Wenn Carl Paul Goerz wüsste, was aus seiner optische Anstalt nach mehr als 100 Jahre geworden ist – wahrscheinlich wäre er zufrieden, vielleicht sogar stolz. Der Optiker aus Rathenow war selbst ein Pionier auf dem Gebiet der Entwicklung fotografischer Apparate. Deshalb brauchte er auch eine größere Produktionsstätte, die zwischen 1915 und 1917 in Lichterfelde Süd entstand.

Goerzwerk zieht vor allem junge Unternehmen an, die sich ausprobieren wollen

Das Goerzwerk ist heute Teil des größten zusammenhängenden Gewerbegebiets von Steglitz-Zehlendorf zwischen Goerzallee und Teltowkanal. Und es hat wieder eine Besonderheit: In den vergangenen zehn Jahren hat es sich zu einem Zentrum der Start-up-Szene entwickelt. Das wird mit einem Jubiläums-Hoffest am Sonnabend, 19. Juli, ab 12 Uhr, an der Goerzallee 299 gefeiert. Als Ehrengast wird der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, um 15.30 Uhr für ein Grußwort kommen.

Das Goerzwerk ist ein Industriedenkmal an der Goerzallee 299 in Lichterfelde Süd.
Das Goerzwerk ist ein Industriedenkmal an der Goerzallee 299 in Lichterfelde Süd.© BM | Joerg Krauthoefer

Der Neustart war im Jahr 2015, als der Immobilienentwickler Silvio Schobinger gemeinsam mit seinem Bruder Mario das fast leer stehende Werk mit 30.000 Quadratmetern kaufte. Nach und nach entwickelten sie die Flächen zu modernen Büros und Produktionsstätten und machte so den Weg frei für die gewerbliche Neuanmietungen.

Die Vision, die sie haben: Bestehende Ressourcen sinnvoll nutzen, Geschichte bewahren und gleichzeitig Expansionsmöglichkeiten schaffen. Inzwischen sind mehr als 140 Unternehmen in restaurierten Lofts, Werkstätten, Ateliers und Laboren ansässig: Eine Mischung aus technologischen Start-ups, klassischen Handwerksbetrieben und kreativ produzierendem Gewerbe.

Die Labore, Hallen und Büros im Goerzwerk sind fast komplett vermietet

„Wir sind fast komplett vermietet. Im Sinne unseres Leitgedankens ‚Nimm Dir Raum und wachse‘ passen wir die Flächen individuellen Bedürfnissen an“, erklärt Silvio Schobinger. Neben Architekten, Buchhaltern, Ingenieuren, Steuerberatern, Künstlern und Designern sind auch Tischler, Schlüsseldienste, Messebauer, Planungsbüros und Kaffeeröster dort ansässig. Sogar Korallen werden im Goerzwerk gezüchtet und verkauft.

Heute steht das Industriedenkmal für moderne Arbeitswelten und eine starke Gemeinschaft. Mitarbeiter verschiedener Firmen sehen sich wieder als „Goerzwerker“ und Unternehmen etwas zusammen. Der Standort zieht Start-ups und etablierte Unternehmerpersönlichkeiten gleichermaßen an. Zum Jubiläum präsentieren viele von ihnen ihre Projekte, Produkte und Dienstleistungen.

Die alten Goerzwerker hatten ihren eigenen Bahnhof und einen eigenen Zug

Doch im Goerzwerk geht es nicht nur darum, Firmen Platz zu bieten. Der Gewerbecampus hat sich zu einer beliebten Adresse für kulturelle Veranstaltungen entwickelt und lockt, zusätzlich durch die Eventlocation Club Goerzwerk, immer mehr Besucher:innen in den Südwesten der Hauptstadt. Was immer noch fehlt, ist ein besserer Anschluss an die Innenstadt. Nur eine Buslinie fährt vor der Haustür.

Vor 100 Jahren hatten die Goerzwerker einen eigenen Bahnhof, von dem sie die Goerzbahn über den Dahlemer Weg zur S-Bahn in Lichterfelde brachte. Seite Jahren wird über die Reaktivierung der Gleise diskutiert. Die Deutsche Bahn hat die drei Kilometer lange Strecke bereits für ICE-Testfahrten genutzt. Das wollte sie eigentlich auch in der Zukunft tun. Silvio Schobinger plädiert für ein autonom fahrendes Schienenfahrzeug, das die heutigen Goerzwerker ebenfalls wieder schneller zu den Anschlüssen an die Stadt bringt.