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Primark schließt seine Filiale im Schloss-Straßen-Center

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Die Primark-Filiale im Schloss-Straßen-Center (SSC) schließt im April 2023, weil sie wirtschaftlich nicht mehr attraktiv ist.

Die Primark-Filiale im Schloss-Straßen-Center (SSC) schließt im April 2023, weil sie wirtschaftlich nicht mehr attraktiv ist.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die Schloßstraße im Südwesten ist im Wandel. Die Einkaufscenter müssen sich neu erfinden, wie bereits das Forum Steglitz.

Berlin. Als vor genau zehn Jahren die erste Primark-Filiale in Berlin eröffnete, war Steglitz auf einmal der neue Shopping-Hotspot. Auf zwei Etagen breitete die irische Billig-Textilkette im Schloss-Straßen-Center (SSC) am Walther-Schreiber-Platz stapelweise T-Shirts, Pullover und Schlafanzüge aus, die oft nicht teurer als fünf Euro waren. Sonnabends stiegen Schwärme junger Mädchen aus der U9 aus, um sich neu einzukleiden.

Der Ansturm war schlagartig vorbei, als zwei Jahre später eine weitere Filiale am Alexanderplatz eröffnete. Nachdem auch noch neue Läden in der City West an der Joachimsthaler Straße und in den Gropiuspassagen in Neukölln die Kunden abfingen, war Steglitz abgeschrieben. Auf die immer leerer werdenden Gänge und Kassen hat der Discounter jetzt reagiert. Das Unternehmen bestätigte auf Anfrage, dass der Mietvertrag an der Schloßstraße nicht mehr verlängert wird. Die Textilwirtschaft hatte zuerst darüber berichtet.

Primark im Schloss-Straßen-Center (SSC): Routinemäßige Überprüfung wegen des Mietvertrages

Eine routinemäßige Überprüfung sei zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Mietvertragsverlängerung für Primark nicht mehr kommerziell attraktiv ist, sagt eine Unternehmenssprecherin. Daher sei geplant, den Mietvertrag nach dem 30. April 2023 nicht mehr zu verlängern. Primark habe seine Mitarbeitenden persönlich informiert und werde mit ihnen Lösungen finden. Die Sprecherin verwies auf die 30 Stores in ganz Deutschland, davon noch drei in Berlin.

Eine Verkäuferin im SSC reagierte gelassen und freundlich auf die Frage, wie es jetzt weitergeht. „Wir sind ja noch ein Jahr da“, sagte die junge Frau. Solange könnten sich die Kunden darauf einstellen. Sie habe gehört, dass das Schloss-Straßen-Center umgebaut werde und man deshalb raus müsse. Auf eine Anfrage der Morgenpost hat das Centermanagement des SSC am Dienstag zunächst nicht reagiert.

Schloss-Straßen-Center (SSC): Die klassische Shopping Mall wird sich verändern

Die Schließung des Textildiscounters hat nicht nur Auswirkungen auf das SSC, das sich nun neu positionieren muss, sondern auch auf die gesamte Schloßstraße: Die klassische Shopping Mall wird sich verändern. „Die Center der Zukunft werden weniger Flächen für den Verkauf anbieten, dafür mehr für den Aufenthalt“, sagt Nils Busch-Petersen, Chef des Handelsverbandes Berlin Brandenburg. Aber auch andere Nutzungen könnte er sich vorstellen. Der stationäre Handel sei unter Druck, Wandel gehöre dazu.

Aber den Weggang von großen Filialisten könne man kompensieren. „Es gibt noch Flächenbedarf“, so Busch-Petersen. Der Auszug von Primark sei ein Indikator für die angespannte Lage der Textilindustrie und habe weniger mit der Schloßstraße zu tun. „Die ist und bleibt unter den Top-3-Lagen mit Kudamm/Tauentzien und Alexanderplatz“, sagt der Verbandschef.

Extrem dichte Ballung des Einzelhandels

Mit der Eröffnung des Boulevard Berlins im Jahr 2012 war die Einkaufsstraße im Südwesten komplett: Vier große Shoppingmalls auf nicht einmal einem Kilometer, insgesamt 200.000 Quadratmeter Verkaufsfläche – eine dichtere Ballung an Einzelhandel ist kaum in Berlin zu finden. Während im Einkaufscenter „Das Schloß“ am Rathaus Steglitz fast immer alle Läden vermietet sind, stehen viele Geschäfte im „Boulevard Berlin“ leer. Anfang des Jahres wechselte dort der Besitzer, ein Umbau soll geplant sein.

Das „Forum Steglitz“, das 1970 als eine der ersten Shop-in-Shop-Galerien in Berlin eröffnete, erfindet sich seit 20 Jahren immer wieder neu und eröffnet demnächst als Hybrid-Center, halb Geschäftshaus, halb Bürohaus. Damit hat es den von Nils Busch-Petersen prognostizierten Wandel bereits vollzogen. Die Büroflächen sind nach Auskunft des Eigentümers, der Real I.S. AG, bereits voll vermietet. Gerade hat die Drogerie Rossmann eröffnet, nach und nach folgen bis zur zweiten Jahreshälfte andere Läden, wie Edeka, Butlers und Lidl.

Markthalle, Junge Berliner Mode, Born-Markt

Auch das SSC braucht jetzt neue Ideen: Nach der Eröffnung 2007 hatte es mit Leerstand und Fluktuation zu kämpfen. Das änderte sich sofort mit der Eröffnung von Primark. Geschätzte 80 Prozent der Centerfläche nutzt der Textildiscounter, die muss jetzt wieder gefüllt werden. Anwohner aus dem Kiez hätten da schon einige Vorschläge, wie eine kleine Umfrage ergab: Eine große Markthalle mit einer Mischung aus edlen Möbeln, Accessoires, Gastronomie und Lebensmitteln wünscht sich eine 50-Jährige, die selbst in der Textilbranche arbeitet. Und eine Krankenschwester hätte dort gern junge Berliner Unternehmen, zum Beispiel aus der Modebranche. Ein Mitarbeiter eines Sportnetzwerkes schlägt eine Filiale von TK Maxx vor. Mehrere wollen die Stände vom Born-Markt aus dem Forum Steglitz zurück.

Dass aber auch der stationäre Textilhandel noch an sich glaubt, beweist Peek & Cloppenburg an der Schloßstraße. Das Modeunternehmen hat gerade einen langfristigen Mietvertrag für das Nachbarhaus unterschrieben und noch einen „Pop-up-Sale“-Store eröffnet.

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