Berlin ist eine Insel

Valentinswerder im Tegeler See – Ein Paradies im Wandel

Ein Eiland mit Inselwart, einem Großgrundbesitzer und vielen neuen Bewohnern. Valentinswerder ist für viele der Inbegriff der Abgeschiedenheit. Doch das Idyll verändert sich.

Foto: Amin Akhtar

Ruhig liegt sie da, wie ein kleines Paradies. Dann donnert ein Flugzeug in gefühlten zehn Metern Flughöhe über das Eiland und konterkariert die idyllische Atmosphäre. „Ja, wenn Tegel endlich lahmgelegt wird, das wird schön“, meint Joachim Schnitzler. „Falls das jemals passiert.“

Schnitzler ist ein zurückhaltender Mann, überlegt sich seine Worte genau. Jeans und Poloshirt in gedeckten Farben trägt er, mit ruhigen Handgriffen löst er sein kleines Motorboot vom Pier am Tegeler See, wartet, dass seine Hunde einsteigen, und setzt sich ans Steuer. Nun geht es nach Hause. Nach Hause, das ist für ihn Valentinswerder. Als er nach wenigen Minuten das Boot an seinem Steg festmacht und die paar Schritte zu seinem Grundstück vorangeht, wird klar, dass die Insel im Tegeler See wie gemacht zu sein scheint für Menschen wie ihn, die genug haben vom Lärm der Großstadt und das Paradies auf Erden suchen. Valentinswerder, das ist der Inbegriff von Ruhe und Abgeschiedenheit, ein Rückzugsort für Kreative, für Medien- und Freischaffende.

Tegel ist nur drei Bootsminuten entfernt

Doch weit weg ist die Stadt nicht, Tegelort liegt nur drei Bootsminuten entfernt. Das wissen auch die Wildschweine, die manchmal nachts herüberschwimmen und die Uferanlagen zerwühlen. Selbst um eine Zeitung zu kaufen, muss Schnitzler den Motor anwerfen. Auf Valentinswerder gibt es weder Laden, noch Bar, nur um die 90 Grundstücke, einen Campingplatz für Dauercamper und einen Segelclub.

Als Joachim Schnitzler und seine Frau Ellen Puschner 2003 hierherzogen, trafen sie diese Entscheidung sehr bewusst. Es galt abzuwägen, ob ein solcher Umzug logistisch tragbar ist, schließlich arbeiten beide. Sie, gebürtige Mainzerin, ist selbstständig, muss täglich zu ihren Kunden in die Stadt. Er, aus der Nähe von Augsburg kommend, arbeitet bei einem großen Onlineversandhandel. Dabei hielt das Paar, das 1999 nach Berlin zog, gar nicht gezielt Ausschau nach einem Inselgrundstück. „Wir wollten Eigentum erwerben und stolperten im Internet über dieses Haus“, erzählt Schnitzler bei einem Kaffee auf der überdachten Terrasse seines Heimes. „Und haben uns sofort verliebt.“ Zu Recht. Fast wilhelminisch mutet es an, das große, robuste Steinhaus von 1903. Die gestreifte Tapete im mit alten Holzmöbeln eingerichteten Wohnzimmer erinnert an das Heim der Buddenbrooks, erst wenn man sie berührt, merkt man, dass sie nicht aus Stoff sind.

Ein wunderschöner Garten umgibt das Haus, hohe Bäume, stattliche Zucchini und prachtvolle Blumen, die eine Expertin erkennen lassen. „Den grünen Daumen hat meine Frau“, lächelt Schnitzler mit der Gießkanne in der Hand. Seine beiden Hunde wissen noch nicht recht, was sie von dem Besuch halten sollen. Unvermittelt beginnen sie, lautstark zu bellen. „Das Problem ist, dass sie die ganze Insel als ihr Revier ansehen“, erklärt ihr Herrchen. Das führe schon manchmal zu Missverständnissen. Einbrecher hätten sie aber noch nicht abhalten müssen. Auch, wenn es auf der Insel durchaus schon welche gegeben haben soll, das weiß Schnitzler aus Erzählungen. Blanche und Stella sind spanische Wasserhunde, müssten also geboren sein für das Leben auf einer Insel. Bei Regen würde man sie aber nicht vor die Tür bekommen.

Der Großteil von Valentinswerder ist verpachtet

Das Haus kauften Schnitzler und seine Frau einem alten Ehepaar ab, das sich dem unkomfortablen Inselleben nicht mehr gewachsen fühlte. Mit diesem Eigentum sind sie eine Rarität auf Valentinswerder, denn der Großteil der Insel ist verpachtet. An die 95 Prozent gehören dem Bremer Geschäftsmann Werner Haberkern, dessen Urgroßvater die Insel 1874 erwarb. Anfangs als Landhausinsel mit schönem Park angelegt, wucherte sie im Laufe der Jahre zu, Laubenpieper zerstückelten die Villengrundstücke. Als Werner Haberkern die Insel vor 18 Jahren übernahm, ließ er die Alleen wieder herstellen und legte einen Rundweg an, heute hat die Insel wieder einen exklusiveren Touch.

