„Patrick war mal auf dem richtigen Weg“, berichtet Polizeihauptkommissar Dirk Schramm. Dann aber sei er völlig abgedreht. „Das letzte, was ich von ihm gehört habe ist, dass er wegen versuchten Mordes angeklagt wurde.“ Der Jugendliche lebte in Spandau und war bereits seit seiner Kindheit „Stammgast“ im Vernehmungszimmer der Polizei. „Irgendwann kam er unter Jugendarrest und wurde auf einen Bauernhof nach Norddeutschland gebracht“, erzählt Dirk Schramm. Dort sei er richtig aufgeblüht, hatte Spaß an der Arbeit.

Doch der Bauernhof war nur eine Station von kurzer Zeit. Er wurde in eine andere Einrichtung verlegt, aus der er aber wenig später flüchtete. Zurück in Berlin trieb er sich erneut auf der Straße herum, verübte Einbrüche, stahl Handys und Motorroller. Nach einem weiteren Einbruch hatte Patrick der Polizei eine Speichelprobe gegeben. Damit war seine DNA registriert.

„Von einer Autobahnbrücke in Reinickendorf hatten unbekannte Jugendliche Steine auf Fahrzeuge auf dem Autobahnzubringer geworfen“, sagt Schramm. „An den Steinen hat die Kripo DNA-Spuren gesichert. Eine von ihnen konnte Patrick zugeordnet werden. Jetzt steht er wegen versuchten Mordes vor Gericht.“ Ein Negativ-Beispiel, nennt es der Beamte.

Abteilung für Jugenddelikte

Schramm, eine Kollegin sowie zwei weitere Beamte sitzen am frühen Abend in ihrem Büro im Polizeiabschnitt 21 an der Moritzstraße in Spandau. Abteilung Jugenddelikte ist auf einem Schild an der Glastür zu lesen. Seit vier Jahren gibt es die strategische Ausrichtung Jugendsachbearbeitung in der Direktion 2. Ein Netzwerk bestehend aus Jugendrichtern, Staatsanwälten, Streetworkern der Jugendgerichtshilfe und der Polizei. So ist in der Vergangenheit ein direkter und schneller Austausch zwischen den einzelnen Behörden entstanden, heißt es.

Es gibt eine enge Zusammenarbeit auch mit den Jugendlichen. „Das ermöglicht uns Einblicke in die Familie, die Schule und in die Freizeit der straffällig gewordenen Jugendlichen“, sagt Schramm. „Vor dieser Zusammenarbeit wurde delikt-orientiert gearbeitet, heute ist unsere Polizeiarbeit personenbezogen.“ War ein Jugendlicher wegen verschiedener Delikte straffällig, wurde er unter Umständen auch bei den verschiedenen Dienststellen geführt.

„Alles, was nicht angebunden war, hat er gestohlen“, erzählt Polizeioberkommissar Achim Post von einem der jungen Kriminellen. „Als Kind hatte er schon 30 Straftaten verübt. Die völlig überforderte Mutter wurde erst richtig sauer auf ihren Sohn, als er ihr ein gestohlenes Smartphone verkauft hatte.“ Beim letzten polizeibekannten Verbrechen hatte der mittlerweile 15-Jährige bei einer Mietwagenfirma Autoschlüssen gestohlen und war dann mit einem gestohlenen Wagen abgehauen. „Er hat bereits eine Biografie, da werden wir auch nicht mehr viel erreichen“, heißt es bei der Jugendgerichtshilfe. Auch der ältere Bruder des Vorbestraften ist der Polizei bekannt. Er sitzt im Gefängnis.

