Reinickendorf
Gedenksteine

Anwohner putzen beschmierte Stolpersteine in Berlin-Friedenau

In den Nächten vor Ostern sind Stolpersteine, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern, in Berlin-Friedenau beschmiert worden. Anwohner haben nun die Reinigung übernommen. Sie sind empört.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Vor der Philippus-Kirche in Friedenau steht ein Schaukasten, in dem die Initiativgruppe Stolpersteine daran erinnert, wie der Künstler Gunter Demnig im Jahr 2011 ein paar Dutzend der Gedenktafeln im Kiez verlegte. Ein Bild hängt hinter dem Glas, das die feierliche Verlegung zeigt, die Sonne scheint auf dem Foto. Am Ostermontag zeigt sich vor der Kirche ein anderes Bild. Die Anwohnerin Sabine Wehrhahn kniet sich nieder und macht sich die Hände schmutzig. Sie, ihr Sohn und ihr Ehemann beugen sich über die achtzehn Stolpersteine, sprühen Lösungsmittel auf die Gedenkstücke im Asphalt und putzen mit Küchentüchern über deren Messingplatten. Langsam erscheint die goldene Oberfläche wieder unter der schwarzen Farbe, mit der Unbekannte die Gedenktafeln beschmiert haben.

„Es ist schwierig meine Empörung in Worte zu fassen, in jedem Fall ist es aber unerhört, dass jemand so etwas schreckliches tut“, sagt die 56 Jahre alte Kinderkrankenschwester, die schon seit drei Jahrzehnten in Friedenau wohnt. „Solche Vorfälle scheinen sich zu häufen“, sagt die Berlinerin. In den Nächten zum Karfreitag und auch zum Karsonnabend hatten unbekannte Täter, gegen die inzwischen Staatsschutz und Landeskriminalamt ermitteln, Gedenksteine in der Stierstraße, der Fregestraße und der Handjerystraße mit schwarzer Farbe unkenntlich gemacht.

Stolpersteine an mehr als 500 Orten

Sabine Wehrhahn putzt mit einem Papiertuch über einen weiteren Stolperstein, so dass ein Name auf der golden glänzenden Messingplatte wieder sichtbar wird: „Minna Grünberg, 1943, in Auschwitz ermordet“, steht darauf geschrieben. Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine bereits tausendfach in Deutschland verlegt hat, will mit dem Projekt an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Den ersten Stein setzte er 1992 in Köln. Mittlerweile liegen die Steine an mehr als 500 Orten in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, schreibt der Künstler auf der Internetseite der Stolperstein-Initiative. Dass diese Zeichen des Gedenkens an den Holocaust in den vergangenen Tagen von Vandalen beschmutzt worden sind, rief derweil bei Anwohnern, Politik und Initiativen gleichermaßen Bestürzung aus.

„Einfach nur völlig idiotisch“

„Für jeden beschädigten Stolperstein legen wir einen oder zwei neue“, sagte der Künstler, nachdem er von dem Vandalismus erfahren hatte. Nicht nur Sabine Wehrhahn, auch andere Anwohner sind empört. Er habe in den vergangenen Tagen viele solcher „fantastischen Reaktionen von betroffenen Bürgern“ bekommen, sagte der Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und Antisemitismus, Levi Salomon.

In den Schaukasten an der Philippus-Kirche blickt Daniela Wohlan und schüttelt den Kopf. Auch die Frau aus Steglitz zeigt sich entsetzt von den Schmierereien. „Es ist wirklich traurig und einfach nur völlig idiotisch von denjenigen, die das machen“, sagt sie. Vor allem weil die Stolpersteine doch eine so schöne Art des Gedenkens seien. „Ich denke solche Zeichen im Stadtbild können im Grunde vielmehr bewirken als irgendwelche Tafeln für einige Wenige“, sagt Wohlan.