Der Mariendorfer Damm und seine Verlängerung in Richtung Innenstadt, der Tempelhofer Damm, sind für ihr starkes Verkehrsaufkommen bekannt. Als wichtige Nord-Süd-Verbindung wird es dort vor allem zu den Stoßzeiten voll. Jetzt soll die veränderte Verkehrsführung mit neuer Spurenaufteilung auch noch zu mehr Unfällen führen. Herrschen dort nun chaotische Zustände?

Zu mehr Ordnung scheint die Neuaufteilung der Straße zumindest nicht verholfen zu haben. Vor allem an den Kreuzungen kommt es häufig zu unübersichtlichen und auch gefährlichen Situationen, wie ein Vorort-Besuch zeigt. Deutlich wird, dass Autofahrer nun zu häufigeren Spurwechseln gezwungen sind als zuvor.

Seit 2020 steigt Zahl der Unfälle am Tempelhofer Damm

Die Senatsinnenverwaltung hatte auf Anfrage des CDU-Abgeordneten Christian Zander kürzlich aktuelle Unfallzahlen vorgelegt. Es zeigte sich, dass die Zahlen der Zusammenstöße auf dem Tempelhofer Damm seit 2020 wieder steigen. Im Vergleich zum Jahr 2019 jedoch gesunken sind. Während es also im Jahr 2022 718 Verkehrsunfälle gegeben hatte, waren es 2019 sogar 830. Dass die Zahlen nun wieder steigen, hat auch mit den Corona-Jahren 2020 und 2021 zu tun, in denen deutlich weniger Verkehr auf den Straßen war.

Für den Mariendorfer Damm ist die Situation etwas anders: Während die Zahl der Unfälle im Jahr 2019 noch bei 286 lag, sank sie ein Jahr später zunächst auf 224. Im Jahr 2021 krachten 693 Fahrzeuge zusammen, im Jahr 2022 sogar 718. Dort hat sich die Situation im Vergleich zum Jahr 2019 also deutlich verschlechtert.

Neue Straßenaufteilung gibt es bereits seit 2021

Christian Zander schlussfolgert nun, dies habe mit der neuen Straßenführung zu tun, die gleichzeitig mit dem Bau des neuen beidseitigen Radwegs entstanden ist. Seit einiger Zeit finden Radfahrer am Tempelhofer Damm zwischen Alt-Tempelhof und Ullsteinstraße einen geschützten Radweg vor. Am Mariendorfer Damm wird dieser derzeit noch gebaut. Die veränderte Spuraufteilung gibt es aber bereits seit 2021.

Vor dem Radwegbau war die Verkehrsführung nämlich bereits für den Schienenersatzverkehr (SEV) der U-Bahn-Linie U6 verändert worden. Die rechte Spur war je Richtung für den Radverkehr sowie den SEV mit Bussen freigegeben. Im Falle des Mariendorfer Damms zeigten sich die Folgen dieses Umbaus auch in den Unfallzahlen, argumentiert Zander nun.

Kritik besonders an der Abbiegesituation

Der CDU-Abgeordnete Christian Zander fordert, die Spuraufteilung am Mariendorfer Damm zu verändern.
Der CDU-Abgeordnete Christian Zander fordert, die Spuraufteilung am Mariendorfer Damm zu verändern. © Berliner Morgenpost | Julia Lehmann

Der CDU-Mann bemängelt vor allem die Abbiegesituationen an einigen Kreuzungen des Mariendorfer Damms: Dort finden Autofahrer nun lediglich eine Spur für den geradeausfahrenden Verkehr vor – diese dient gleichzeitig zum Rechtsabbiegen – sowie eine Spur zum Abbiegen nach links.

Das rechtzeitige Einordnen auf die Geradeaus-Spur versäumen jedoch etliche Autofahrer. Folglich lässt sich häufig beobachten, wie Autofahrer kurz vor der Kreuzung noch die Spur wechseln wollen. Ein anderes Verhalten ist dabei deutlich gefährlicher: Statt abzubiegen, fahren immer wieder Autos einfach weiter geradeaus und bringen so die Fahrzeugführer in Bedrängnis, die rechtmäßig die Geradeausspur nutzen.

Zander schlägt Verzicht auf separate Linksabbiegespur vor

Kein Wunder also, sagt Zander, dass dies eine der häufigsten Unfallursachen ist: Fehler beim Spurwechsel. „Dieser Unfallgrund ist neu geschaffen worden“, lautet Zanders Vorwurf. „Den könnte man durch einfach Verbesserungen leicht verringern.“ Sein Vorschlag lautet, auf die separaten Linksabbiegespuren zu verzichten. Häufige Spurwechsel werden auch deshalb notwendig, weil auf den rechten Fahrspuren in regelmäßigen Abständen Lieferzonen eingerichtet wurden. Für den Verkehr bedeutet dies: Aus zwei Spuren wird immer wieder nur eine.

Auch der SPD-Abgeordnete Lars Rauchfuß ist der Meinung, dass die häufigen Verschwenkungen es den Autofahrern schwer machten. Er beobachte in der politischen Debatte, dass nun der Radweg selbst als Ursache dafür herangezogen wird. Die Radspur infrage zu stellen, dafür sehe er jedoch keinen Anlass. Er will aber auch die Autofahrer selbst nicht aus der Pflicht nehmen. „Wir könnten durch bauliche Veränderungen maximale Sicherheit rausholen, aber die Menschen müssen sich auch dran halten“, so der SPD-Politiker. Die Grünen Tempelhof-Schöneberg hatten argumentiert, die vorgelegten Unfallzahlen seien aus verschiedenen Gründen nicht aussagekräftig.

Senatsverkehrsverwaltung will sich mit Bezirk Tempelhof-Schöneberg beraten

Die Senatsverkehrsverwaltung teilt auf Nachfrage mit, dass gegenwärtig noch keine gesicherten Erkenntnisse zu den Hintergründen dieses Unfallgeschehens vorliegen würden. „Auch nicht zur Frage eines möglichen Zusammenhangs mit der neu eingerichteten Radverkehrsanlage und – zum Beispiel – ihren Auswirkungen auf die Zahl der Radfahrenden am Ort“, so ein Sprecher. Weitere bauliche Anpassungen und auch die Anpassungen der Lichtsignalanlagen würden folgen. „Im September 2023 erfolgen Abstimmungen mit dem Bezirk dazu.“

Christian Zander geht indes davon aus, dass die Unfallzahlen am Mariendorfer Damm eher weiter steigen werden. „Denn die Situation hatte sich bereits mit dem Schienenersatzverkehr im Jahr 2021 verändert. Und von einem Gewöhnungseffekt kann nicht die Rede sein“, so Zander.

Lesen Sie auch: