Die ersten bleiben bereits neugierig stehen, als die Tür zum Kiosk am Dorfanger in Zehlendorf aufgeschlossen wird. Es ist Freitagnachmittag, Feierabendverkehr, Start ins Wochenende. Die einen wollen auf dem Teltower Damm noch schnell einkaufen, andere kommen von der Arbeit oder vom Arzt und sind auf dem Weg nach Hause. Dass da etwas Neues passiert, ist eine willkommene Abwechslung im Alltag.
Am Kiosk sind Manfred Sander, Sven Weißhaar und Birgit Borngässer dabei, das wohl kleinste Nachbarschaftszentrum Berlins aufzubauen. Beim Besuch Mitte April ist alles noch ein bisschen provisorisch: kein Wasser, kein Strom, die Toilette muss wieder angeschlossen werden. Aber der denkmalgeschützte Bau, der zuletzt als Kulturkiosk für den Büchertausch und kurze Zeit als Eisdiele genutzt wurde, ist komplett leer geräumt und bereit für einen Neustart.

Den Anfang macht der Plaudertresen. Der ist mittlerweile aufgebaut, davor ein Hocker, daneben ein buntes Segel. Plauderhund Bruno hat alles inspiziert und ist ebenfalls bereit für zweibeinige und vierbeinige Bekanntschaften. Bruno gehört zu Manfred Sander. Der 69-Jährige ist der Initiator des Projekts, das nun jeden Freitag von 16 bis 20 Uhr vor dem Zehlendorfer Kiosk an der Ecke Teltower Damm und Potsdamer Chaussee angeboten wird. Weitere Aktionen, unter anderem vom Nachbarschaftszentrum Mittelhof e.V., werden folgen und den Kiosk wieder mit Leben füllen.
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Auf dem Tresen steht ein Aufsteller mit verschiedenen Fragen zum Umklappen: Womit würdest du gern mehr Zeit verbringen? Was macht dir gute Laune? Gibt es ein Thema, das dich momentan besonders beschäftigt? Das sogenannte Plauderkarussell soll Anregungen für Gesprächsstoff bieten, aber dafür wird es an diesem Nachmittag gar nicht gebraucht. Wer kommt und stehenbleibt, findet jemanden zum Reden, oft werden es längere Gespräche. Von Weltpolitik bis Zehlendorfer Neuigkeiten, Krankheiten, Alter, Sport und Einkaufstipps ist alles dabei.
Die Gesellschaft funktioniert nicht mehr miteinander, jeder kapselt sich ab und wird dabei immer unzufriedener.
Manfred Sander, Gründer vom Plaudertresen
Reden, zuhören, Mut machen, unterstützen – und das alles mit Zeit, Ruhe, Herz. Dafür ist der Plaudertresen da. Das Projekt hatte im Sommer 2025 in Kleinmachnow Deutschlandpremiere und hat nun die erste Dependance in Zehlendorf. Auslöser für Gründer Manfred Sander war seine Beobachtung: „Die Gesellschaft funktioniert nicht mehr miteinander, jeder kapselt sich ab und wird dabei immer unzufriedener.“

Sander hat Wirtschaftskommunikation studiert und in der öffentlichen Verwaltung gearbeitet. Später ließ er sich zum Telefonseelsorger ausbilden – ein Ehrenamt, in dem er vor allem mit der Einsamkeit der Menschen konfrontiert wurde. Bei einer Weiterbildung zum Seniorentrainer am Seddiner See im Landkreis Potsdam-Mittelmark, kam ihm die Idee, wie er die Menschen aus der Isolation herausholen könnte: Er wollte Orte schaffen, an denen sie ungezwungen zusammenkommen, sich austauschen und Zeit verbringen können. So entstand der Plaudertresen, eine „Initiative für Respekt und Freundlichkeit. Gegen Einsamkeit. Konsequent menschlich“.
Bis zum Sommer wird noch der Kiosk eingerichtet mit Sofa und Stehlampe
Dass der Kiosk in Zehlendorf wieder bespielt werden sollte, erfuhr Sander vom Verein Mittelhof. Er hat sofort losgelegt, wollte zeigen: Hier ist wieder etwas los. Bis zum Sommer wird noch eine Menge passieren, um eine schöne Gesprächsatmosphäre zu schaffen: Im Kiosk soll es einen Bartresen geben, dazu Sofa und Stehlampe, ein bisschen 1970er-Jahre-Stil. Draußen sind noch Stühle und Tische geplant. Kaffee, Tee und Kekse gehören beim Plaudern dazu.

„Wenn es angelaufen ist, könnte es auch themenbezogene Plaudereien geben: mit Musik, mit Jugendlichen, Jung und Alt, gegen Depression und Einsamkeit oder eine lange Nacht des Plauderns“, erklärt der Initiator. Dazu sollen noch weitere Plauderorte entstehen. Der Bezirk Mitte habe schon angefragt, einen Ableger zu gründen, ergänzt Co-Projektleiter Sven Weißhaar.
Ihn hat das Projekt aus einer tiefen Krise geholt. 2023 ist seine 55 Jahre alte Frau plötzlich tot umgefallen, „das Herz ist einfach stehengeblieben.“ Mehr als ein Jahr habe er „im Dunkeln“ gelebt, erzählt der Zehlendorfer. Dann traf er Ende 2024 Manfred Sander; beide Männer waren mit ihren Hunden unterwegs. „Wir sind ins Gespräch gekommen, das hat mir das Leben gerettet“, erinnert sich Weißhaar. Die Chemie stimmte, sie sind beste Freunde geworden.
Apothekerin hat so ein Projekt gesucht, weil sie das Wir-Gefühl vermisst
Die Dritte im Organisationsteam ist Birgit Borngässer. Die 68-Jährige hat sich als Apothekerin bereits um das Wohl anderer gekümmert. Es sei ihre Berufung, Menschen zu helfen, erzählt die Potsdamerin. Sie habe immer nach so einem Projekt gesucht, weil sie das Wir-Gefühl vermisst.
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Zur Gruppe der Ehrenamtlichen am Plaudertresen gehören noch einige, wie zum Beispiel Marion. Die 72-Jährige findet es wichtig, „sich in unserer Gesellschaft mit Respekt zu begegnen“. Gabi, 66, will dem „Rechtsdrall in der Gesellschaft etwas entgegensetzen“ und „kleine Momente der Begegnung schaffen, die uns daran erinnern, was Menschlichkeit auch bedeuten kann“. Bärbel, 77, hat bei einer Bank gearbeitet und freut sich, „dass verschiedene Initiativen mit dem Kiosk einen Ort haben, wo sie sich präsentieren können.“
Eine der ersten, die an diesem Freitagnachmittag vorbeikommt, ist Beatrix Berger. Die 84 Jahre alte Zehlendorferin hat vier Kinder, die sich alle kümmern. Und doch ist sie in der Wohnung allein. Sie kennt den Kiosk noch aus Zeiten, als dort die BVG-Endhaltestelle war und die Busfahrer dort die Toilette nutzten. Es sei gut, dass wieder Leben im Kiosk ist, weil so viele alte Menschen in Zehlendorf leben, sagt sie. Später kommt ihre Tochter Viviane Mattheus dazu. „Rausgehen, Wärme und Zeit schenken, zuhören, einfach da sein – das fehlt heute“, meint die 58-Jährige. Ein Anfang ist gemacht an diesem Nachmittag. Mehrere kleine Grüppchen sind am Plaudern, die Kälte ist vergessen.




