Die Redewendung „Harte Schale, weicher Kern“ beschreibt nicht nur die Beschaffenheit einer Kokosnuss, sondern auch einen nach außen hin eher streng und verschlossen wirkenden Menschen, der innerlich herzlich und mitfühlend ist. Wer den Wahl-Berliner Niko Samsonidse nicht persönlich kennt, sieht meist ein hoch konzentriertes Gesicht, Kampfhandschuhe und einen Gegner, den er mit seinen Händen und Füßen niederringen möchte. Der 30-Jährige ist Profi im Federgewicht (bis 66 Kilogramm oder 145 Pfund) im Mixed Martial Arts (MMA).

MMA-Star: Ein Leben zwischen Training und WG-Alltag

Im Inneren steht Niko so ziemlich für das Gegenteil ein. Er ist ein sehr sozialisierter Mensch, der mit seinen beiden besten Freunden in einer WG in Neukölln lebt. In einer aktuell auf RTL+ zu sehenden Dokumentation mit dem Titel „Niko Samsonidse – Golden Boy der MMA“, berichtet er, dass er sich in jungen Jahren noch nie wirklich geprügelt hat. Im Interview mit der Berliner Morgenpost verrät er, was es mit seinem eher ungewöhnlichen Kämpfernamen „One Love“ auf sich hat und wie es ist vor über 60.000 Menschen zu kämpfen.

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„Zehn Jahre lang Fußball, in Wettkämpfen geschwommen und im Alter von 12 Jahren habe ich mit dem Kampfsport begonnen. Ich hatte schon immer eine recht aktive Ader“, berichtet die aktuelle Nummer 1 im Federgewicht bei Oktagon MMA. Den in Freiburg aufgewachsenen Halb-Georgier machte ein Freund auf Mixed Martial Arts aufmerksam, „eine damals recht neue Art von Sport, die extreme Sprünge macht und sich weiterentwickelt.“ In Freiburg habe es einen Verein gegeben, der Nikos Liebe für den körperbetonten Sport entfacht hat.

Brutale Kämpfe, abgeschlossenes Studium und ungeplante Wege

Parallel zu seiner kämpferischen Freizeitgestaltung hat er schon als Jugendlicher Spaß an ehrenamtlichen Aktivitäten gefunden – unter anderem als Organisator von Feriencamps für Kinder. „Als junger Erwachsener stellt man sich die Frage, was die Interessen sind und wie man sie in seinen späteren Beruf integrieren kann“, erinnert sich Niko zurück. Für das Bachelorstudium der sozialen Arbeit kam der gebürtige Freiburger vor etwa zwölf Jahren nach Berlin: „In dieser Großstadt gibt es viele Trainingsmöglichkeiten und mein Studium konnte ich auch in Berlin angehen. Dass ich einmal von dem Sport lebe, war so vorher gar nicht geplant.“

Niko Samsonidse: Berliner ist Kampfsportler und Sozialarbeiter - MMA-Star setzt sich für Kinder ein
Gemeinsam mit seinem Trainingspartner hält sich Niko im Spifire Gym in Wedding fit.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Dem Bachelorstudium setzte Niko Samsonidse auch noch einen Masterabschluss in Bildungswissenschaften auf. Eine soziale Ader und brutales Kämpfen, wie passt so etwas zusammen? Wenn der 30-Jährige vor einem Kampf angekündigt wird, hallt „Niko ‚One Love‘ Samsonidse“ durch die Halle – im vergangenen Herbst sogar vor etwa 60.000 Zuschauern bei dem Oktagon Event im Fußballstadion von Eintracht Frankfurt: „Man realisiert so einen Moment erst im Nachhinein. Es war völlig absurd, seinen Namen vor so vielen Menschen zu hören und sich dann dort beweisen zu können.“

Ungewöhnlicher Kämpfername mit großer Bedeutung

‚One Love‘, „das steht für was ich immer fühle und repräsentiere. Für Liebe und Respekt allen gegenüber, egal ob im Kampf oder auf der Straße. Die Herkunft, Religion und der Hintergrund eines Menschen sind dabei völlig egal“. Berlin und sein Ideal ‚One Love‘ seien füreinander gemacht, denn „hier gibt es für jeden Menschen die Möglichkeit zu sein, wie er oder sie ist. Man geht raus und findet Gleichgesinnte“. Die Werte möchte der 30-Jährige aber nicht nur für sich ausleben.

Mehr persönliche Geschichten aus Berlin

Er gibt Kindern und Jugendlichen seit Jahren MMA-Kurse und beeinflusst sie auf positive Art und Weise: „Sie verändern sich nicht nur körperlich, das Training hat auch einen Einfluss auf ihre Mentalität. Ich merke bei vielen eine Veränderung, sie werden selbstbewusster, werden aber auch kontrollierter und ruhiger.“ Das individuelle Coaching von sozialen Aspekten habe Auswirkungen auf ihr Verhalten im Alltag. Niko möchte ihnen etwas nachhaltig mit auf den Weg geben: „Ich wünsche mir, dass sie anderen Menschen ohne Vorurteile begegnen und sie gegenseitigen Respekt und Disziplin ausleben.“

Viele Gemeinsamkeiten im Kampf und im echten Leben

Der MMA-Kämpfer sieht eine Verbindung zwischen dem Kampfring und dem echten Leben: „Man achtet im Kampf immer darauf, sein Gegenüber nicht zu sehr zu verletzen und ist mit Sieg und Niederlage konfrontiert. Dabei lernt man, seine Emotionen zu kontrollieren und die Frustrationstoleranz verschiebt sich.“ Vor und nach dem Training mit Kindern und Jugendlichen werden Rituale eingehalten, so begrüßt und verabschiedet sich beispielsweise jeder seiner Kampfsportschüler gegenseitig.

Zurzeit arbeitet Niko an seinem Comeback bei Oktagon. Eine Handverletzung hat ihn zuletzt beschäftigt, „ich habe aber noch Bock dieses Jahr wieder zu kämpfen“. Bis es so weit ist, stehen Routinen für den 30-Jährigen im Vordergrund. Der Wecker klingelt meist um 5 Uhr morgens, um die erste von zwei Trainingseinheiten einzuläuten. Das „Spitfire Gym“ in Wedding und das „Sayyato MMA Performance Gym“ in Friedrichshain sind sein zweites und drittes Wohnzimmer.

Mit seinen beiden besten Freunden, die auch seine Mitbewohner und größten Unterstützer sind, kocht der Vegetarier oft zusammen. Ein Mittagsschlaf soll seine Kraft aufladen, bevor es in die abendliche Trainingssession geht. In Neukölln trifft man ihn häufig in Cafés; um den Kopf freizubekommen, zieht es ihn immer wieder in den Treptower Park und auf das Tempelhofer Feld.