Keine besonders intelligenten Gespräche

„Wir gehen jetzt mal ins Wohnzimmer der Jungen“, sagen die Beamten. Schlüssel, Dienstausweise und Funkgeräte werden eingepackt. Auf dem Parkplatz des Polizeiabschnittes steht ein Fahrzeug bereit. Das „Wohnzimmer“ ist der Koeltzepark. „Dort treffen sich die Jugendlichen täglich“, sagt Polizeioberkommissarin Maja Broszel. „Das nennen sie ihr Revier, dort werden wir einige der Jungs auf jeden Fall treffen.“

Auch an diesem Sonnabend ist die Grünanlage die erste Station der Beamten auf ihrer Präsenzstreife. „Hier suchen wir das Gespräch mit den Jugendlichen.“ Man kennt sich seit Jahren, die meisten sind schon als Kinder straffällig geworden, haben bereits eine dicke Polizeiakte. 30 bis 40 Delikte sind keine Seltenheit. Auf der Fahrt zu „unseren Jungs“ in den Park an der Kirchhofstraße warnt die Beamtin, man dürfe bitte keine besonders intelligenten Gespräche erwarten. Auf Dauer sei es sehr anstrengend und koste Nerven.

Sie erzählt von der 18-jährigen Mimi, die seit vier Jahren betreut wird. „Mimi war bei den China-Box-Chillern, eine ungefähr 20-köpfige Mädchenbande, die sich täglich an einem China-Imbiss getroffen hat“, sagt die Polizistin. „Von dort aus haben sie ihre regelmäßigen Diebestouren zu verschiedenen Bekleidungsgeschäften, in ein Kaufhaus und in Drogeriemärkte unternommen.“ Es sei teilweise schwer gewesen, die Mädchen wiederzuerkennen, da sie sich mehrmals in der Woche die Haare gefärbt hätten. Natürlich mit gestohlenem Haarfärbemittel. „Mimi wird sicher keine Stütze der Gesellschaft werden, aber sie schlägt keine anderen mehr und klaut auch nicht mehr.“

„Diese Gruppen ersetzen die Familie“

Sarbast lehnt an einer offenen Autotür. Er ist an diesem Abend der erste, auf den die Beamten am Koeltzepark treffen. „Na Sarbast, biste selber gefahren?“, fragen ihn die Beamten. Der 17-Jährige schaut erschrocken mit offenen Augen und verneint treuherzig. Wie sich wenig später herausstellt, handelt es sich um den Mietwagen einer Bekannten. Sarbast begrüßt die Polizisten wie alte Bekannte mit Handschlag und dreht sich eine Zigarette. Im folgenden Gespräch geht es überwiegend um Belanglosigkeiten, es tauchen aber auch immer wieder Fragen auf, wo sich der eine oder andere seiner Freunde aufhalten würde. „Bei diesen Treffen erfahren wir immer wieder Kleinigkeiten, die später hilfreich sind“, sagt Lutz Reimann. Der Polizeikommissar ist dort auch der zuständige Kontaktbereichsbeamte.

„Quatsch nicht so viel“, rufen andere Jugendliche Sarbast zu. Unter ihnen sind auch einige Intensivtäter. Sie befürchten, dass der Jugendliche Dinge ausplaudert, die die Polizei nicht wissen muss. „Sarbast ist vor sechs Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen und hat sehr schnell Deutsch gelernt“, sagt Reimann. „Der ist richtig intelligent, aber irgendwann ist er in der Schule überhaupt nicht mehr mitgekommen. Seitdem hängt er mit den anderen Jungen zusammen.“ Er selber sei selten an Taten beteiligt gewesen, ist aber irgendwie immer mit dabei.

„Diese Gruppen ersetzen die Familie“, sagt Schramm. „Die Eltern sind überfordert, viele Mütter haben mehrere Kinder auch von verschiedenen Männern.“ In den meisten Fällen würden noch sehr beengte Wohnverhältnisse dazu kommen. Die Jugendlichen treiben sich auf der Straße herum. Treffpunkt im Koeltzepark ist die Jugendeinrichtung des Bundes Deutscher Pfadfinder. „Wir sind die erste Anlaufstelle“, sagt Sozialarbeiter Christian Müller. „In Gesprächen und bei den regelmäßigen Treffen versuchen wir eine tragfähige Beziehung herzustellen.“ Auch für die Polizei gehört Müller zu einem wichtigen Gesprächspartner bei der schwierigen Arbeit mit den Jugendlichen.