Doch der Familie gehört eben nicht die ganze Insel. „Hier gab es schon immer Fremde“, sagt Haberkern bei einem kurzen Treffen auf dem Festland und wirft einen verhärteten Blick hinüber auf sein Eiland. Fremde, das Wort will so gar nicht zu einer Siedlung von 90 Grundstücken auf gut 13 Hektar passen. Man gewinnt nicht den Eindruck, dass die Flucht auf die Insel auch eine Flucht vor zwischenmenschlichen Alltagsproblemen ist, im Gegenteil, nachbarschaftliche Befindlichkeiten scheinen sich auf so einer klar begrenzten Fläche zu verstärken.

Die „Festen“ und die „Wochenendler“

Joachim Schnitzler windet sich ein wenig aus der Frage nach den nachbarschaftlichen Beziehungen heraus. „Ganz normale Befindlichkeiten“, antwortet er kurz. Er und seine Frau hätten Freunde unter den „Festen“ und Freunde unter den „Wochenendlern“. Und Menschen, mit denen man nicht klarkommt, gebe es schließlich überall. „Man ist schon sehr auf sein Grundstück bezogen“, lenkt Schnitzler ein. Doch im Winter, dann werde man zur Bedarfsgemeinschaft. Wenn der Tegeler See zufriert und auch nachts alle zwei Stunden jemand zwischen Insel und Festland hin- und herfahren muss, um die Rinne freizuhalten, da wachse man zusammen. Vor allem mit den „Festen“.

Diese Unterscheidung in Feste und Wochenendler ist wichtig auf der Insel, das merkt man bereits nach einer halben Stunde. Die Zahl der auf der Insel gemeldeten Bewohner ändert sich ständig, doch immer ist sie gering. „Das sind vielleicht plus minus zehn Haushalte, die hier wie wir dauerhaft wohnen“, schätzt Schnitzler. Er und seine Frau hätten schon ein Wohnrecht, aber trotzdem sei alles „im Graubereich.“ Wenn neu gebaut wird, dann nur Wochenendhäuser. „Aber wir legen das mal als Bestandsschutz aus“, meint Schnitzler und hüllt sich auch hier fortan in Schweigen. Doch jetzt, in den Ferien, da sei die Insel vor allem am Wochenende voll. Viele Familien haben hier ihre Wochenendhäuser, in den letzten Jahren vermehrt „Prenzlauer-Berg-Familien“. An den Grundstücken sehe man den Generationenwechsel, früher seien viele Bewohner gärtnerisch tätig gewesen. „Heute ist Valentinswerder eher ein Wochenenddomizil für gestresste Großstädter“, bemerkt Schnitzler.

Inselwart seit 19 Jahren

Dass sich in den letzten Jahren viel verändert hat auf Valentinswerder, dem kann Andreas Reuter zustimmen. Er macht aus seiner Meinung keinen Hehl. Wer sollte ihm auch etwas anhaben können, ihm, der guten Seele der Insel. Der Riese im schlabberigen schwarzen T-Shirt, mit dem rotblonden Bart und einem Strohhut auf dem Kopf lebt hier schon lange. Seit 1995 ist er Inselwart, kümmert sich um sämtliche Belange der Bewohner, eine Art Open-Air-Hausmeister. Seit der Fährmann vor drei Jahren überraschend seine Lizenz zurückgab, weil sich der Betrieb einfach nicht mehr lohnte, pendelt Reuter auch mehrmals am Tag zwischen Insel und Festland hin und her. „Früher gab’s hier viele Arbeiter, aber durch die ganze Optimierung der Infrastruktur können die sich die höheren Mieten gar nicht mehr leisten.“ Für das Abwasser etwa gibt es ein Tanksystem, und Strom gab es 2003, als die Schnitzlers herzogen, auch noch nicht, der kam erst ein Jahr später. „Die Klientel ist akademischer geworden.“

Den ausgefallenen Job bekam er durch Zufall. „Die einstige Wassersportschule suchte damals einen Allround-Handwerker, ich bin ja Tischler und Zimmermann. Dann hat sich das so ergeben.“ Die Arbeit sei schön, aber schon sehr einnehmend. Zu 100 Prozent müsse man sich auf das Inselleben und die Bewohner einlassen. Neben Reuter hat Haberkern noch drei Gärtner angestellt, einer von ihnen ist Bernd Krause. „Diese Tätigkeit ist eine Mischung zwischen Arbeit und Erholung“, sagt der Mann mit den Locken, während er einen Baum auf der Hauptallee beschneidet. „Es gibt hier immer etwas zu tun, auch im Winter. Dann gilt es Bänke zu streichen, abzuschleifen, oder auch mal Gasflaschen mit dem Schlitten übers Eis zu transportieren.“

Wenn aber an sommerlichen Freitagen die Laubenpieper anreisen, dann ahnt man: Für Joachim Schnitzler beginnt eine stressige Zeit. Vielleicht wird man so nach einigen Jahren als Insulaner jedem gefühlten Eingriff in die Idylle gegenüber hochsensibel. „Wenn am Sonntagabend das letzte Boot weg ist und hier wieder Ruhe einkehrt, dann denken wir oft ‚Die Touristen sind weg‘ und wir dürfen hierbleiben“, sagt er. „Das ist das Schönste.“

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Foto: Amin Akhtar

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