„Es ist etwas ganz Schreckliches passiert“, informiert Flérida Regueira Cortizo am frühen Morgen ihre Stolperstein-Mitstreiter in der Handjerystraße. Über ein Jahr lang hat die Gruppe daran gearbeitet, die Schicksale ihrer 22 einstigen Nachbarn, die zwischen 1942 und 1944 aus der Handjerystraße deportiert und ermordet wurden, aufzuarbeiten. Gerade waren die Messingplatten gelegt worden, am kommenden Montag wird in einer Gedenkfeier mit Angehörigen der ehemaligen Nachbarn gefeiert, dass man sich auf diese Weise ihrer erinnert. Doch in der Nacht zu Donnerstag wurden viele auch dieser erst Anfang Juni verlegten Steine beschädigt. Es ist schon das zweite Mal innerhalb weniger Wochen.

Die Nachricht spricht sich im Kiez herum wie ein Lauffeuer. Die Anwohner haben sich längst per Rundmail informiert. Nicht nur die Handjerystraße ist betroffen, auch die Stier-, Frege und Wilhelm-Hauff-Straße. Mindestens 60 Stolpersteine sind beschmiert. „Wenn ich das sehe, kriege ich Gänsehaut“, sagt Jana Marx. Auch sie engagiert sich als Designerin in dem Stolperstein-Projekt. Ein junges Paar steht mit Kinderwagen vor dem Haus Nummer 37 und starrt auf die beschmierten fünf Stolpersteine der Familie Kruschke, die in Auschwitz ums Leben kam. „Schrecklich, empörend“, sagen Franziska Höpcke (36) und Nils Carstensen (37) mit Blick auf die schwarzen Steine, die sonst, wenn sie geputzt sind, golden glänzen. Das junge Paar wohnt gern in der Handjerystraße. Der Stadtteil sei familienfreundlich, offen und tolerant. Ihre ältere Tochter werde demnächst die Fläming-Grundschule besuchen dürfen, die für ihre Inklusion bekannt sei.

Mit dicker schwarzer Farbe lackiert

Bernd Lutterbeck (69), pensionierter Professor, hat gleich in der Früh die Polizei auf dem Abschnitt 42 informiert. Als Informatiker und Jurist ist Lutterbeck bemüht, die Angelegenheit sachlich zu sehen. Das Anliegen des Stolperstein-Projekts aus der Handjerystraße, bei dem sich rund 30 Anwohner engagieren, sei es, die Nachbarschaft im Friedenauer Kiez gemeinschaftlich zu leben. Ohne Ideologie. Alle, auch die Geschäftsleute, sollen eingebunden sein. „Der Angriff richtet sich gegen die Art und Weise, wie wir unser Zusammenleben organisieren“, vermutet Lutterbeck. Er lobt, dass die Polizei so schnell reagiert hat und gleich nach seiner Anzeige auf der Wache Beamte geschickt hat, die sich die Stolpersteine ansehen.

Dieses Mal sind die Messingplatten nicht nur besprüht worden, so wie das letzte Mal. Dieses Mal sind sie mit dicker, schwarzer Farbe lackiert worden. Allein in der Stierstraße, wo 54 Steine auf das Schicksal der ehemaligen Hausbewohner während der Zeit des Nationalsozialismus hinweisen, wurden aktuell 45 der kleinen Erinnerungsplatten besprüht und die Namen und Daten der Opfer der einstigen Nachbarn so fast unleserlich gemacht.

Tat geschah einige Tage vor geplanter Gedenkfeier

Erst Ostern hatten unbekannte Täter in Friedenau zugeschlagen. Wegen der neuen verlegten 22 Steine in der Handjerystraße ist für kommenden Montag eine Gedenkfeier geplant. Auch Angehörige der Ermordeten aus Israel werden anreisen. Einer Cousine der Familie Kruschke war es erst 2012, 40 Jahre nach der Ermordung ihrer Verwandten, gelungen, das Schicksal der Familie aufzuklären. Auch sie wird zur Feier kommen und dort reden, ebenso der Gesandte der israelischen Botschaft, Emmanuel Nahshon, sowie Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD). Doch wie wird Lutterbeck der Angehörigen die beschmierten Stolpersteine ihrer Familie erklären? „Wir wünschten uns auch, es wäre anders. Die Leute, die kommen, sind uns willkommen. Das wissen sie auch. Aber hier ist keine Idylle. Bei aller Beschämung muss man sich sachlich damit auseinandersetzen“, so Lutterbeck.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der 1993 die Idee mit den Stolpersteinen hatte, um damit an Naziopfer zu erinnern – an Juden, an politisch Verfolgte, Homosexuelle, Sinti und Roma – und 1996 die ersten an der Kreuzberger Oranienstraße verlegte, sagte am Donnerstag, dass die Beschädigung von Stolpersteinen in dieser Häufung wie in Friedenau nirgendwo sonst geschehen sei: „So etwas haben wir noch nie gehabt. Diese Massivität ist erschreckend.“ Ausgerechnet in Friedenau hätte er so etwas nicht erwartet. Aus Demnigs Erfahrung müssen Taten wie diese der rechten Szene zugeordnet werden. Neonazis hätten zum 9. November 2012 alle elf Steine in der Greifswalder Innenstadt herausgerissen. Die in den Stolperstein-Projekten aktiven Anwohner wollen sich nicht unterkriegen lassen, sondern die Beschmierungen möglichst schnell entfernen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, unterstützt und lobt diese Haltung: „Je mehr Stolpersteine in Berlin verlegt werden, desto deutlicher wird sich zeigen, wie weit Antisemitismus verbreitet ist. Aber umso stärker wird sich auch zeigen, wie die Zivilgesellschaft dies nicht duldet. Insofern ist das engagierte Verhalten der Bürgerinnen und Bürger, die sich schon mehrfach um die Reinigung und den Schutz der Stolpersteine in der Handjerystraße gekümmert haben, vorbildlich.“

„Widerlich und nicht hinnehmbar“

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) zeigte sich bestürzt über die Farbschmierereien, man werte dies als direkten Angriff auf das demokratische Zusammenleben in Berlin. „Wir sind entsetzt und zornig, dass diese Serie nicht abreißt“, sagte Lala Süsskind, Vorsitzende des JFDA. „Die Aggressionen haben eine neue Dimension erreicht. Das ist eine Herausforderung für die Demokratie und wir sind bereit, uns gemeinsam gegen diese Verbrecher zu stellen.“ Der stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos Berlin, Felix Bethmann, bezeichnete die Taten als widerlich und nicht hinnehmbar. Er teilte mit, dass sich Bürger am Freitag ab zehn Uhr zu einer Putzaktion in der Stierstraße treffen, um die Stolpersteine zu reinigen. Möglichst viele Menschen sollten sich beteiligen. Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, sagte: „Es gibt in dieser Stadt keine Toleranz gegenüber braunem Gedankengut, und wir werden solche Taten mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgen.“