Schöneberg

Prostituierte auf dem Straßenstrich werden zum Sicherheitsrisiko

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Lorenz Vossen

Foto: Reto Klar

Um sich den Freiern besser zu präsentieren, stehen viele Prostituierte an der Schöneberger Kurfürstenstraße mitten auf der Fahrbahn. Das kann für die Frauen, aber auch für Autofahrer gefährlich sein.

Kurz vor 22 Uhr werden die Fahrgäste im Bus 106 plötzlich durchgerüttelt. Auf der Bülowstraße in Schöneberg tritt die Fahrerin kräftig auf die Bremse. „Sie hat über Lautsprecher gefragt, ob alles okay ist“, berichtet eine Augenzeugin. Niemand ist verletzt, die Fahrt geht weiter. Doch die Erkenntnis bleibt: Es hätte fast einen Unfall gegeben, weil eine Prostituierte zu weit auf der Straße stand.

Den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ist der Vorfall nicht bekannt. Gibt es keine Verletzten, besteht auch keine Meldepflicht für die Busfahrer. Tatsächlich berichten mehrere Anwohner in der Gegend um Bülow- und Kurfürstenstraße von gefährlichen Situationen, ausgelöst von Prostituierten auf dem Straßenstrich.

„An der Kurfürstenstraße stehen die Damen prinzipiell mitten auf der Fahrbahn“, klagt Anwohner Andreas. Er lebt seit 25 Jahren im Kiez, das Geschäft mit der käuflichen Liebe gehört seit jeher dazu. „Aber so viele Prostituierte wie jetzt, gab es noch nie.“

Freier bremsen plötzlich ab

Der 55-Jährige ist selbst oft mit dem Auto unterwegs. Viele Situationen seien schwer abzuschätzen, etwa wenn Freier im Auto vor ihm plötzlich abbremsen. „Bei roter Ampel rücken die Frauen auf die Straße vor, um auf sich aufmerksam zu machen. Und bei Grün gehen sie oft nicht schnell genug an den Rand zurück“, erzählt eine andere Anwohnerin, die in der Nähe des Magdeburger Platzes wohnt.

Auch die Taxifahrer sind genervt. Von einem „Ärgernis“ spricht Detlev Freutel, Vorsitzender des Taxiverbandes Berlin Brandenburg. Denn die Fahrer nutzen etwa auf der Bülowstraße die Busspur. „Die Spur bringt uns nichts, wenn dort Menschen stehen“, sagt Freutel.

Einem Polizisten der zuständigen Direktion in Schöneberg macht vor allem der sogenannte „Freiersuchverkehr“ Sorgen. Viele umkreisen die Blocks mehrmals, was auch zur Lärmbelastung beiträgt. „Und dann ziehen sie oft ohne Rücksicht nach rechts, um sich die Damen mal etwas genauer anzuschauen“, sagt der Beamte. An der Lützowstraße sei deshalb ein Radfahrer im vergangenen Jahr schwer verletzt worden. Die Prostituierten standen dort auf dem Fahrradstreifen.

Die Prostitution im nördlichen Schöneberg beziehungsweise im südlichen Teil Tiergartens hat die Bewohner schon oft mobilisiert. Für gewöhnlich ging es um die Angst vor Kriminalität und Drogen sowie den Wunsch nach einem kinderfreundlicheren Kiez. Und die Frage, wie sich ein Miteinander gestalten lässt. Dass die Frauen nun auch noch eine Gefahr für den Straßenverkehr darstellen sollen, ist noch nicht an die breite Öffentlichkeit gedrungen.

Und natürlich steht die Kritik der Anwohner unter Verdacht. Wer generell keine Prostitution vor der Haustür will, findet viele Gründe, um sie anzuprangern. Doch im Präventionsrat des Quartiersmanagements „Schöneberger Norden“ stand das Problem bereits auf der Agenda. „Es ist ein enges Wohngebiet, von vielen Verkehrsadern durchzogen“, sagt Bezirkskoordinatorin Corinna Lippert. Aber: „Bei dem Thema können wir nicht wirklich etwas tun.“ Der Bezirk arbeite eng mit sozialen Einrichtungen vor Ort zusammen, aber die Prostituierten anweisen, sich nur auf dem Bürgersteig aufzuhalten? „Das ist nicht unsere Aufgabe“, so Lippert.

Mehr als reden nicht möglich

Doch Ordnungsamt und Polizei sind einigermaßen machtlos. Der Polizist, der vor Ort im Einsatz ist, erklärt: Das Stehen auf der Fahrbahn sei nur eine „geringfügige Verkehrswidrigkeit“. Die Beamten könnten eine Belehrung aussprechen, müssten es aber nicht. „Die meisten haben für so etwas gar keine Zeit“, sagt er.

Auch Mitarbeiter des Ordnungsamts könnten mit den Frauen reden, viel mehr sei leider nicht möglich, sagt auch der Bezirksstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, Oliver Schworck (SPD). Dass dem Bezirk Personal fehlt, ist kein Geheimnis. Allerdings, so Schworck, sei die Problematik auch noch nicht wirklich auffällig geworden. Es wird sich also wohl nicht viel ändern.

An einem kalten Abend steht eine junge Frau an der Kurfürstenstraße am Straßenrand. Sie nennt sich Anja. Sie habe gar keine andere Wahl, als auf der Straße zu stehen, sagt sie. „Auf dem Bürgersteig hinter den parkenden Autos sieht mich ja keiner.“ Dann geht Anja einen Schritt nach vorn. Eine neue Welle Autos kündigt sich an.