Sonntagmorgen um halb zehn im Forst Plänterwald: Ein paar Jogger sind schon unterwegs in dem 89 Hektar großen Waldstück im Bezirk Treptow-Köpenick. Auch ein paar Hundebesitzer sind da und kinderwagenschiebende Mütter. Plötzlich ist das Hecheln von Hunden zu hören und Rufe: „Zieh voran, Dante“, „Kena laaangsam“, „Aaron, hinter“.
Passanten bleiben stehen, erstaunte Blicke. Ein Rudel Hunde zieht vorbei. Sie sind vor Kutschen aus Metall gespannt. Einige ziehen allein, andere zu zweit. Auf dem „Bock“ sitzt Herrchen oder Frauchen, eine Lenkstange in der Hand. Für die Gassi gehenden Artgenossen haben die Zughunde keinen Blick übrig. Sie müssen ihre Besitzer sicher durch den Wald und zurück in das Vereinsheim an der Neuen Krugallee bringen. Dort, hinter dem Treptower Rathaus, hat der Begleit- und Zughundeverein Berlin e.V., der älteste seiner Art in Deutschland, sein Übungsgelände.
Zughundesport ist in Deutschland noch recht unbekannt
Seit mehr als 35 Jahren gehen hier Hundebesitzer ihrem Hobby nach – dem Zughundesport. Jetzt steht die in Deutschland noch recht unbekannte Freizeitaktivität kurz vor der Anerkennung als Trendsportart unter dem Dach des Deutschen Hundeverbandes (DHV). Auf der letzten DHV-Tagung hatten sich die Präsidiumsmitglieder und Vorsitzenden der Mitgliederverbände mehrheitlich dafür ausgesprochen, den Zughundesport in Deutschland zu etablieren.
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Überzeugt hatte den DHV-Präsidenten Wolfgang Rüskamp ein persönliches Erlebnis. Bei einer Vorführung des Berliner Zughundevereins in Brandenburg hatte Rüskamp eine Runde mit der Hundekutsche gedreht. „Ich war begeistert, aber auch ein bisschen angespannt“, gibt der 61-jährige Nordrhein-Westfale zu. Zwar wird so ein Gespann nur um die 15 Stundenkilometer schnell – der Fahrer muss sich aber auf den Hund verlassen können. Hundegespanne gelten in Deutschland laut Straßenverkehrsordnung als Kutschen und dürfen sogar am Straßenverkehr teilnehmen.
Für Susanne Preuß, Vorsitzende des Zughundevereins Berlin, geht jetzt ein Traum in Erfüllung. Seit vielen Jahren kämpft die 52-Jährige darum, dass es in Deutschland verbindliche Regeln für das Ziehen von Hunden gibt. Die gelernte Forstwirtin hat jahrzehntelange Erfahrung mit dem Anspannen von Hunden. Einer ihrer Berner Sennenhunde war in den 90er-Jahren sogar anerkannter Diensthund der Berliner Forsten.
Zughundearbeit ist Jahrhunderte alt
Der Einsatz von Arbeitshunden ist heute eher ungewöhnlich. Dabei ist Zughundearbeit Jahrhunderte alt. „Mal war der Zughund Prestigeobjekt des Feudaladels, dann wieder das Pferd des armen Mannes“, sagt Preuß. Um 1900 habe es noch 150.000 Karrenhunde auf dem Land gegeben, die die Stadtbevölkerung mit Waren versorgten. Am bekanntesten dürften die Schweizer Sennenhunde sein, die, wenn sie nicht gerade die Kinder und das Vieh hüteten, Milchkarren von Hof zu Hof zogen, meist ohne menschliche Begleitung. Dann wurden die Zughunde durch die Technik verdrängt. Geblieben ist eine Reihe von Rassen, die zum Arbeiten gezüchtet wurden, vor allem große schwere Hunde, mindestens 50 Zentimeter hoch und 30 Kilo schwer. Sie ziehen, je nach Rasse, problemlos das Zwei- bis Fünffache ihres Körpergewichtes. „Nicht ausgelastet, können sie nervös oder verhaltensauffällig werden“, so Preuß. Im Prinzip könne jeder Hund mit gesunden Gelenken ziehen. So sind im Berliner Zughundeverein neben den Großen Schweizer Sennenhunden und den Berner Sennenhunden auch Schäferhunde, Doggen, Labradore und Rottweiler mit dabei.
