinitiative aus Baumschulenweg
Bootsführerschein wegen 15-PS-Motor nicht erforderlich
„Diese Dinge sind kein Muss – aber sie machen einen echten Unterschied. Denn ‚Leonie‘ ist auch ein Angebot für soziale Einrichtungen und die Menschen, mit denen sie arbeiten. Und wenn wir von Wertschätzung sprechen, gehören auch ein gewisser Komfort und eine gute Atmosphäre dazu“, betont Taheri.

Mit bis zu acht Leuten an Bord sei es gemütlich, berichtet Robin Lutum. Weil der Motor 15 PS hat, ist ein Bootsführerschein nicht erforderlich. Wer das Projekt unterstützt, kann sich gleichzeitig selbst eine Bootstour sichern. Michael Taheri freut sich über jede Unterstützung. Nach Ende der Kampagne, die bis zum 7. Juni läuft, will er alle, die sich beteiligt haben, kontaktieren und dann die gewünschten Touren koordinieren. Zudem sucht er weitere soziale Einrichtungen, Initiativen und Projekte, die Interesse an einer kostenlosen Fahrt mit „Leonie“ haben.
Den Bootsnamen hat er übrigens vom Vorbesitzer übernommen. „Man sagt, es bringt Unglück, den Bootsnamen zu ändern. Deswegen haben wir ihn so belassen“, erklärt er.




