Morgens früh im Grunewald zeigt sich die Wahrheit dieser Zeilen besonders. Wenn die Vögel Zwiesprache halten, die ersten Sonnenstrahlen den letzten Reif vom Laub nehmen, wenn sich Jogger und Hundebesitzer freundlich grüßen, obwohl sie sich vorher noch nie gesehen haben. Irgendwann am Vormittag verliert sich dieses Ritual, zu viele Menschen kommen dann, das Grüßen würde überhandnehmen. Besonders an sonnigen Wochenendtagen, wenn die Parkplätze belegt sind und die Wege voller Jogger, Walker, Biker, Reiter, Spaziergänger mit und ohne Hund. Bis zu 100 Millionen Waldbesucher sollen nach Schätzungen jedes Jahr den Grunewald besuchen.

Die Forstverwaltung geht mit diesen Besucherströmen offenbar so vorbildlich um und leistet dabei zugleich einen so guten Beitrag zum Naturschutz, dass der Grunewald vom Bund Deutscher Forstleute nun zum „Waldgebiet des Jahres 2015“ ausgezeichnet wurde. Am Sonnabend, dem Internationalen Tag des Waldes, wurde diese Auszeichnung feierlich übergeben.

50 Millionen Goldmark für 10.000 Hektar Wald in und um Berlin

Aber es gibt noch einen Grund, den Grunewald zu feiern: Seit 100 Jahren gehört der Grunewald den Berlinern. Natürlich ist der Wald, der nach dem Jagdschloss „Zum grünen Walde“, dem heutigen Jagdschloss Grunewald, benannt wurde, viel älter. Aber erst am 27. März 1915 unterschrieb der Zweckverband Groß-Berlin, aus dem fünf Jahre später die Großstadt Berlin hervorging, den Dauerwaldvertrag. Mit ihm erwarb die Stadt vom Königreich Preußen für 50 Millionen Goldmark insgesamt 10.000 Hektar Wald in und um Berlin herum. Herzstück war dabei der Grunewald mit 3870 Hektar. Die Bestimmung als Dauerwald bedeutete, dass die Waldgebiete weder bebaut noch weiterverkauft werden durften.

Aus heutiger Sicht klingen diese Vorgaben wie eine Selbstverständlichkeit. Doch vor 100 Jahren mussten sich die Berliner ihren Grunewald erst einmal erkämpfen. Vorausgegangen war dem Vertrag ein Engagement, das als erste Umweltbewegung in Deutschland gilt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Berlin kaum eigenen Waldbesitz. Zugleich erlebte die Stadt aber eine regelrechte Bevölkerungsexplosion. Zwischen 1848 und 1914 stieg die Zahl der Einwohner von 424.000 auf vier Millionen. Für die Neu-Berliner brauchte man neben Wohnraum natürlich auch Erholungsgebiete.

„Im Grunewald ist Holzauktion“

Eines der Lieblingsorte war damals bereits der Grunewald. Doch sein Besitzer, der preußische Staat, war am Erhalt offenbar weniger interessiert als an dem Geld, das er durch den Verkauf von Waldflächen erzielen konnte. So wurde 1889 das Areal zwischen Halensee und Hundekehlesee an die Kurfürstendamm-Gesellschaft veräußert, die dort die Villenkolonie Grunewald gründete. Unter den Berlinern sorgte das für großen Unmut. Ihre Angst spiegelt sich in dem Gassenhauer „Im Grunewald ist Holzauktion“, der mit Ironie vom Abholzen der Waldflächen und vom massenhaften Holzverkauf zu Billigpreisen erzählt, „Der ganze Klafter Süßholz kost‘nen Taler“.

Die Stadt unternahm in den folgenden Jahren immer wieder Vorstöße, den Grunewald zu erwerben, doch die Gesuche wurden zunächst abgelehnt. Stattdessen wurden bis 1910 insgesamt 2000 Hektar des Grunewaldes in Bauland umgewandelt. Doch die Berliner akzeptierten das nicht. 1906 bildete sich der Waldschutzverein, 1907 wurde das Verunstaltungsgesetz beschlossen, das die Untersagung von Bauvorhaben erlaubte, die Landschaftsbilder zerstörten. Aber erst 1915 war es soweit: „Damit er darin Hausrecht gewönne und um der den Wald immer mehr aufsaugenden Umwandlung der Forsten in Baugelände einen Riegel vorzuschieben“, wie es ein Berliner Förster später beschrieb, konnte der Zweckverband Berlin den Grunewald kaufen.

Brennholz nach dem Krieg

1939 war Berlin mit 25 Hektar Wald nach Görlitz der zweitgrößte Waldbesitzer. Doch unter den Nationalsozialisten wurde auch wieder kräftig abgeholzt – unter anderem auch um neue Wohnsiedlungen zu schaffen. Der Grunewald aber blieb davon weitgehend verschont. Erst einmal. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Blockade war nämlich nicht mehr viel übrig von ihm. Noch wichtiger als der Ausflug ins Grüne war damals nämlich das Bedürfnis, wenigstens die Wohnung warm zu haben. In der Stadt gab es längst kein Brennholz mehr. Die meisten Stadtbäume waren zerstört oder verheizt, also pilgerten die Menschen mit Karren in den Wald, um dort Bäume zu schlagen. 1950 müssen der Grunewald und andere Forsten der Stadt ein solches Bild der Verwüstung geboten haben, dass ein Generalaufforstungsplan beschlossen und dafür 2,5 Millionen D-Mark zur Verfügung gestellt wurden. Bis Mitte der 50er-Jahre wurden 2800 Hektar Berliner Stadtwald aufgeforstet Eine Arbeit, die vor allem Frauen machten, und für die sie auf der Rückseite der 50-Pfennig-Münze geehrt wurden.

So erholte sich nicht nur der Wald, sondern bald auch wieder in ihm die Berliner. Im Sommer ging es an die Badeseen, im Winter auf die Skier. Zum „Gipfel“ des Teufelsbergs führte sogar ein Schlepplift hinauf und dann ging es die 400 Meter lange Piste herunter. Gerade in Mauerzeiten gewann der Grunewald für West-Berlin als grüne Oase und als Ort der Ablenkung eine enorme Bedeutung. Verloren hat er diese Bestimmung auch nach dem Mauerfall nicht mehr.