Mit glänzenden Augen, die Arme vor der Brust, steht Hugo Pörschke in der Einfahrt und beobachtet die wildfremden Menschen, die eine Habseligkeit nach der anderen aus seinem Haus tragen. Sohn Sebastian kommt angelaufen. „Papa, da will einer von den roten Lampen nur die Schirme kaufen.“ Pörschke ist nicht einverstanden. Nur komplett. Er blickt wieder Richtung Haus. Die Lampen erinnern ihn an seine Kindheit. Heute werden sie für ein paar Euro den Besitzer wechseln. „Ist schon nicht so leicht“, sagt Pörschke.

Drinnen herrscht Hochbetrieb, jeder Quadratzentimeter ist belegt. Rund 150 Menschen drängen sich um das Angebot. Es wird begutachtet und beraten, gefeilscht und gekauft. Wie viel für die Schallplatte? 20 Euro. Ich wollte aber unter 20 bleiben. Wie viel für das Vogelbuch? Drei Euro. Zuviel! Habt ihr eigentlich auch Kameras?

Im Dezember verstarb die Mutter von Hugo Pörschke im Alter von 91 Jahren. Bis zuletzt lebte sie in ihrer Villa in Zehlendorf. Ein imposantes Gemäuer in Gelb, Baujahr 1906 mit 360 Quadratmetern und direkter Lage am Waldsee. Bekannte beschreiben Renate Pörschke als großzügige, gastfreundliche Frau, die stets Wert auf gute Manieren legte. Mit ihrem Mann Fritz führte sie eine Arztpraxis in Neukölln, die beiden kauften das Haus an der Goethestraße in den 60er-Jahren.

Im Hintergrund zu sehen: Weine und Spirituosen, die Renate Pörschke von ihren Patienten geschenkt bekam
Im Hintergrund zu sehen: Weine und Spirituosen, die Renate Pörschke von ihren Patienten geschenkt bekam© Krauthoefer | Krauthoefer

Besonders Fritz Pörschke war ein leidenschaftlicher Sammler. Nach dem frühen Tod ihres Mannes vermietete Renate Pörschke die Zimmer an Studenten, Künstler und Weltenbummler. An Leute also, die etwas Interessantes zu erzählen hatten. Langweilig sollte es nie sein. Über die Jahrzehnte wuchs der Hausrat. Geblieben ist mehr, als die Verwandten heute noch gebrauchen könnten. Ein paar Tausend Gegenstände. Wohin damit?

Die Lösung ist eine Annonce bei Facebook: „Villenauflösung in Zehlendorf“. Mehr als 1000 Menschen sagen zu. Manche wittern ein neuartiges Party-Happening. „Ich wurde gefragt, welche Longdrinks es gibt und welcher DJ auflegt“, sagt Enkelin Roxy Pörschke, die klarmachen muss, dass es sich um einen normalen Flohmarkt handelt. Zum Glück ist sie Profi. Die 28-Jährige betreibt mit der Firma "Ypsilon" eine eigene Eventagentur. Statt Longdrinks und DJ gibt es dann Kaffee und Kuchen mit leisem Jazz. Trotzdem ist der Andrang gewaltig.

Nippes ohne Ende, aber auch vergessene Schätze

Denn es gibt nichts, was es nicht gibt. Die Überbleibsel eines Menschenlebens liegen ausgebreitet in drei Räumen: Teller und Tassen, Besteck, Bücher, Schmuck, Lampen, Gemälde und Teppiche. Aktenkoffer, Postkarten und Pfeffermühlen. Ohne Ende Nippes. Aber auch vergessene Schätze: eine rund 50 Jahre alte Kaffemaschine der Firma Electrostar, eine gusseiserne Bettpfanne, ein Hygrometer zum Messen der Luftfeuchtigkeit und eine Ausgabe der „Illustrirten Zeitung“ vom 3. Oktober 1918. Auf der Terrasse stehen verstaubte Spirituosen – Geschenke der Patienten von Renate Pörschke, die endlich getrunken werden wollen.

