Die letzten Tage vor dem Ball wurde es wieder ein wenig stressig für Agnes Wehke und ihre Unterstützer. Die Festschrift musste fertiggestellt und in den Druck gegeben werden. Das Team musste Lieferungen kontrollieren, Präsente zusammenstellen, die Fotowand vorbereiten. Am gestrigen Abend selbst eröffnete die 34-Jährige den Berliner Seglerball mit einer Rede und passte auf, dass alles klappte. „Ich war nur am Rennen in meinem Ballkleid“, sagt sie. „Ab Mitternacht geht das Genießen los. Dann fällt die Last ab.“
Im vergangenen Jahr hat Agnes Wehke den Berliner Seglerball nach 25 Jahren Unterbrechung wieder ins Leben gerufen, an diesem Wochenende wurde er zum zweiten Mal in der Spandauer Villa Schützenhof in Hakenfelde gefeiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand zum Ende der Saison immer ein großer Ball statt, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Seglern aus Ost und West zu stärken. Prächtige Bälle seien zunächst im Prälat Schöneberg, später im Palais am Funkturm veranstaltet worden. Peter Reckmann vom Tegeler Segel-Club hat die Feste ab Anfang der 80er-Jahre miterlebt. „Unter einem Smoking ging damals nichts“, erzählt er. „Die Bälle waren sehr aufwendig und groß.“ Entsprechend hoch waren jedoch auch die Kosten. Und so war 1992 schließlich Schluss mit den Berliner Seglerbällen.

Später gab es noch vereinzelte, lokale Bälle. An die kann sich auch Agnes Wehke aus ihrer Jugend erinnern. „Jeder hat damals seine eigene Suppe gekocht“, sagt sie. Die ursprüngliche Funktion, die Segler aus ganz Berlin zusammenzubringen, erfüllten die Feiern nicht mehr. Und so kam bei einigen der Wunsch auf, die alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Auch Wehke hörte in einer Runde davon.
Seglerball war auf Anhieb ausverkauft
Die Berlinerin sagt über sich selbst, dass sie in einem Seglerverein aufgewachsen ist. Ihr Vater sei Vereinsvorsitzender gewesen, sie selbst habe bei der Touren-Segler-Vereinigung Tegel schwimmen und schon als Kind segeln gelernt. Bis heute ist sie dem Sport treu geblieben. Außerdem, erzählt die 34-Jährige, liege ihr das Organisatorische. Beruflich ist sie Eventmanagerin. Die Idee, den Seglerball aufleben zu lassen, reizte sie daher in mehrfacher Hinsicht. „Ich habe hin und her überlegt, und mir dann gesagt, ich gucke erst mal nach einer Location.“
Etwa ein Jahr habe sie gesucht, bis sie den Tipp der Villa Schützenhof im Spandauer Ortsteil Hakenfelde bekam. Die wurde 2017 von neuen Pächtern umfassend saniert. „Die Villa hatte einen sehr alten Charakter, alles war etwas marode“, sagt Leiterin Antje Hoffmann. „Der Ruf war auch nicht mehr so gut.“ Nach der Sanierung lebte die mehr als 100 Jahre alte Villa wieder neu auf – ähnlich wie der Berliner Seglerball. „Außerdem hat die Villa auch diesen traditionellen Charakter. Das verbindet sie mit dem Ball“, sagt Seglerin Wehke. Als sie die Pächter traf, seien alle sehr motiviert gewesen. „Also haben wir gesagt: Wir machen das.“
Band und DJ mussten organisiert werden, Sponsoren gefunden und das Event überhaupt erst einmal bekannt gemacht werden. Doch die Werbeaktionen in den Vereinen mit Postern und Flyern zahlten sich aus: Am Ende war der Ball ausverkauft und Segler aus allen Berliner Bezirken kamen zusammen. Selbst aus Köpenick, erzählt Wehke, seien Segler bis nach Spandau gefahren.
Vor allem hat es sie gefreut, dass auf dem Ball alle Altersgruppen vertreten waren. In den Vereinen gebe es oft große Jugendmannschaften, aber nach dem Schulabschluss würden viele Mitglieder das Interesse verlieren, sagt Wehke. Ihr Ziel war es deshalb, besonders auch junge Segler zusammenzubringen. „Es gibt zwei Konzepte“, erklärt sie. „Oben findet der klassische Ball statt und unten eine Party mit DJ.“ Die etwas modernere Auslegung kam an, auch bei jenen, die sich noch an die früheren Bälle erinnern. „Ich war begeistert“, sagt Peter Reckmann. „Und es hat gezeigt, dass es offensichtlich ein Bedürfnis nach so festlichen Veranstaltungen gibt.“
Weil der erste Ball so erfolgreich war, ging er in diesem Jahr in eine zweite Runde. Gewinn wird mit dem Ball dabei jedoch nicht erzielt, betont die Organisatorin. Die Einnahmen aus einer Tombola gingen etwa an einen Verein, der sich für herzkranke Kinder einsetzt, und mit diesen unter anderem segeln geht. Für Wehke steht bereits fest, dass es nicht bei den zwei Bällen bleiben wird. „Der Ball soll wieder Tradition werden“, sagt sie. „Man steckt so viel Zeit hier hinein, warum sollte man es dann wieder aufgeben?“ Und auch für Peter Reckmann soll es nicht der letzte Ball gewesen sein. „Solange meine Knochen das mitmachen“, sagt er mit einem Lachen, „werde ich dabei sein.“



