Ich war jung und brauchte die Wohnung. Die Maaßenstraße 8, zweiter Stock mit Balkon, war meine erste Bleibe nach dem Auszug bei den Eltern. Sie kostete 390 Mark warm, hatte 44 Quadratmeter, zwei größere Zimmer, eine Badewanne und eine winzige Küche. Sie liegt Ecke Nollendorfstraße, unten ist ein Buchladen mit Kinderliteratur und ein wenig Suhrkamp-Belletristik. Das Geschäft gibt es immer noch, was ziemlich erstaunlich ist, denn schon als ich 1983 nach Schöneberg zog, war der Buchhändler grauhaarig.
Klamottenladen statt Rock-’n’-Roll-Bar
Einige Läden weiter gab es „Peters Rock-’n’-Roll-Bar“, die Kneipe hatte 24 Stunden auf. Um sechs Uhr früh tranken die Müllarbeiter das erste Pils. Als die Kneipe dichtmachte und ein Klamottenladen hereinkam, hätte man ahnen können, dass die Gentrifizierung kommen wird. Aber wir kannten den Begriff noch nicht. Das Café „Berio“ gegenüber war ungewöhnlich, weil dort ältere Damen und Jungvolk gemischt saßen. 1992 verließ ich die Wohnung und die Stadt, und als ich zehn Jahre später zurückkam, hatte sich das Publikum des „Berios“ verändert. Vor allem Schwule fanden sich ein, von der heimlichen Zentrale „Toms Bar“ in der Motzstraße muss es irgendwann eine Expansion gegeben haben.
Ich bin vor zwei, drei Jahren im Kopf durchgegangen, welches Geschäft 30 Jahre überstanden hat. Damals war es ein Schreibwarenladen (noch immer da!) und Drospa, der mittlerweile leer steht, und auch „Bella Italia“. In dem winzigen Lokal gab es Mini-Pizza für eine Mark und sensationelle Arrabbiata-Nudeln. 1983 hatte der Italiener, der in seinem Leben eine Million Pizzen in den Offen geschoben hat, hinter der Theke schwarz gelockte Haare, 2003 trug er eine Schiebermütze, um das spärliche Haupthaar zu überdecken. Vor zwei Jahren oder so hat der Laden dichtgemacht: „Nothing lasts forever“ stand in großen Lettern auf dem Schaufenster.





