Ein flötender Gesang, erst leise, dann immer lauter, schallt irgendwo aus einer Baumkrone zu Klaus Witt hinüber. Frage an den Experten, der sein Fernglas zückt: Wer trällert da so ausdauernd seine Strophen durch den Wald?

Der Vogelkundler Witt erklärt ohne ein Zögern: Das ist die Mönchsgrasmücke, Flügelspannweite bis 23 Zentimeter, Gattung der Sperlingsvögel. Charakteristisch seien eine schwarze Federkappe beim Männchen, beim Weibchen eine braune.

Ein Merkmal übrigens, erklärt der Ornithologe, das zu dem Zusatz „Mönch“ im Namen geführt habe. „Der zweite Namensteil im Übrigen rührt von einem sprachlichen Missverständnis her“, sagt der Doktor der Physik. Er leitet sich ab vom mittelhochdeutschen „Gra smiege“, was eigentlich so viel wie „Grauer Schlüpfer“ bedeute, erklärt Witt. Dass der Zusatz „Gras“ in den Namen rutschte, führt er also auf einen über die Jahrhunderte entstandenen Übersetzungsfehler zurück.

Zählzeit der Wasservögel am Wochenende

Klaus Witt, Jahrgang 1937, schneeweißes Haar und ein ebenso weißer Schifferbart, strahlt etwas Gelehrtenhaftes aus, wenn er am Schloss auf der Pfaueninsel vorbeigeht. Zwar erfolgen derzeit keine groß angelegten Zählungen von den hier lebenden Wasservögeln, doch kontrolliert der Ornithologe Witt regelmäßig die Lebensräume der rund 1000 Wasservögel, die schätzungsweise zwischen Glienicker Brücke und Pfaueninsel leben. Jetzt, am Ende der Brutzeit vieler Vögel, sind es weniger.

Die Zählung der Wasservögel an der Havel erfolgt ganz klassisch, mit Bleistift und Notizblock. Im Anschluss erfasst Klaus Witt den Bestand auf digitalen Zählbögen am Computer. Das gesamte Berliner Gebiet unterteilen die Vogelkundler in insgesamt 50 Abschnitte, für die sich jeweils ein Ornithologe verantwortlich zeichnet. „Mein Areal beginnt oben bei der Glienicker Brücke“, sagt Klaus Witt und zeigt über das Wasser. Rund fünf Stunden Zeit kostet es ihn den Bestand aufzuzeichnen. Die Hauptsaison der Zählungen fällt auf die Monate September bis April.

„Einmal im Monat findet am Wochenende eine Zählung statt, die von allen Zählern am selben Tag durchgeführt werden muss, um die Erhebung nicht zu verfälschen“, sagt Klaus Witt. In Brandenburg (89 Zählgebiete) werden im Schnitt rund eine Million Wasservögel gezählt, in den insgesamt 50 Zählgebieten in Berlin sind es knapp 120.000. Die ehrenamtlichen Ornithologen zählen den Bestand am Müggelsee, genauso wie zum Beispiel an kleineren Gewässern wie den Wilhelmruher Teichen oder am Teichgraben des Schlossparks Charlottenburg.

150 Kundler bei Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft

Es gibt in Berlin wenige Experten, die sich so lange und derart umfassend mit der Vogelkunde beschäftigt haben wie Klaus Witt, loben seine Kollegen. Seit der Grundschule beschäftigt er sich mit Gesängen und Physiognomie der Vögel. Bis heute: Die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft (BOA) erfasst den Bestand der Wasservögel im Großraum Berlin.

Dem Zusammenschluss, den Klaus Witt ins Leben rief, gehören inzwischen 150 Vogelkundler an. „Ziel ist nicht nur einen Überblick über das Artenspektrum zu erhalten, sondern auch zu sehen, wie sich der Bestand über die Jahre hinweg verändert“, sagt der Ornithologe. Die Daten liefern Hinweise zu Rastgebieten und langfristige Zugentwicklungen.

