Sie warten beide in der geöffneten Wohnungstür, eine rechts, eine links, dahinter fällt der Blick in den langen Flur. So wie sie da stehen, herzlich, offen und einladend, könnte man sie für Freundinnen halten, die gemeinsam ihren Besuch empfangen. Das ist vielleicht auch gar nicht ganz falsch. Nur, dass die Frauen fast 50 Jahre Altersunterschied trennen. Beate Meißner ist 21 und in der Ausbildung zur Physiotherapeutin, Cornelia Stauß ist 70 und arbeitet noch als Mediatorin. Seit drei Monaten wohnen sie zusammen in einer WG im Bayrischen Viertel in Schöneberg und sagen: „Es passt, so haben wir uns das vorgestellt.“
Die beiden Frauen sind die ersten, die der Verein „Sonay soziales Leben“ in seinem Modellprojekt „Generationen-WG Berlin“ als Mitbewohnerinnen zusammengebracht hat. Jonas Deußer hat den Verein gegründet, der das Zusammenleben von jungen und alten Menschen fördern soll, also gern auch von Senioren über 60 Jahren. Das dreijährige Projekt, das im Oktober 2024 gestartet ist, wird vom Senat und der Deutschen Fernsehlotterie Stiftung unterstützt. Mittlerweile sind bereits drei Wohngemeinschaften vermittelt worden, viele weitere sollen folgen.
Der Vereinsgründer hat eine enge Beziehung zu seinen Großeltern gehabt
Der Name Sonay steht für das Zusammentreffen von Anfang und Ende, in diesem Fall übertragen auf Jung und Alt. Jonas Deußer ist selbst gerade 31 Jahre, er kam aus Hessen nach Berlin und hat hier Sozialpädagogik studiert. „Ich habe festgestellt, dass die verschiedenen Generationen in der Stadt nicht viel miteinander zu tun haben“, sagt der Vereinsgründer. In seinem Heimatdorf sei das anders gewesen, da habe er eine enge Beziehung zu seinen Großeltern gehabt. Das Zusammenleben der verschiedenen Generationen sei dort selbstverständlich gewesen.
Die Idee hinter der Generationen-WG leuchtet ein: Junge Zuzügler, Studenten oder Azubis suchen in Berlin verzweifelt Wohnraum, Senioren leben oft allein in großen Wohnungen. Die Jungen freuen sich über einen Ratschlag, die Älteren über Gesellschaft. „Ich bleibe so am Ball und erfahre mehr“, sagt Cornelia. Die beiden Frauen sitzen ab und zu zusammen in der Küche, trinken einen Kaffee und reden über den Alltag. Beate ist neu in der Stadt und hat noch viele Fragen, um sich besser zurechtzufinden. Eine Win-Win-Situation.

Dass der Bedarf riesig ist, zeigen die Zahlen des Vereins. Elf Senioren haben sich bisher registrieren lassen und 400 junge Menschen. Da werden noch eine Menge ältere Menschen gebraucht, die nicht mehr allein sein wollen in der Wohnung. „Wir suchen genau aus, wer zusammenpasst“, sagt Jonas Deußer. Es muss sozusagen matchen, wie bei der Online-Partnerwahl. Dafür füllen alle zuerst einen Fragebogen zu ihren Vorstellungen aus. „Wenn jemand seine Ruhe will, ist es zum Beispiel nicht gut, wenn der Senior schlecht hört und den Fernseher laut stellt“, sagt Deußer. Auch spontanen Besuch mag nicht jeder.
Wird ein Paar gefunden, bei dem die Erwartungen an das Zusammenleben ähnlich sind, dann begleiten Vereinsmitglieder das erste Kennenlernen. Dabei muss die Sympathie dazukommen. Und noch ein weiterer Punkt ist dem Vereinsgründer wichtig: „Unser Ziel ist es nicht, den Leuten für 800 Euro ein Zimmer zu vermitteln, sondern fair zu teilen.“ Vor allem müssten die älteren Menschen Lust darauf haben, mit einem jungen Menschen zu leben.