Das Publikum, das sich gegenseitig auf die Füße tritt, ist bunt gemischt. Es sind Liebhaber schöner Dinge, ausgezogen, ein Schnäppchen zu machen. Da sind die Profis, die jedes Stück auf Teufel komm raus herunterhandeln. Ein schwules Pärchen diskutiert, ob das Teeservice zum heimischen Kücheninterieur passt. Die Hipster-Eltern würden sich gerne den antiken Kronleuchter für 800 Euro leisten. Und der verkaterte Student, der viel zu spät kommt, ist überrascht, dass die besten Sachen schon weg sind. Manche genießen nach einem Rundgang durch die Räume auch einfach nur die heimelige Atmosphäre und den Seeblick auf der Terrasse.

Roxy Pörsche verhandelt mit einem Interessenten über einen Teddy. Dem sind 75 Euro aber zu viel.
Roxy Pörsche verhandelt mit einem Interessenten über einen Teddy. Dem sind 75 Euro aber zu viel. © Krauthoefer | Krauthoefer

Roxy Pörschke und ihre beiden Brüder haben als Erkennungszeichen orangene Warnwesten übergestreift. Im Minutentakt müssen sie Preise aushandeln, abkassieren, Quittungen ausstellen. Oft bleiben den Geschwistern nur ein paar Sekunden, um den Wert zu schätzen. Einige Sachen haben einen Festpreis, etwa der Perserteppich für 3800 Euro. Eine komplette Biedermeier-Einrichtung wurde schon vorab für 3500 Euro verkauft. Der alte Rollator von Renate Pörschke kostet 75 Euro, ein etwas mitgenommener Teddybär ebenfalls. Fast ein bisschen viel. „Der hat für meinen Vater einen hohen ideellen Wert“, sagt Roxy Pörschke und lächelt.

Hugo Pörschke steht immer noch in der Einfahrt. An seinem Motorrad hat er sicherheitshalber einen Zettel angebracht: „Nicht zu verkaufen“. Der Software-Berater mit dem Schnauzbart hätte seinen Sonntag lieber anders verbracht, weiß aber auch, dass er sich vom Hab und Gut seiner Mutter trennen muss. Immerhin sei kurz nach ihrem Tod eingebrochen worden, „die Einbrecher haben uns einen Teil der Arbeit abgenommen“, scherzt er.

 Bis auf einige Bücher und Geschirr wird am Ende fast alles verkauft
Bis auf einige Bücher und Geschirr wird am Ende fast alles verkauft© Krauthoefer | Krauthoefer

Auch der Flohmarkt zieht manchen schrägen Vogel an. Ein Pärchen kommt zwei Stunden zu früh und verlangt Zutritt. Weitere Händler folgen. Ein wildes Bieten beginnt, das fast in einer Schlägerei endet. Gegen 13 Uhr taucht ein Mann auf, der sich als Kunstexperte bezeichnet. „Das ist doch Fake hier“, murmelt er. Betrüger seien das, die Villen anmieten und mit Ramsch vollstopfen, den sie dann überteuert verhökern. Einen Kaffee nimmt er trotzdem.

Auch Vertreter der Zehlendorfer Schickeria machen auf ihrem Spaziergang einen Zwischenstopp. Und sind enttäuscht, dass das Haus nicht zum Verkauf steht. Freunde würden in der Gegend suchen – sie selbst natürlich nicht, sie hätten ja schon eine Villa.

Nach ein paar Stunden wird es ruhiger. Die Zimmer haben sich geleert, von Menschen, von Dingen. Ein kleiner Junge hat sich, erschöpft von der Schnäppchenjagd seiner Eltern, auf einem Blümchensofa niedergelassen. „Mein Gott, ist der süß!“, kreischt eine Frau. „Was soll der kosten?“