Der Bagger gräbt, schaufelt, blubbert, saugt und macht einen höllischen Lärm: Zentimeter um Zentimeter nähert sich das Amphibienfahrzeug, genannt „Amphi-King“, dem Seegrund. Eigentlich ist der Waldsee, der zwischen der Argentinischen Allee und der Goethestraße liegt, 2,50 Meter tief. Doch im südlichen Teil an der Limastraße betrug die Wassertiefe zum Schluss nur noch 30 Zentimeter.
Das Gewässer, das kein natürlicher See, sondern ein Regenauffangbecken ist, wuchs förmlich von unten mit Schlamm zu. Es drohte zu kippen und zu verlanden. Mit der Folge: Vor allem im Sommer sorgten die Faulgase für eine massive Geruchsbelästigung. „Es hat so sehr gestunken, dass wir im Juli und August nicht mehr draußen sitzen und schon gar keinen Besuch einladen konnten“, sagt Anwohnerin Iris Pribilla, die den Verein „Umweltschutz und Landschaftspflege für den Waldsee Zehlendorf e.V.“ mitgegründet hat.

Der Verein hat jahrelang für die Rettung des Gewässers gekämpft. Mit Erfolg. Jetzt steht Iris Pribilla auf ihrem Steg und kann zusehen, wie der Schlamm Schicht für Schicht abgetragen wird. An einigen Stellen reicht die Messlatte im Wasser bereits wieder bis in eine Tiefe von 1,70 Meter.
Ohne den Waldsee könnte der Mexikoplatz überflutet werden
In den Waldsee fließt das Straßenablaufwasser aus der gesamten Umgebung. Dazu gehören die Argentinische Allee, die Lindenthaler Allee sowie die Goethe- und die Fischerhüttenstraße. Würde das Regenwasser nicht in den Waldsee eingeleitet werden, könnte es passieren, dass der Mexikoplatz überflutet wird.
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Mit dem Regen wird Schmutz wie Gummiabrieb, Sand und Plastik von den Straßen in das Gewässer gespült. Darunter sind aber auch Nährstoffe, die das Algenwachstum fördern und zu Sauerstoffmangel für die Tierwelt führen. Die Pflanzen bilden mit dem Dreck eine immer dicker werdende Schlammschicht. Die wurde zuletzt vor 40 Jahren abgetragen. Eigentlich müsste das aber alle 20 bis 30 Jahre erfolgen.
Das Gullywasser wird an der Südspitze des Sees eingeleitet
Besonders schlimm ist die Situation an der Südspitze des Sees, weil dort das Gullywasser durch ein großes Rohr in den See fließt. Genau dort ist der „Amphi-King“ an diesem Mittag im Einsatz. In den vergangenen Wochen hat er bereits 200 Tonnen Schlamm aus dem Waldsee geholt. Mindestens 500 Tonnen sollen es bis zum Ende sein. Er wird auf einer Sondermülldeponie entsorgt. Finanziert wird das Projekt über das „Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung“.

Etwa 300 Meter vom Bagger entfernt läuft unter der Brücke am Erdmann-Gräser-Weg aus einem Rohr klares Wasser wieder zurück in den Waldsee. Dazwischen liegt eine moderne Logistik aus Schläuchen, Bojen, Walzen, Pressen und Abfallcontainern. Die Reinigung des Waldsees hat die Eggers Umwelt GmbH übernommen, die bereits den Obersee in Alt-Hohenschönhausen und den Wilhelmsruher See entschlammt hat.

Auf der Baustelle am Erdmann-Gräser-Weg, der seit Ende Dezember gesperrt ist, wurde ein kleines Klärwerk errichtet. Zunächst erfolgte die Kampfmittelsuche aufgrund des eisigen Winters mit Metalldetektoren durch den zugefrorenen See. Doch für die Räumungsarbeiten wie Schrott und Äste mussten die Mitarbeiter warten, bis der Waldsee im März aufgetaut war.

Überraschenderweise war die Ausbeute nicht besonders groß. Vorarbeiter Andreas Michaelis berichtet von einem Löffel, einem Topf und einem Straßenschild, das in der Nähe der Brücke gefunden wurde. Keine Fahrräder, Einkaufswagen oder andere ungeahnte Schätze. Aber das könne daran liegen, dass der See keinen öffentlichen Zugang hat, meint der Vorarbeiter. Wer dort wohnt oder ein Büro hat, schmeißt keinen Müll ins Wasser.
In der Aufbereitungsanlage werden Wasser und Feststoffe getrennt
Die Entschlammung erfolgt mit einem sogenannten Saug-Spülverfahren. Der Schlamm wird mit dem Nassbagger aus dem See geholt und über Schlauchleitungen zur Aufbereitungsanlage transportiert. Dort erfolgt die Trennung in Feststoffe und Wasser. Das Rücklaufwasser durchläuft in einer Filterstraße mehrere Reinigungsstufen: Absetz- und Belüftungsbecken sowie Aktivkohle-, Kies- und Sandfilter.
Wir müssen die Nährstoffe vorher binden, damit das Algenwachstum nicht wieder explodiert.
Iris Pribilla, vom Waldseeverein
Am Ende erreicht das gereinigte Wasser Trinkwasserqualität und wird dem See, der von Hechten, Schleien und Karauschen bevölkert wird, wieder zugeführt. Ziel ist es, das ökologische Gleichgewicht des Gewässers wiederherzustellen. Doch damit ist die Arbeit des Waldseevereins, der für die Entschlammung gekämpft hat, noch nicht beendet. „Nach der Entschlammung ist vor der Entschlammung“, sagt Iris Pribilla.

Damit das wertvolle Biotop nicht sofort wieder eine neue Schlammschicht bildet, fordert der Verein, vor der Einleitung des schmutzigen Regenwassers gegenzusteuern. „Wir müssen die Nährstoffe vorher binden, damit das Algenwachstum nicht wieder explodiert“, sagt Iris Pribilla. Dafür gebe es eine harmlose Chemikalie, die dem Kanal zugeführt werden sollte. „Jede Alge, die im Winter abstirbt, bildet Schlamm“, so die Anwohnerin. Daher müssten die Schäden vorher begrenzt werden.
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Nach Auskunft von Urban Aykal (Grüne), Umweltstadtrat in Steglitz-Zehlendorf, hat sich im Verlauf der Arbeiten gezeigt, dass der Waldsee deutlich mehr Schlamm enthält als ursprünglich angenommen. Das Bezirksamt habe daher zusätzliche Finanzmittel beantragt und hoffe auf eine kurzfristige Zusage, die noch nicht vorliegt, so Aykal. Dadurch könnten die Arbeiten über den Juni hinaus fortgeführt werden.
Das bedeutet für die Anlieger, den Lärm des Wasserbaggers noch länger ertragen zu müssen. Doch damit können sie gut leben. „Lieber jetzt den Lärm als noch einmal den Gestank im Sommer“, sagt Iris Pribilla. Sie kann wieder hoffen, die warmen Abende draußen zu verbringen.




