Alles am Fluss

Singen auf der Spree - Das Tonstudio im Treptower Hafen

Mitte der 90er kauften sich zwei Kreuzberger die beiden stillgelegten Schiffe „Heiterkeit“ und „Frohsinn“. Umgebaut zu Wohnbooten beherbergen sie heute auch Tonstudio und Eventplanungsagentur.

Foto: Massimo Rodari

„Heiterkeit“ und „Frohsinn“ findet man in Berlin auf der Spree. Genauer gesagt liegen „Heiterkeit“ und „Frohsinn“ am Treptower Hafen vor Anker. Unterwegs sind die beiden alten Passagierschiffe heute nämlich nicht mehr. Im Ruhestand sind sie deswegen jedoch auch nicht. „Heiterkeit“ und „Frohsinn“ dienen heute als Tonstudio und Eventplanungsagentur.

An Deck der beiden weißen Schiffe blüht Oleander. Anja Naumann-Jenssen schützt sich mit einem schwarzen Cowyboyhut vor der sengenden Sonne. Ihr Partner Toshi Rösner sitzt auf einer weißen Bank am Bug und blickt über das glitzernde Wasser. „Wo hat man das schon, dass man Musik aufnimmt, während Enten an einem vorbeischwimmen?“, fragt der 49-Jährige.

1994 lernten sich die Kreuzberger auf einem „Ärzte“-Konzert kennen. Rösner war als Toningenieur dabei, Naumann-Jenssen arbeitete für die Plattenfirma der Berliner Punkband. Für die „Ärzte“ lief es damals gut, für ihre Plattenfirma allerdings weniger. Mitte der Neunziger lösten sich „Metronome Records“ auf.

Faible für Sportboote und Käufergeschick

Die heute 50-jährige Naumann-Jenssen begann erst als Musikredakteurin für das Radio zu arbeiten, fasste dann aber schnell den Plan, sich selbstständig zu machen. Ihre Musikagentur sollte Öffentlichkeitsarbeit, Ton- und Aufnahmetechnik aus einer Hand bieten. Und nicht etwa in einem Büro, sondern auf zwei Schiffen beheimatet sein. „Sie hatte schon immer ein Faible für Sportboote und ein gutes Händchen dafür, Schiffe vergleichsweise günstig zu kaufen“, sagt Rösner auf Deck der „Heiterkeit“. Naumann-Jenssen steht ihm gegenüber, nickt, lächelt.

Im Treptower Park entdeckte das Paar Ende der Neunziger die „Heiterkeit“. Ein 1904 gebautes Passagierschiff, das im Zweiten Weltkrieg bei einem Fliegerangriff auf die Siemenswerke getroffen und versenkt wurde. „Nachdem es geborgen wurde, war es in den 60er-Jahren für die ,Weiße Flotte‘ als Passagierschiff unterwegs“, erzählt Naumann-Jenssen. „Zum Müggelsee ist es häufig gefahren“, ergänzt Rösner.

Als das Paar das Schiff kaufte, hatte die Natur es bereits in Beschlag genommen. Rösner zeigt auf den weiß gestrichenen Eingangsbereich am Bug. „Da stand ein ganzer Busch.“ Das Schiff sei für ihre Personenschifffahrtsgesellschaft zuletzt nicht mehr wirtschaftlich gewesen. „Die ‚Heiterkeit‘ verbraucht 100 Liter Diesel pro Stunde“, sagt ihr heutiger Besitzer Rösner: „Wir haben den Anlegeplatz mit ihr noch nie verlassen.“

Sabrina Setlur, Rio Reiser, Basement Jaxx

Aus Magdeburg holte das Paar die „Frohsinn“. Beide Schiffe wurden zu Wohnbooten umgebaut und weiß gestrichen. Der Steg zwischen ihnen mit einem blauen Teppich ausgelegt. „Superstar“ steht auf den Fußmatten, die vor den Treppenstufen der Schiffe liegen. 1998 gründeten die Kreuzberger „All about Music“.

Der Musikbranche ging es damals noch deutlich besser, als heute. Der Einrichtung des Tonstudio Schiffe sieht man die 90er-Jahre noch an. Im Eingangsbereich des ehemaligen Fahrgastraums steht ein Tresen mit türkisfarbenen Hockern. Eine Discokugel hängt von der Decke. „Früher haben wir hier auch mal gefeiert, heute halten wir vor allem Besprechungen ab“, sagt Rösner.

An dunkelblauen Stellwänden hängen verblichene CD-Cover: Sabrina Setlur, Rio Reiser, Basement Jaxx und die Toten Hosen. Anja Naumann-Jenssen hat die Öffentlichkeitsarbeit für diese Künstler gemacht. An einer Wand hängen Goldene Schallplatten der „Ärzte“. „Für Anja. Rod liebt dich“, steht auf einer.

Hirnblutung zwingt die PR-Frau zum Umdenken

2000 platzte der PR-Frau ein Blutgefäß im Kopf. In Folge der Hirnblutungen verlor sie ihr Sprachvermögen und einen Großteil ihrer Erinnerungen. „Ich musste einsehen, dass ich meinen Job so nicht mehr ausführen kann“, sagt Naumann-Jenssen. Erinnerungen und Sprache hat sie sich mittlerweile zurück erkämpft. Trotzdem fehlt ihr manchmal noch ein Wort. Lesen und Schreiben kann sie bis heute nicht.

Ihre Firma kümmert sich heute um das Spezialgebiet ihres Partners, Veranstaltungstechnik. „Die Branche hat sich verändert“, sagt Rösner. Im Flur hin zu dem Großraumbüro an Bord hängen Crew-Pässe etlicher namenhafter Künstler und Musikgruppen. Für eine bekannte amerikanische Sängerin, die mal Teil einer berühmten Girlgroup war, hat Rösner Licht- und Ton eingestellt.

„Sie ist eine Perfektionistin“, sagt er. „Sie gibt einem kaum Raum, kreativ zu sein. Sie diktiert ganz genau, wann wo welcher Schritt, welches Licht auslösen muss.“ Eine andere Band mache öffentlich auf betont rabiat, in einem der Tourwagen fahre aber immer ein Priester mit, damit man unterwegs Gottesdienste abhalten könne. Rösner lacht: „Ich könnte Geschichten erzählen…“

„Heiterkeit“ und „Frohsinn“ sind Programm

Das Tonstudio unter Deck wird heute vor allem an Musiker vermietet. „Hier wird aber auch mal ein Hörspiel produziert. Und Helmut Krauß, die deutsche Synchronstimme von Samuel L. Jackson, gibt hier regelmäßig Synchronunterricht“, erzählt Rösner. Die Idee, ein eigenes Label aufzubauen, hat das Paar mittlerweile verworfen.

Naumann-Jenssen kümmert sich stattdessen um das Wohl von Künstlern und natürlich um das Wohl ihrer beiden Schiffe. „Wir sind nicht mehr solche Karrieristen“, sagt sie und grinst ihren Partner an. „Heiterkeit“ und „Frohsinn“, die Namen ihrer Schiffe, sie sind hier Programm.