Gewaltprävention

Regenbogenviertel soll Nachtbürgermeister bekommen

Gäste sollen sich sicherer fühlen. Das Regenbogenviertel in Schöneberg soll daher einen Nachtbürgermeister bekommen.

Die Motzstraße im Regenbogenkiez ist beliebter Anlaufpunkt für Nachtschwärmer.

Die Motzstraße im Regenbogenkiez ist beliebter Anlaufpunkt für Nachtschwärmer.

Foto: FOTO: David HeerdE

Berlin.  Das Regenbogenviertel um den Nollendorfplatz soll einen Nachtbürgermeister bekommen. Die Idee stammt aus Amsterdam, inzwischen gibt es ihn in vielen anderen europäischen Großstädten wie zum Beispiel Toulouse, Zürich oder auch Paris.

2018 stellte Mannheim als erste deutsche Stadt einen Nachtbürgermeister ein. Aus 40 Bewerbern wurde der damals 27-jährige Student Hendrik Meier ausgewählt. Dessen erklärtes Ziel ist es, eine bessere Stadt zum Leben und zum Feiern zu schaffen, die nicht nur tagsüber, sondern auch nachts sicher ist. Anwohner, Sicherheits- und Ordnungskräfte wie Polizei, der öffentliche Nahverkehr sowie Stadt und Stadtverwaltung seien durch den Nachtbürgermeister näher zusammengebracht worden, zieht das baden-württembergische Mannheim inzwischen eine positive Bilanz.

Das Quartier in Schöneberg-Nord mit dem Nollendorfplatz und der Motzstraße gehörte einst zu den zehn gefährlichsten Orten in der Stadt. Dort wurden Straftaten von erheblicher Bedeutung begangen. Inzwischen ist der Regenbogenkiez nicht mehr als kriminalitätsbelasteter Ort eingestuft.

Das Viertel mit seinen vielen schwulen- und lesbenfreundlichen Kneipen, Restaurants, Cafés, Hotels und Geschäften ist aber immer noch einer der Brennpunkte für homophobe und transphobe Übergriffe. Deren Zahl hat sich berlinweit gegenüber dem Vorjahr um 58 auf 382 Fälle erhöht, wie aus dem jüngst vorgestellten Bericht des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo hervorgeht.

164 Straftaten gegen homosexuelle und transsexuelle Menschen

Die Berliner Polizei registrierte ihrerseits 164 Straftaten gegen homosexuelle und transsexuelle Menschen. Die Zahl ist deutlich niedriger als bei Maneo, weil viele angegriffene oder beleidigte Menschen keine Anzeige bei der Polizei erstatten. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer weit höher liegt, so die Opferberatungsstelle. Vor allem viele Touristen würden nicht zur Polizei gehen, heißt es.

Die Kriminalität ist im Regenbogenkiez zwar zurückgegangen, doch weiterhin kommt es in dem bekannten Ausgehkiez zu Gewalttaten, Diebstählen, Hasskriminalität wie Bedrohungen und Beleidigungen sowie Drogenkriminalität. Vermeintliche Sexarbeiter sprechen Besucher an, lenken sie ab und rauben ihre Opfer dann aus.

Seit vergangenem Jahr ist auf dem Nollendorfplatz regelmäßig eine Mobile Polizeiwache vor Ort. Es gebe eine enge Abstimmung zwischen den Beteiligten vor Ort und polizeilicher Maßnahmen, sagte Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) am Donnerstag bei einem Rundgang durch das Ausgehviertel. Dadurch sei der Ort nicht mehr als einer der gefährlichsten zehn Orte Berlins eingestuft.

Die Bewohner des Viertels wollten schon eine Bürgerwehr

„Durch die Verstärkung der Gewaltpräventionsarbeit konnte sich die Situation im Nollendorfkiez verbessern“, betonte Aleksander Dzembritzki (SPD), Staatssekretär in der Senatsinnenverwaltung. Die Landeskommission gegen Gewalt unter seiner Leitung stelle pro Jahr jedem Berliner Bezirk 150.000 Euro für kiezorientierte Gewalt- und Kriminalitätsprävention zur Verfügung, so Dzembritzki. In Tempelhof-Schöneberg kommen vom Bezirk weitere 80.000 Euro dazu. Dennis Riechmann vom Outreach-Präventionsteam für Mobile Jugendarbeit bestätigt, dass sich die Stimmung um den Nollendorf- und Winterfeldtplatz verändert hat. „Ehe wir hier 2017 starteten, wollte sich im Viertel sogar eine Bürgerwehr gründen“, berichtet er.

Anliegern machte vor allem der offen praktizierte Drogenverkauf und - konsum zu schaffen. Es wird längst mehr miteinander geredet und gemeinsam an Verbesserungen gearbeitet, das Problem ist aber nicht gelöst: Bei einer mit Streetworkern organisierten „Spritztour“ seien im vergangenen Jahr etwa 600 bis 700 Spritzen auf Spielplätzen, in Grünanlagen und auf der Straße aufgesammelt und die Fundorte dokumentiert worden“, so Riechmann.

Die Dealer haben ihren Radius erweitert

Dabei stellte sich heraus: Speziell der Bereich um die U- und S-Bahnhöfe würden von Dealern und Konsumenten genutzt. Deren Radius habe sich erweitert. Er reiche inzwischen vom Nollendorfplatz bis zum Kleistpark und U-Bahnhof Bayerischer Platz. Der Bezirk hat auf diese Entwicklung bereits reagiert: mit einem Drogenmobil des Trägers Fixpunkt, das mindestens dreimal pro Woche zum Einsatz kommt. Damit soll der Drogenkonsum medizinisch beaufsichtigt werden, zudem erhalten die Abhängigen über die Betreuer Hilfeangebote. Außerdem wurden Spritzenabwurfbehälter aufgestellt.

„Es darf kein reiner Party-Nachtbürgermeister werden“

Bezirksbürgermeisterin Schöttler gründete einen Runden Tisch „Drogenprävention“. Welche Funktion soll der Nachtbürgermeister nun haben und wann kommt er? „Vor dem nächsten Jahr wird es nicht so weit sein“, sagte Schöttler. „Wir müssen jetzt mit allen Akteuren vor Ort sprechen und ein Konzept entwickeln.“

Laut Innensenatsverwaltung soll der Nachtbürgermeister im Regenbogenkiez dem Sicherheitsbedürfnis des Partypublikums und der Anwohner entgegen zu kommen.

Für Heike Sievers vom Outreach-Präventionsteam für Mobile Jugendarbeit im Regenbogenkiez ist ganz klar: „Es darf kein reiner Party-Nachtbürgermeister werden. Wir brauchen eine Anlaufstelle oder einen Ansprechpartner im Kiez, der die Aktivitäten bündelt.“ Ein Nachtbürgermeister also für alle. Dies fordert auch der Grüne-Abgeordnete Sebastian Walter.