- Ein entlaufenes Känguru sorgt für Aufregung in Berlin-Kladow
- Einfang-Versuche der Polizei blieben erfolglos
- Das Beuteltier gehört offenbar Jakob Augstein, dem Erben des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein
Drei Polizeiwagen mit Blaulicht, eine Straßensperrung und eine Reihe Polizisten, die scheinbar etwas im Wald suchen. So beschreibt Anwohnerin Rachel Reuters das Gesehene. Allerdings handelt es sich bei dieser Szene am Sonntagvormittag nicht um die Verfolgung eines Schwerverbrechers, sondern um die Suche nach einem circa 70 bis 80 Zentimeter großen Känguru, das in Spandau „enthüpft“ ist.
Das Beuteltier springt seitdem durch den Süden des Ortsteils Kladow. „Es hüpfte im Dunkeln an der Ecke Sakrower Kirchweg an mir vorbei. Ich dachte erst, ich habe mich verguckt“, so erzählt es eine Augenzeugin der „B.Z.“, die das Känguru gegen 5.30 Uhr zu Gesicht bekommen hat. Offenbar konnte es entwischen, nachdem eine unbefugte Person ein Gatter geöffnet hatte. Der Besitzer hat das Tier inzwischen als vermisst gemeldet. Nach Angaben mehrerer Anwohner gehört es vermutlich zu einem der größeren Grundstücke am Sakrower Kirchweg.

Nach Informationen dieser Redaktion soll das Känguru dem Journalisten Jakob Augstein, dem Erben des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein gehören. Zuerst berichtete die „Bild“-Zeitung. Demnach sollen fünf weitere Kängurus im Garten des Journalisten gehalten werden. Ein Foto des Boulevardblattes zeigt, wie sie in ihrem Gehege sitzen. Auf „Bild“-Anfrage wollte sich Augstein nicht dazu äußern. Auch diese Redaktion bemüht sich um eine Stellungnahme.

Känguru in Spandau: Polizei auf ungewohnter Verfolgungsjagd
Die Polizei versuchte bereits mehrfach, das Tier einzufangen – bisher ohne Erfolg: „Für so etwas gibt es eben kein Handbuch, die Beamtinnen und Beamten sind dafür auch nicht speziell ausgebildet. Sie haben Decken und Fangschlingen, die etwa für entlaufene Hunde verwendet werden, eingesetzt“, so Polizeihauptkommissar Martin Halweg zur Morgenpost.
Die Augenzeugin Rachel Reuters begegnete dem Tier, als sie mit dem Auto Richtung Sacrow unterwegs war: „Ich habe ganz viele Polizeiautos gesehen, die Straße war gesperrt, die Beamten rannten in den Wald. Plötzlich sprang direkt vor mir dieses Känguru vorbei. Dann sind alle Polizisten schnell zurück ins Auto und ihm hinterher.“
Die Szene spielte sich auf der Sakrower Landstraße ab, das Tier hüpfte anschließend weiter Richtung Sakrower Kirchweg. „Ich musste natürlich lachen, als ich das gesehen habe. Aber eigentlich ist das gar nicht lustig. Das Känguru hat bestimmt Angst, Hunger und Durst. Es weiß ja nicht, wie es sich hier sein Futter suchen soll“, beschreibt Reuters.
Suche nach Känguru eingestellt: „Nicht reizen, nicht gefährden“
Die Polizei hat inzwischen die Suche eingestellt: „Da es keine Sichtungen in der Nähe belebter Plätze oder befahrener Straßen gibt, gehen wir davon aus, dass keine Gefahr für die Öffentlichkeit besteht und auch der Straßenverkehr nicht gefährdet ist“, erklärt Halweg. Trotzdem rät der Polizeihauptkommissar zur Vorsicht: „Es handelt sich um ein Wildtier, also gilt: nicht reizen, nicht gefährden, nicht in die Enge drängen und so schnell wie möglich die Polizei alarmieren.“
Anwohnerinnen oder Anwohner sollten im Fall einer Sichtung etwa 50 bis 60 Meter Sicherheitsabstand einhalten. Die Verantwortung dafür, dass das Känguru wieder zurückkommt, liegt beim Besitzer. „Welche Maßnahmen der Eigentümer treffen muss, um das Tier einzufangen, kann ich Ihnen aber nicht sagen“, so Halweg.
Was ist eigentlich ein Wallaby-Känguru?
Wallabys gehören zu den kleinsten Känguruarten und werden maximal 80 Zentimeter groß. „Normalerweise verbringen Wallabys den Tag mit Ruhen, Schlafen und Fressen“ erklärt eine Sprecherin des Zoologischen Gartens Berlin. „Da sie sich von pflanzlicher Kost wie Gräser, Blättern, Rinde oder Kräutern ernähren, könnten Wälder neben Schutz auch potenzielles Futter für die Tiere bereitstellen. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet ist Australien, hier bevorzugen sie buschige und bewaldete Gebiete.“
Anwohner in Spandau sorgen sich um das Känguru. „Der wird wahrscheinlich vom Wolf geholt“, fürchtet eine Nachbarin. Reuters bestätigt: „Wir hatten schon einen Wolf im Garten. Am Roten Stein hat mein Nachbar ebenfalls einen gesehen.“ Wie gefährlich der Wolf für das Tier aber wirklich ist, kann nicht genau gesagt werden, da Wallabys in Deutschland für gewöhnlich nicht in der Natur vorkommen.
Wilde Kängurus in Deutschland
Allerdings gibt es Ausnahmen: Wie die Morgenpost berichtete, leben wilde Wallabys bei Burg Stargard in Mecklenburg-Vorpommern. Bei einem Einbruch im dortigen Tierpark Klüschenberg im März 2001 flüchteten zehn Tiere. Sieben konnten wieder eingefangen werden, drei blieben verschwunden und vermehrten sich. Inzwischen gedeiht in der Gegend eine kleine Wallaby-Population.
Ob sich auch das Wallaby im Spandauer Wald durchschlagen kann, ist ungewiss: „Wie bei allen Tieren spielen Charakter und Vorerfahrungen eine große Rolle; manche Wallabys sind eher scheu, andere mutiger oder zutraulicher. Eine Prognose, wie sich dieses Tier im Wald in Spandau verhält, sind daher reine Spekulation“, so die Sprecherin des Zoologischen Gartens. Ein Lichtblick: Das Klima hierzulande ist mit dem australischen durchaus vergleichbar. Kälte, Nässe und sogar Schnee machen Wallabys nichts aus.
Kritik an der Haltung von Wildtieren
Die private Haltung von Kängurus ist in Deutschland unter Einhaltung der Auflagen erlaubt. „Ich persönlich finde es nicht gut, dass so ein Tier privat gehalten wird. Die können nicht artgerecht gehalten werden, egal wie groß der Garten ist“, bemängelt Reuters. Ein weitere Anwohner Kladows findet: „Sowas müsste verboten werden. Wilde Tiere gehören in die Wildnis, die haben nichts in deutschen Haushalten zu suchen“. Ein Nachbar am Kirchweg sieht das nicht so streng: „Mich stört es jetzt nicht so. Dass man sowas zu Hause hat, ist schon schräg, aber ist ja nicht gefährlich. Außer jetzt für das Känguru.“
mit daw


