Morgen für Morgen das gleiche Bild: lange Staus auf der Heerstraße in Spandau Richtung Innenstadt. Auch auf den Zufahrtsstraßen zu der wichtigsten Verbindungstrasse aus dem westlichen Berliner Umland in die City gibt es kein Fortkommen.
Zum abendlichen Berufsverkehr stehen dann die Autofahrer in der Gegenrichtung im Stau. Wichtigster Grund für das alltägliche Verkehrschaos auf der Bundesstraße 2 und 5 ist ein Nadelöhr an der Havel.
Seit mehr als drei Jahren wird an dem Neubau der 100 Jahre alten Freybrücke gearbeitet. Seitdem schieben sich die rund 60.000 Fahrzeuge, die täglich die Ost-West-Magistrale nutzen, über die verschwenkten, engen Spuren einer Behelfsüberquerung.
Im Bereich des Provisoriums gilt ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern. Obwohl die baldige Fertigstellung mehrfach angekündigt wurde, ist das Ende der Bauarbeiten noch immer nicht in Sicht.
Die Senatsverwaltung für Verkehr will sich auf einen Termin für die Freigabe der neuen Brücke derzeit nicht festlegen. „Der verregnete Oktober hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, begründete Sprecherin Petra Rohland am Mittwoch die Verzögerungen. „Wir versuchen alles, um die Brücke noch dieses Jahr fertigzustellen“, sagte sie auf Anfrage der Berliner Morgenpost.
Die Planer gingen mal von einem Jahr Bauzeit aus
Mitte Januar 2013 war die Freybrücke überraschend für Busse und Lastkraftwagen gesperrt worden, weil ein Pfeiler sich gesetzt hatte. Erst nachdem ein Stahlträger abgestützt worden war, wurde das Bauwerk für Fahrzeuge bis 18 Tonnen Gewicht wieder freigegeben.
Seit November 2013 rollt der Verkehr über die schmale Behelfsbrücke. Damals gingen die Planer von einer rund einjährigen Bauzeit aus. Als Anfang 2016 der Neubau noch immer nicht in Sicht war, verwies man im Hause von Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) auf unvorhergesehene Ereignisse.
So habe das Niedrigwasser auf der Elbe Transporte von Baumaterial und Brückenteilen auf dem Wasserwege unmöglich gemacht, sagte Geisels Sprecher Martin Pallgen seinerzeit. Auch der Baugrund sei schwieriger als erwartet. Zudem habe es Mängel in der Bauausführung des Auftragnehmers gegeben, die zu zusätzlichen Verzögerungen führten und beanstandet wurden.
Asphaltarbeiten finden unter einem Zelt statt
Als dann im Juni der 61 Meter lange und 400 Tonnen schwere Mittelteil der Stahlkonstruktion endlich über die Havel eingeschwommen und montiert werden konnte, atmeten Planer und Autofahrer auf. Die Senatsverwaltung für Verkehr legte sich erstmals auf einen Freigabetermin fest. Am 1. November dieses Jahres sollte der Ersatzbau für den Verkehr freigegeben werden. Mindestens vier der fünf Spuren sollten dann wieder befahrbar sein. Doch auch daraus ist nichts geworden.
Dieses Mal machte Geisels Sprecherin Petra Rohland die schlechte Witterung dafür verantwortlich, dass das Verkehrhindernis im Zuge der Heerstraße noch nicht beseitigt werden kann. Die Brücke müsse noch asphaltiert und die Fahrbahnen anschließend markiert werden. Das sei nur bei trockener Witterung und Temperaturen über dem Gefrierpunkt möglich.
Um die Freigabe der Brücke noch dieses Jahr zu ermöglichen, machen die Tiefbauer nun ein ungewöhnliches Experiment: Derzeit werde getestet, ob die Asphaltarbeiten unter zwei 30 mal 30 Meter großen Zelten möglich seien. „Wir wissen noch nicht, ob das gelingt oder ob unter den Planen der Asphalt vielleicht sogar längere Trocknungszeiten benötigt“, erklärte die Sprecherin.
Dass sich Berliner und Pendler aus Brandenburg möglicherweise noch bis zum Frühjahr 2017 mit der Staustelle auf der Ost-West-Achse abfinden müssen, will Rohland deshalb „nicht völlig ausschließen“.
Die Gesamtkosten des Brückenneubaus sind auf 33 Millionen Euro veranschlagt. Davon trägt den größten Teil der Bund. Das Land Berlin ist mit 5,4 Millionen Euro beteiligt.
Teurer soll es nicht werden
Der Kostenrahmen werde trotz der Verzögerungen eingehalten, versicherte Petra Rohland am Mittwoch. „Dass die Baufirmen bereitstehen und die Behelfsbrücke länger stehen bleiben muss, wird das Ganze nicht verteuern“, so die Sprecherin.
Die alte Freybrücke war 1911 eröffnet worden. Beim Kampf um Berlin zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Bauwerk zerstört. Ob die Havelquerung auf der damals auch strategisch wichtigen Heerstraße von Bomben getroffen oder gesprengt wurde, ist nicht sicher.
Vermutlich hatte die Wehrmacht die Brücke gesprengt, um russischen Einheiten den Weg zu versperren. Der Wiederaufbau der historischen Freybrücke aus den geborgenen Brückenteilen dauerte von 1948 bis 1951.