Beide Frauen haben mehr Gemeinsamkeiten als gedacht
So ist es auch in der Schöneberger WG. „Die Miethöhe wurde genau nach Quadratmeter berechnet“, betont Cornelia. Sie lebt seit 13 Jahren im Bayrischen Viertel und hat schon ab und zu ihre Wohnung geteilt. Mit Beate sei ihr von Anfang an klar gewesen, dass es gut klappe, erzählt die 70-Jährige. Auch die junge Frau hatte sofort ein gutes Gefühl, das nur noch bestärkt wurde: „Es ist lustiger als erwartet, wir lachen viel und haben mehr Gemeinsamkeiten als gedacht“, sagt die Auszubildende.

Beate Meißner stammt aus Niederösterreich, zuletzt hat sie in Wien gewohnt. Nach einem Praktikum in einem Krankenhaus in Berlin war sie so begeistert von der Stadt, dass sie sich vorstellen konnte, hier zu leben. „Berlin ist toll“, sagt sie bei dem Gespräch in der Wohnung. Nicht nur die Partyszene, sondern auch die Kieze mit ihren kleinen Geschäften, die Architektur und der bunte Mix, der nicht immer stimmig, aber spannend sei.
Als sie in Wien keinen Ausbildungsplatz fand, entschied sie sich für eine Bewerbung in Berlin. Bei der Spektrum Akademie in Weißensee war ihre Bewerbung erfolgreich. Die erste Zeit wohnte sie in einem Studentenwohnheim in dem Zimmer einer Freundin, die ein Austauschsemester machte. Doch dann wurde es ernst und sie meldete sich bei der Generationen-WG an. „Ich stand gerade in der Küche der Studenten-WG als die SMS vom Verein kam“, erinnert sich die junge Frau. Die Freude sei riesig gewesen. Vor allem auch, als sie hörte, dass das neue Zuhause wieder im Schöneberger Kiez sein sollte. Der hat ihr sofort gefallen.
Vorurteil: Vielleicht eine versteckte Pflegetätigkeit?
„Jeder hat am Anfang gesagt, was wichtig ist“, sagt Beate Meißner. Keine Haustiere, keinen Schimmel, keine dreckigen Töpfe in der Küche – das waren ihre Wünsche. Und sie gibt auch ihre ersten Vorurteile zu: Verbirgt sich vielleicht eine versteckte Pflegetätigkeit dahinter? Eine Einkaufsbegleitung? Doch schon beim ersten Besichtigungstermin wurden ihre Bedenken zerstreut. Auch Cornelia sagt, dass ihr von Anfang an klar gewesen sei, dass es mit Beate keine Probleme geben würde.
In der Dreizimmerwohnung hat Beate ein großes Zimmer mit Balkon und Hochbett. Gemeinsam nutzen die beiden Frauen Küche und Bad. Sie haben klare Regeln aufgestellt: So gibt es einen Putzplan für die gemeinsam genutzten Flächen. Alle zwei Wochen ist jeder dran. Lebensmittel kauft jeder für sich ein, was dem gemeinsamen Kaffee nicht im Wege steht.
Wenn die beiden überhaupt einen Konfliktpunkt sehen, könnte es die Bepflanzung des sieben Meter langen Balkons im Frühjahr sein. Beide lieben Blumen, aber ob ihre Vorstellungen zusammenpassen? Sie lachen und sagen: „Dann kriegt jeder seine Ecke.“ Am Ende des Gesprächs fasst Cornelia alle guten Gründe für die WG in einem Satz zusammen. „Heim zu kommen und Hallo sagen zu können, das ist ein schönes Gefühl.“
Informationen:
Die nächste Infoveranstaltung über die Generationen-WG Berlin ist am 14. März, 17-19 Uhr, in der oskar | freiwilligenagentur lichtenberg, Weitlingstraße 89. Jonas Deußer ist vor Ort und berichtet über das Projekt.
Kontakt zu Generationen-WG Berlin: Sonay soziales Leben e.V., (030) 844 269 23 (Mo-Do 10-14), wohnen@sonaysozialesleben.de, www.generationen-wg-berlin.de