Klaus Witt greift mit beiden Händen das Zeiss-Fernglas, das er um den Hals gehängt hat, und blickt durch die Okulare hinaus auf die Havel: Zwei Blässhühner schwimmen über die glitzernden Wellen. Die Wasservögel bauen ihre Nester in Ufernähe, oft im Schilf oder in Weidebüschen.

Die meisten Vogelkundler sind Hobby-Ornithologen

Die Blässhühner, die ihren Namen wegen des leuchtend weißen Farbtupfers über dem Schnabel, der Blesse, tragen, sind ein Beispiel dafür, wie massiv sich Populationen verändern. „Während im Jahr 1970 noch rund 13.000 Blässhühner im Raum Berlin lebten, sind es heute nur noch 500 bis 600 Tiere“, sagt der Vogelkundler Witt. „Wegen der wärmeren Winter suchen sich die Tiere anderswo ihren Lebensraum.“

Bundesweit und auch international zeichnen die Erhebungen so ein Bild von der Häufigkeit und Entwicklung diverser Vogelarten. In Deutschland vertritt der Dachverband Deutscher Avifaunisten rund 9000 Feldornithologen und Vogelbeobachter. Eines der Mitgliedsorganisationen ist die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft, die Klaus Witt ins Leben gerufen hat und der inzwischen 150 Vogelkundler angehören.

Blässhühner, Stockenten, Höckerschwäne, Tauch-, Schell- und Reiherenten, später dann die Gänsesäger – Klaus Witt zählt die Namen der ansässigen Wasservögel auf, als würde er lateinische Substantive deklinieren. Der größte Anteil unter den Vogelkundlern sind Hobby-Ornithologen. Die klassische Laufbahn führt über ein Biologie-Studium, das einen Schwerpunkt auf den Bereich Ornithologie legt.

Alles begann mit der Zeitschrift „Der kleine Tierfreund“

Im Falle von Klaus Witt führte der Weg über eine Zeitschrift für Kinder, „Der kleine Tierfreund“, die verschiedene Vogelarten illustrierte. So fing der heute 75-Jährige schon zu Schulzeiten auf einem kleinen Dorf bei Hannover an, den Gesängen zuzuhören und seine Beobachtungen in ein kleines Tagebuch zu notieren. „Auf dem Dorf war nicht viel los. Und so war es eine Freude, wenn ich einen fremden Gesang hörte, mich langsam heranzupirschen und einfach zu beobachten“, erinnert sich Witt, der später eine Assistentenstelle im Fach Physik an der Technischen Universität in Berlin antrat.

Mit braunen Sandalen, blauem Polohemd und seinem Fernglas um den Hals geht der Ornithologe über die Kieselsteine am Ufer der Pfaueninsel. „Auf der gegenüberliegenden Uferseite gibt es eine Wasserbucht und eine kleine Halbinsel, die nicht betretbar ist“, sagt der 75-Jährige. Dort hätten sich Scharen von Kormoranen angesiedelt, übrigens der Vogel des Jahres 2010.

Nicht alle haben eine harmonische Beziehung zu Vögeln

Wenn Klaus Witt mit Stift und Zettel hier während der Hauptsaison zählt, dann bringt er für gewöhnlich auch das große Beobachtungsfernrohr samt Stativ mit, das sogenannte Spektiv. „Damit ist eine 60-fache Vergrößerung möglich“, sagt der Ornithologe. Somit kann er seine Beobachtungen auch über weite Strecken hinweg durchführen.

Eine so harmonische Beziehung zum Federvieh wie er haben nicht alle, hebt Witt hervor. „Viele der Havel-Fischer ärgern sich über die Kormorane, weil sie ihnen den Fisch wegfangen.“ Klaus Witt blickt heraus auf das glitzernde Wasser der Havel. „Ich sage dann immer: Der liebe Gott hat beide erschaffen. Er hat die Menschen gemacht. Und eben auch die Kormorane.“