Dass jemand wegen ein paar Euro so brutal niedergeschlagen wird, hat sich der Zehlendorfer Jürgen H. nach eigenen Worten nie vorstellen können. Doch genau das ist ihm dann passiert.
Der 63 Jahre alte Kioskbetreiber ist am Montagabend gegen 18 Uhr direkt vor seinem kleinen Kiosk überfallen und ausgeraubt worden. „Ich habe gerade die Alarmanlage einschalten wollen, als ich offenbar von einer Flasche am Kopf getroffen worden bin“, sagt der Geschäftsmann. Im nächsten Augenblick sei ihm sein Rucksack samt Portemonnaie aus der Hand gerissen worden.
Und während er etwas benommen von der stark blutenden Platzwunde nach Orientierung suchte, flüchteten die Täter mit ihrer Beute in einem Auto.
„Anwohner sind mir zur Hilfe geeilt“, sagte der gelernte Feinmechaniker. Sie verständigten auch seine Frau. Er kam zur Behandlung ins Krankenhaus. Dort wurde die Platzwunde am Kopf mit zehn Stichen genäht. Von dem oder den Tätern fehlte zunächst jede Spur. Die Beute soll mehrere Hundert Euro betragen.
Schon einmal ist Jürgen H. Opfer eines Überfalls geworden. Vor etwa zehn Jahren hatte man ihn ebenfalls vor seinem Kiosk ausgeraubt. Doch damals habe man ihn lediglich zur Seite gestoßen, den Rucksack von der Schulter gerissen.
Hilfe, das Geschehene zu verarbeiten
Vor 40 Jahren ist H. aus der ehemaligen DDR ausgewiesen worden. Zuvor hatte er mehr als drei Jahre im Gefängnis gesessen. In Leipzig aufgewachsen, lernte er dort den Beruf des Feinmechanikers. Kurz nach dem Berufsabschluss habe er sich vom bundesdeutschen Geheimdienst anwerben lassen. „Das ist jedoch nach relativ kurzer Zeit aufgeflogen und man hat mich zu 15 Jahren Haft verurteil“, erinnert sich der Wahlberliner.
Doch nach etwas mehr als drei Jahren Haft wurde er nach West-Berlin abgeschoben. „Hier habe ich meine Familie gegründet und bis Mitte der 90er-Jahre als Feinmechaniker gearbeitet“, sagt er. Mit Mitte 40 machte er sich dann selbstständig.
Diesen Schritt hat er bis heute nicht bereut. Denn die Arbeit in seinem Kiosk macht ihm Spaß. „Der Plausch am Stand, dazu gehören Tratsch und natürlich die Diskussion über die große Weltpolitik, treiben mich täglich an, den Kiosk zu öffnen“, sagt er.
Auch wenn ihn der Überfall am Montag schockiert hat, so will er spätestens am Donnerstag sein Geschäft wieder öffnen. Und den Weg von seinem zu Hause bis hin zu dem etwa einen Kilometer entfernten Kiosk geht er immer zu Fuß. „Doch das nie ohne Gina“, sagte er mit einem leichten Leipziger Dialekt.
Die Hündin sei etwas in die Jahre gekommen und da benötige man für die Strecke etwas länger. Doch der alltägliche Spaziergang entlang der zahlreichen Kleingärten tue gut und werde ihm helfen, das Geschehene zu verarbeiten.


