Am 14. April 1953 wurde das Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde eröffnet. Es diente zur vorübergehenden Unterbringung Geflüchteter aus Ost-Berlin und der gesamten DDR. An die Flucht der Hunderttausenden Geflüchteten wurde am Freitag mit einem Festakt erinnert. Und etliche Betroffene denken in diesen Tagen an ihre ganz persönliche Fluchtgeschichte zurück. So wie Leanthe Schmidt, die 1975 als 19-Jährige in den Westen geflohen war. Ihr erster Stopp war das Lager in Marienfelde.
Aus der Kleinstadt Sonderhausen in Thüringen stammend entschied die noch junge Leanthe Schmidt, dass ein Leben in der DDR für sie nicht länger möglich war. Dieser Gedanke kam Schmidt – heute 67 Jahre alt – natürlich nicht einfach so. „Meine Familie und ich haben viel Negatives in der DDR erlebt“, sagt sie im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.
Ein Onkel half der Familie bei der Flucht in den Westen
Weil die Familie Verwandte im Westen hatte, die auch immer wieder zu Besuch kamen, geriet vor allem Schmidts Vater schnell in den Blick der Staatssicherheit. Er verlor seinen Posten bei der Arbeit. „Wir haben den sozialen Abstieg erfahren“, erinnert sich Leanthe Schmidt zurück. Und weil sich der Vater weder von der Stasi rekrutieren noch von seinen Verwandten im Westen lossagen wollte, entschieden zunächst Schmidts Eltern die DDR auf eigene Faust zu verlassen. Ein Onkel im Westen unterstützte die Familie und organisierte den Ausstieg über eine Fluchthilfeorganisation. Und es gelang.
Kurz danach sollten Schmidt und ihr zwei Jahre älterer Bruder aufgrund der elterlichen Flucht selbst ins Fadenkreuz der Stasi geraten. „Wir konnten uns nicht mehr frei bewegen und wurden ständig verfolgt.“ Acht Monate später entschlossen sie sich, ihren Eltern in den Westen zu folgen. „Für mich war klar, ich kann in der DDR nicht mehr leben“, sagt Leanthe Schmidt.

Sechs Anläufe und die Trennung von ihrem Bruder brauchte es, bis die Flucht gelang. Zunächst wollte Schmidt gemeinsam mit ihrem Freund und heutigen Ehemann sowie ihrem Bruder und seiner Frau entkommen. Zu gewagt, entschieden die Schleuser nach mehreren misslungenen Versuchen. Also trennte sich die Gruppe auf: Schmidt und ihr Freund, der Bruder und seine Frau.
14 Tage dauerte Leanthe Schmidts Flucht aus der DDR. Bei Eisenach überquerten sie die Grenze, versteckt im Kofferraum eines umgebauten Fahrzeuges. Drei Stunden hatten sie dort verharren müssen. Ein nervenaufreibendes Unterfangen, das sie am Ende 30.000 DM kostete.
Schmidts Bruder und seine Frau wurden bei ihrem Versuch, in den Westen zu gelangen, gefasst und zu je zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Bruder konnte nach eineinhalb Jahren aus dem Gefängnis freigekauft werden. Schmidts Schwägerin trat die Haft aufgrund einer Schwangerschaft nicht an.
Lager Marienfelde: Es folgten Befragungen und Untersuchungen
Für Leanthe Schmidt und ihre Begleitung ging es direkt ins Notaufnahmelager in Marienfelde, im Süden Berlins. Dort mussten sie etliche Befragungen der Alliierten und Untersuchungen über sich ergehen lassen, fanden aber bei weitem nicht mehr die Flüchtlingsanstürme der 50er- und 60er-Jahre vor. Sie habe Verständnis für das Prozedere gehabt. „Man wollte schließlich wissen, wer da kommt.“
Ihre DDR-Personalausweise mussten sie abgeben, zusammen mit ihrem alten Leben. Man gab ihnen dort eine Meldeadresse und auch eine Unterkunft. Spartanisch eingerichtete Mehrbettzimmer. „Die haben wir aber nie genutzt, weil meine Eltern ja bereits in West-Berlin lebten und wir dort unterkamen“, sagt Schmidt.
Als Schmidt in den Westen flüchtete, gab es das Notaufnahmelager bereits seit mehr als 20 Jahren. Hintergrund war eine wachsende Fluchtbewegung aus der DDR in den Westen. 1952 hatte die DDR die innerdeutsche Grenze weitgehend abgeriegelt. Doch blieb bis zum Mauerbau 1961 der Weg über die Sektorengrenzen der geteilten Stadt Berlin.

Allein 1953 kamen rund 200.000 Menschen. Insgesamt durchliefen von 1953 bis 1990 rund 1,35 Millionen Menschen die Aufnahmeprozedur in Marienfelde. Dazu zählten auch Verhöre der Geheimdienste der drei Westalliierten USA, Großbritannien und Frankreich sowie des Bundesnachrichtendiensts, die sich Informationen aus dem Inneren der DDR erhofften. Die meisten Geflüchteten wurden von Marienfelde in die westdeutschen Bundesländer weiter verteilt.
Giffey (SPD): „Themen von damals sind aktueller denn je“
Die großen Fluchtbewegungen der Vergangenheit erinnern sehr an die Gegenwart, in der nur schwer genügend Unterkünfte für die Geflüchteten, etwa aus der Ukraine, gefunden werden können. Diesen historischen Bogen schlug am Freitag auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) beim Festakt zum 70. Jahrestag der Eröffnung des Notaufnahmelagers. „Das Notaufnahmelager Marienfelde war fast 37 Jahre lang die zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete aus der DDR und Osteuropa“, sagt Giffey in Marienfelde.
Man sehe heute, wie schwierig die Unterbringung von Geflüchteten sei. „Aber wie schwierig muss das gewesen sein 1953“ – so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einer geteilten Stadt, sagte Giffey. „Die Themen von damals, die Frage von ankommen, sich integrieren, sich einfinden in diese Stadt, in dieses Land, die sind aktueller denn je.“
Am Sonntag berichtet Leanthe Schmidt von ihren Erinnerungen
Auch Leanthe Schmidt stellte fest, wie wichtig eine Gemeinschaft beim Ankommen ist. Sie hatte Glück, sie konnte in West-Berlin bei ihrer Familie bleiben. Die gelernte Facharbeiterin für EDV habe schnell Arbeit gefunden und sich ein Leben mit ihrem heutigen Ehemann aufgebaut. Zwei gemeinsame Kinder sind aus der Ehe entstanden. Heute lebt Schmidt im Neuköllner Stadtteil Alt-Buckow – im Westen. „Bis heute habe ich diese innere Sperre. Ich könnte nie im Osten leben“, sagt Schmidt. Über ihre Flucht sagt sie heute: „Das ist ein Erlebnis, das sich festsetzt.“
Von ihren Erinnerungen berichtet die 67-Jährige am Sonntag (16. April, 14 Uhr) im Notaufnahmelager in Marienfelde. Dort befindet sich heute eine Gedenkstätte mit Museum.
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mit dpa



