Projekt Dresdner Bahn

Bürgerinitiative will vor Bundesverfassungsgericht klagen

Nach dem Baustart der Dresdner Bahn wollen Lichtenrader Bürger ihren Widerstand nicht aufgeben.

Berlin. Seit 20 Jahren kämpfen Lichtenrader Bürger schon dagegen, dass die künftige Trasse der Dresdner Bahn ihren Ortsteil zerschneidet und mit meterhohen Schallschutzwänden wieder einen neue Mauer im äußersten Süden Berlins aufgebaut wird. Dennoch konnten sie den offiziellen Baustart am Bahnübergang Wolzinger Zeile nicht verhindern. Am Dienstag startete die Deutsche Bahn mit dem Wiederaufbau der Dresdner Bahn. Mit dem umstrittenen Projekt soll sich die Fahrzeit der Fernzüge nach Dresden und weiter nach Prag deutlich verringern. Der Flughafenexpress soll von der Berliner City bis nach Schönefeld nach der Fertigstellung ab 2025 nur noch 20 Minuten statt einer guten halben Stunde unterwegs sein. Klaus Roesler und seine engsten Mitstreiter von der Bürgerinitiative (BI) „Lichtenrade Dresdner Bahn“ wollen aber immer noch nicht aufgeben. „Wir hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht unsere bereits eingereichte Beschwerde gegen den Bau annimmt“, sagt der 75-Jährige, inzwischen der dritte Vorsitzende der seit 1998 bestehenden Initiative.

Wie eine Sprecherin des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe auf Anfrage der Berliner Morgenpost mitteilte, ist ein Entscheidungstermin derzeit „noch nicht absehbar“. „Wir haben immer noch Geld in unserem Klagefonds“, betont Roesler. 80.000 Euro hatte die Initiative einst gesammelt, um gegen die umstrittenen Planungen der Bahn juristisch vorzugehen. Verhindert werden sollte nicht etwa der Wiederaufbau der Dresdner Bahn, sondern die jetzige Lösung mit ihren unüberseh- und hörbaren Auswirkungen auf das Zentrum Lichtenrades. „Unsere Initiative war nie gegen die Dresdner Bahn“, sagt der ehemalige Amtsrichter Roesler. „Aber es sollte eine vernünftige Lösung sein. Und nicht eine, die den Kiez zerstört. Nun wird die Bahn den Ort zerschneiden.“

Ein Tunnel war Bahn und Bund zu teuer

Den von vielen Lichtenradern favorisierten Tunnel für die Gleise haben der Bund und auch die Bahn aus finanziellen Gründen abgelehnt. Drei Anwohner und ein Umweltverband klagten daraufhin wegen der gesundheitlichen Auswirkungen und nicht ausreichendem Lärmschutz, zuletzt wies das Bundesverwaltungsgericht die Klage im Juni 2017 ab. Dagegen legte die Initiative die nun noch offene Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht ein.

Noch ist der harte Kern der Bürgerinitiative auch nach fast 20 Jahren Widerstand nicht mürbe. Immerhin 420 Mitglieder sind derzeit noch im Verein organisiert. Einmal im Jahr ist Mitgliederversammlung, der Vorstand trifft sich alle vier bis sechs Wochen. „Selbst wenn unsere Beschwerde abgewiesen wird, wollen wir weitermachen“, kündigt Helmuth Schröter an. Auch er ist von Anfang an dabei. Der Bauingenieur im Ruhestand sagt: „Unsere Aufgabe wird es auch sein, die Bürger während der Bauphase über die Verkehrssperrungen und andere Beeinträchtigungen zu informieren.“ Informieren, das will aber auch die Deutsche Bahn. Dafür hat sie im ehemaligen Fahrkartenschalter ein Infobüro eingerichtet. Es hat jeden Dienstag zwischen 14 und 18 Uhr geöffnet.

Die Initiative hat nicht allein gekämpft und verloren. So bedauerte der CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak zum Baustart: „20 Jahre lang haben wir gemeinsam für eine Tunnellösung gekämpft, leider vergebens.“ Lärm und Erschütterungen würden nun die Lebensqualität der Menschen massiv beeinträchtigen. Der Tunnelbau sei letztlich daran gescheitert, dass sich das Land Berlin nie klar und unmissverständlich dafür eingesetzt hat, kritisiert der Lichtenrader Abgeordnete. Auch Henner Schmidt, infrastrukturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus,nannte es bedauerlich, dass die Bahn die von vielen angestrebte Tunnellösung nicht realisieren wollte. „Deshalb werden nun viele Anwohnerinnen und Anwohner unnötig mit Lärm belastet“, so Schmidt.

Am denkmalgeschützten S-Bahnhof, der für das Projekt weichen muss, herrschte am Mittwoch nicht gerade beste Stimmung. Mit Blick auf die bereits hochgezogene Lärmschutzwand sagt Anwohner Michael Reiser: „Optisch schön ist das nicht.“ Zumal die Lichtenrader mehr als 28 Jahre mit der Mauer leben mussten.

Dazu kommt: Die Baumaßnahmen werden sich jahrelang hinziehen. Katja Tiedtke, Inhaberin des Traditions-Lederwarengeschäfts an der Lichtenrader Einkaufsstraße sagt: „In dem Moment, wo die Baustelle da ist, wird es schwer für uns Händler. Ich hoffe sehr, dass wir die Durchstrecke überstehen.“

Zugang nur über den provisorischen Übergang

In der Bahnhofstraße gibt es noch viele alteingesessene Geschäfte, in denen der Chef hinter der Theke steht. So wie Kevin Bölling vom „Teeladen Lichtenrade“. Er gibt sich optimistischer: „Klar, Einschränkungen wird es geben“, sagt er, „Umfragen zufolge kommen aber 90 Prozent der Kunden in der Bahnhofstraße aus Lichtenrade.“ Er glaubt, dass sie den Weg dorthin weiterhin finden werden.

Die Straße soll nach derzeitigen Plänen ab Mai nächsten Jahres während der Bauarbeiten nur noch aus einer Richtung befahrbar sein. Dann können Fußgänger und Radfahrer nur noch über einen provisorischen Übergang auf die andere Seite des Ortsteils gelangen. Autofahrer müssen den Umweg über die Wolziger Zeile 500 Meter weiter südlich fahren. Der CDU-Bezirksverordnete von Tempelhof-Schöneberg, Patrick Liesener appelliert an alle Beteiligten: „Die anstehende Baustelleneinrichtung, die Busumleitungen und die Umgestaltung der Bahnhofstraße müssen sehr behutsam angegangen werden.“ Die Belastung für die Anwohner und Gewerbetreibenden sollten so gering wie nötig gehalten werden. „Sonst ist unsere Einkaufsstraße am Ende Geschichte“, warnt Liesener.

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