Ein einziger Satz kann für gewaltige Aufregung sorgen. Diese Erfahrung macht gerade die Fleischerei Vogel im Einkaufszentrum Taut Passage am S-Bahnhof Grünau. Anfang Oktober hatte das Familienunternehmen ein kleines Schild mit der Botschaft „Nazis müssen draußen bleiben! Danke“ an der Eingangstür befestigt. Dies sorgte nun innerhalb weniger Tage für einen Riesenwirbel.
Am Mittwoch vergangener Woche veröffentlichte jemand ein Foto von dem Schild in der Facebook-Gruppe Köpenick. Dazu schrieb die Person: „Nachdem ich dieses Schild im Schaufenster sah, meinte ich mit freundlicher Stimme, dass ich die AfD gewählt hätte und ob ich deshalb ein Nazi für sie wäre? Ich wollte einfach nur wissen, wer für sie als Nazi in Betracht kommt. Darauf wurde ich des Ladens verwiesen und nicht bedient. So ein Verhalten ist skandalös und nicht entschuldbar.“
Facebook-Beitrag wird tausendfach kommentiert und geteilt
Seitdem wurde dieser Beitrag mehr als 5600-mal kommentiert und über 600-mal geteilt. Die Reaktionen reichen von Hass bis Zustimmung. „So ein Drecksladen“, „Boykottieren!“, „So eine respektlose Frechheit kann nicht geduldet werden“, „Dem hätte ich sofort eine saftige Anzeige reingedrückt!“ oder „Möge der Laden schnellstmöglich in die Insolvenz kommen“ sind nur einige von zahlreichen negativen Kommentaren.

Demgegenüber stehen Botschaften wie „Da werde ich auf jeden Fall einkaufen. Danke für den Tipp“, „Guter Mann, dieser Ladenbesitzer!“ oder „Klasse! Wird in Zukunft öfter besucht“. Und einer kommentiert: „Der nette Besitzer schreibt lediglich, dass er keine Nazis im Geschäft haben möchte. Dann kommen ein paar AfDler und fühlen sich angesprochen. Merkt Ihr was?“
Das sind die Folgen für die Fleischerei Vogel im Einkaufszentrum Taut Passage
Knapp eine Woche nach dem folgenreichen Facebook-Beitrag treffen sich Fleischermeister Thomas Vogel (61), seit 2018 Betreiber der Fleischerei, und sein Sohn Florian (31) mit der Morgenpost zum Gespräch. Sie selbst haben keine Profile in den sozialen Medien und deshalb von den gewaltigen Reaktionen dort zunächst nicht viel mitbekommen, erzählen sie. Allerdings hätten sie sich auch vorher im Laden schon einiges anhören müssen, seit sie das Schild dort angebracht haben.
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„Ich kriege auch viel Zustimmung, aber es kommen auch Leute rein und beschimpfen uns. Also die kommen in den Laden und brüllen sofort los, was wir uns einbilden“, berichtet Thomas Vogel. Seit der Veröffentlichung bei Facebook habe er mehrere E-Mails mit wüsten Beleidigungen erhalten. Auch gebe es immer wieder wütende Anrufer. Sein Sohn spricht von „Telefonterror“. Zudem sei es schon mehrmals vorgekommen, dass bei der zweiten Botschaft auf der Rückseite des Schildes, wo „Kein Platz für Rassismus!“ steht, von Besuchern das Wort „kein“ durchgestrichen wurde. „Das ist doch nicht normal“, so Florian Vogel.

Am vergangenen Freitag, erzählt Thomas Vogel, hatte er ein älteres Pärchen im Laden. Dieses habe bei ihm zunächst Ware im Wert von mehr als 100 Euro bestellt. Er habe dann Fleisch und Wurst entsprechend zugeschnitten, Knochen ausgelöst, sogar noch Kochtipps gegeben und alles verpackt. Ganz am Ende habe sich das Paar dann als AfD-Wähler zu erkennen gegeben, ihm gesagt, er könne seine Waren behalten und dazu hämisch gegrinst.
„Nazis müssen draußen bleiben!“ – das war der Auslöser für das Schild
Wie es überhaupt zu der Idee für dieses Schild am Eingang kam? „Der Auslöser war, dass ich einen Deutschen mit ausländischen Wurzeln als Gesellen eingestellt habe“, erklärt Thomas Vogel. Ein „prima Kerl“ sei das gewesen. Im August fing der deutsch-türkische Geselle aus Altglienicke als Angestellter bei ihm an – und wurde aufgrund seines Aussehens seitdem andauernd von Kunden kommentiert.
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„Immer wieder kam: ‚Ach, Sie verstehen meine Sprache?‘ und ‚Ach, weil Sie das Wort Schrippe so schön ausgesprochen haben, dürfen Sie mir jetzt ein Brötchen verkaufen.‘ und und und“, erzählt der Fleischermeister. Er empfindet das als „hirnlos“ und „niederträchtig“. Florian Vogel hat auch mehrfach mitbekommen, wie sein Arbeitskollege als „scheiß Ausländer“ beschimpft wurde.

„Irgendwann kam er dann mal zu mir und sagte: ‚Du, ich halte das hier nicht mehr aus. Ich bin ein selbstbewusster, junger Mann. Irgendwann mal schnappe ich jemanden, und dann eskaliert das. Das möchte ich nicht‘“, sagt Thomas Vogel. Außerdem habe sein Angestellter zu ihm gesagt: „So ein Team wie euch würde ich gern in meinem Freundschaftskreis für immer haben, aber ich kann hier nicht mehr arbeiten.“ Mitte Oktober habe er gekündigt. Das Schild am Eingang sei die Reaktion auf diese Vorfälle gewesen.
Manche AfD-Wähler fühlen sich angesprochen, sind aber nicht gemeint
Er habe einfach nur einen respektvollen Umgangston und keine rassistischen Parolen mehr in seinem Laden haben wollen, betont Thomas Vogel. Dass der Mann, der den Facebook-Beitrag veröffentlicht hatte, aus seinem Laden verwiesen wurde, sei eine Lüge. „Das stimmt nicht. Wir haben noch nie jemanden des Ladens verwiesen deswegen.“
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Mit seiner Botschaft habe er auch nie impliziert, dass AfD-Wähler bei ihm nicht mehr einkaufen dürfen. Doch genau das sei verbreitet worden. „Die Leute differenzieren ja auch nicht“, meint er. Die AfD habe er nie erwähnt, doch viele AfD-Sympathisanten fühlten sich durch das Wort „Nazi“, dessen Bedeutung klar definiert ist, automatisch angesprochen. Mit dem Ausmaß der Reaktionen habe er wirklich nicht gerechnet.

„Ich finde es geisteskrank, dass dieses Wort auf so viel Gegenwehr stößt“, so Florian Vogel, der die Idee für das Schild hatte. Seinem Vater zuliebe, der auch ein bisschen Sorge um die Sicherheit des Ladens und der sechs Angestellten hat, hat er die Botschaft inzwischen aber weggewischt. Nun steht auf dem Schild: „In unseren Herzen sind wir Menschen. Unser Land ist die Welt. Denkt mal drüber nach.“





