Wegen Eidechsen

Grüne für Eidechsen statt Gewerbe am Tempelhofer Feld

Südöstlich des Tempelhofer Feldes wurden Eidechsen entdeckt. Die Grünen wollen sie schützen und den Flächennutzungsplan ändern lassen.

Aus dem ehemaligen Flughafengelände in Tempelhof soll ein Naturpark werden

Aus dem ehemaligen Flughafengelände in Tempelhof soll ein Naturpark werden

Foto: dpa Picture-Alliance / Fotoatelier Berlin / picture alliance / imageBROKER

Berlin. Das Tempelhofer Feld ist nicht nur Freizeitparadies für erholungsbedürftige Berliner, sondern auch Lebensraum für Tiere und seltene Pflanzen. Zahlreiche Heuschreckenarten gibt es dort inzwischen, auch Feldlerchen, Schmetterlinge und sogar Wachteln scheinen sich hier, mitten in der Großstadt, wohlzufühlen.

Im Bereich der Kleingartenkolonien Tempelhofer und Neuköllner Berg südöstlich des Tempelhofer Feldes wurden auch Eidechsen entdeckt. Um sie zu schützen, wollen die Grünen in Tempelhof-Schöneberg und Neukölln nun den Flächennutzungsplan ändern lassen. Denn der in Berlin derzeit geltende vorbereitende Bauleitplan sieht am Rande des Tempelhofer Feldes Gewerbeansiedlungen vor.

„Es handelt sich um die ehemals geplanten Gewerbeflächen auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof im südlichen Teil und einen kleinen Seitenstreifen außerhalb des Flughafengeländes“, erläutert Rainer Penk, der Grünen-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg, auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Dieser Streifen zieht sich vom Tempelhofer Feld bis zur Kleingartenkolonie Neuköllner Berg hin.“

Grüne: Bestehende Betriebe sollen erhalten bleiben

Entlang der S-Bahn-Gleise parallel zur Oberlandstraße sind nicht nur Kleingärten zu finden, dort sind auch Gewerbebetriebe angesiedelt. „Diese Betriebe“, so betont Penk, „sollen dort auch bleiben.“ Es gehe darum, lediglich einen Zipfel des als Gewerbegebiet ausgewiesenen Bereiches im Flächennutzungsplan herauszulösen. Dieser sei ohnehin schlecht für Gewerbetreibende erreichbar, argumentiert der Grünen-Fraktionschef.

Offenbar wird es aber immer schwerer, in dem Bereich Gewerbe und Naturschutz gleichzeitig sicherzustellen. Als eine in der Nähe des Tempelhofer Feldes ansässige Recyclingfirma Sand aufschüttete, musste sie jüngst die Arbeiten stoppen. Wegen der dort vorkommenden Eidechsen. Norbert Prauser vom Natur- und Umweltschutzverband BUND: „Uns geht es nicht darum, diese Recyclingfirma zu vertreiben.“ Es sei durchaus ökologisch sinnvoll, sie in der Stadt zu belassen.

Die Fläche, die nach den Vorstellungen der Naturschützer im Flächennutzungsplan künftig als Grün ausgewiesen werden soll, ist etwa acht bis zehn Hektar groß. Laut BUND hat sich dort ein Refugium für zahlreiche Amphibien und Eidechsen entwickelt, darunter die unter Naturschutz stehenden Zauneidechsen. Die Zauneidechse ist eine gesetzlich streng geschützte Art, sie steht auf der Roten Liste. „Berlin muss den faktisch existierenden Biotop-Verbund der divergenten Landschaftsteile Tempelhofer Feld, Alte Gärtnerei und der Bereiche Neuköllner Berg/Tempelhofer Berg – grob geschätzt zehn Hektar – anerkennen“, fordern die Naturschützer. Dafür solle ein naturschutzfachliches Entwicklungskonzept für das Gelände der Alten Gärtnerei erstellt werden, zudem sollten bahneigene Flächen südlich des Tempelhofer Feldes angekauft werden.

Im April vorigen Jahres wurden bei einer Munitionssuche Eidechsen auf dem Gelände der Alten Gärtnerei in Neukölln entdeckt. Die Stiftung Naturschutz wurde für eine fachgerechte Kartierung der Population eingeschaltet. Auf dem südlich benachbarten Gebiet – bekannt als Neuköllner Berg – hatte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg schon früher Vorkommen dokumentiert.

Die grüne Bezirksverordnete in Tempelhof-Schöneberg, Astrid Bialluch-Liu, betont: „Hier ist ein Biotop entstanden, das jetzt im Zusammenhang mit den angrenzenden Kleingärten zu einem Naturpark entwickelt werden sollte.“ Die im Plan gekennzeichnete Gewerbefläche sei ein Relikt des alten Masterplanes, ein Startsignal zur Bebauung des Tempelhofer Feldes.

Angesichts des Wachstums müsse man gut abwägen

Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist für Änderungen des Berliner Flächennutzungsplanes der Beschluss des Abgeordnetenhauses notwendig. Etwa zweimal im Jahr werde für im Verfahren befindliche Änderungen die Öffentlichkeit vier Wochen lang beteiligt, sagte eine Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke): „Angesichts des starken Wachstums Berlins muss man allerdings gut abwägen, ob man generell auf Gewerbeflächen verzichtet, die im Flächennutzungsplan bisher vorgesehen sind.“ Das Gleiche gelte für Wohnungen oder soziale Infrastruktur. Für die Fläche des Tempelhofer Feldes, so die Sprecherin, gelte ohnehin das THF-Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes.

Der in Tempelhof-Schöneberg für Stadtentwicklung zuständige Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) hält die von seinen Parteifreunden geforderte Änderung des Flächennutzungsplanes für sinnvoll. „Die ursprüngliche Planung sah dort einen Gewerberiegel vor, dies als Grünfläche festzustellen, halte ich für eine reizvolle Idee“, sagt er. „Wir können nicht einfach darüber hinwegsehen, dass an der Stelle Eidechsen entdeckt wurden, die auf der Roten Liste stehen.“ Die Grünen wollen, dass die Bezirksverordnetenversammlungen die Bezirksämter damit beauftragen, den Antrag auf Flächennutzungsplan-Änderung zu stellen. „Wir rechnen im nächsten Wirtschaftsausschuss mit Zustimmung“, sagt der Grünen-Bezirksverordnete Rainer Penk. Im März werde sich der federführende Stadtentwicklungsausschuss mit dem Thema befassen.

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