„Nach dem Erlernen der Grundregeln werden die Hunde das erste Mal im Alter von 18 Monaten angespannt“, sagt Preuß. Vorher seien die Muskeln und Knochen noch nicht ausreichend belastbar. Für die Ausfahrten benutzen die Vereinsmitglieder das aus Norwegen stammende Sacco Cart, ein 32 Kilo schweres Gefährt mit Lenkstange, Handbremse und einem gefederten Sitz. Der Wagen, der mit einem oder zwei Hunden gefahren werden kann, kostet 2000 Euro. Ein gebrauchter Wagen für einige Hundert Euro tue es aber auch, so Preuß. Zudem gebe es im Verein auch Wagen zum Ausleihen.
Für das Training auf dem Platz stehen Pritschenwagen bereit. Hier geht es um Präzision. „Belohnung durch Leckerlis gibt es nur selten. Futter lenkt ab und kann, falsch eingesetzt, zu Unfällen führen“, so Preuß. Ihr Aaron sei sogar beleidigt, wenn er für seinen Job etwas zugesteckt bekomme.
Mit Begeisterung lerne der neun Jahre alte Rüde dagegen den Nachwuchs an. Wie die zweijährige Sennenhündin Grace. Für ihre Besitzerin Stefanie Walter ist der Zughundeverein ein Glücksfall. Ihr gefalle neben der netten Atmosphäre im Verein und den Ausflügen ins Umland, dass Mensch und Hund gemeinsam etwas leisten. „Das stärkt die Bindung“, so die 28-Jährige, die mit ihrem Lebenspartner und einer weiteren Sennenhündin, der neun Monate alten Maya, in Zehlendorf wohnt.
Auf dem Gelände gibt es keine Zwinger oder Boxen
Wichtig ist den Zughundesportlern auch, dass ihre Hunde gut sozialisiert sind. Auf dem etwa 3000 Quadratmeter großen Hundesport-Gelände gibt es keine Zwinger oder Boxen. Wenn nach der morgendlichen Ausfahrt am Sonntag im Vereinsheim gefrühstückt wird, sind die Hunde mit dabei, lernen nicht zu betteln oder unter den Tisch zu kriechen. Es wird gespielt und getobt oder ein Schläfchen gehalten. Denn Zughundsport fordert nicht nur die Muskeln, sondern auch das Gehirn. Schließlich muss ein Zughund vorausschauend denken, Anweisungen wie „rechts“ und „links“, „zieh voran“ und „steh“ korrekt ausführen. Und er muss selbstständig entscheiden, wenn ein Hindernis auftaucht.
Jetzt wartet auf die Zughundesportler und die Verantwortlichen beim DHV ein Stück Arbeit. Vereine und Gruppen aus ganz Deutschland, die schon Hunde ziehen lassen, müssen gefunden werden. Ein Arbeitskreis ist geplant, geeignete Wagen und Zuggeschirre, die die Anforderungen des Tierschutzes erfüllen, müssen ausgewählt und zugelassen werden. Für die Prüfungsordnung liegt dem DHV schon ein Entwurf des Berliner Zughundevereins vor. „Anfang 2018“, so hofft Rüskamp, „können wir die Ergebnisse dem Verband des Deutschen Hundewesens (VDH) zur Prüfung vorlegen“. Dem Zughundesport mit nationalen Meisterschaften, vielleicht sogar irgendwann auf internationaler Ebene, stehe dann nichts mehr im Wege.