Der 15-jährige Rajuan begrüßt die Polizisten. Ein belangloser Smalltalk folgt. Nach einem Einbruch saß er in einer Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern, in der so genannten Untersuchungshaft-Vermeidung. Vom Dach seiner Unterkunft hat er einige Dachziegel entfernt, ist durch das Loch abgehauen und zurück nach Berlin gefahren. Ohne Fahrschein. Da lief die Fahndung. „Beim Public Viewing während der Fußball-Weltmeisterschaft haben wir ihn auf der Zitadelle entdeckt und festgenommen“, sagt Schramm. „Das Finale hat er in Untersuchungshaft erlebt.“ „Und nur im Radio“, sagt Rajuan.

„Da kommt ein positives Beispiel“, sagt Polizeioberkommissar Achim Post und deutet auf den 19-jährigen Chico. „Er hat jahrelang nur Mist gebaut, hat jetzt aber in einem speziellen Programm bei der Stadtreinigung einen Arbeitsplatz auf Probe.“ Dafür wird er von den andern Jungen ausgelacht. „Mir egal“, sagt er, „ich bekomme regelmäßig mein Geld. Ich will unbedingt meinen Lkw-Führerschein bei der BSR machen.“ Andere Jugendliche kommen gar nicht erst näher. Sie sehen die Beamten schon von Weitem und drehen ab. „Die sind noch sauer, dass wir sie mal festgenommen haben“, sagt Schramm.

Kein Respekt vor dem Vater

Im Auto geht es durch die Wohngegend der Jugendlichen. Plötzlich sehen die Jugendarbeiter der Polizei den Vater eines ihrer „Schützlinge“. Ein kleiner Mann versucht, die Beamten davon zu überzeugen, dass sein Sohn doch nicht so schlimm ist. Er redet viel und schnell. „Ich habe meinem Sohn den Führerschein versprochen, wenn er regelmäßig in die Schule geht“, sagt er durch das offene Autofenster. Sein Sohn ist 16 Jahre alt, mehrfach vorbestraft. „Vielleicht sollte der Vater mal eine andere Wohnung suchen“, sagt die Polizeioberkommissarin später. „Die beiden wohnen in einer Ein-Zimmer-Wohnung, sein Sohn Ronny schläft auf der Couch.“ Wenn die Jungen ihre Väter überhaupt kennen, dann beschimpfen sie sich gegenseitig mit den Vornamen ihrer Väter, sagt einer der Polizisten. Respekt sieht anders aus.

Die Beamten betreuen die so genannten „KoMT“, kiezorientierte Mehrfachtäter. Ab zehn Delikten im Abschnittsbereich gehört man dazu, vergeht ein Jahr ohne Straftat, ist man wieder raus aus dem Programm. In den meisten Fällen führt die „Karriere“ aber direkt in die Bezeichnungen Schwellen- und Intensivtäter. Die werden dann Dauergäste bei der Kriminalpolizei. „Die vom Gericht verordneten Sozialstunden nehmen die Jugendlichen als Freispruch war“, sagt Schramm. Stehen sie mal wieder vor Gericht, können sie sich meistens nach vier Wochen schon nicht mehr an einzelne Delikte erinnern, heißt es. Bei der Vielzahl der Taten würden sie diese schnell durcheinanderbringen.

Bedrohungen, Körperverletzungen, Beleidigungen und Diebstähle. In Supermärkten stehlen sie Schnaps und verkaufen die Flaschen an die örtliche Alkoholikerszene auf den Parkbänken, fahren mit gestohlenen Motorrollern durch die Nacht, rauben Handys, kiffen und sind betrunken. Bei den Ermittlungen nutzen die Beamten auch die sozialen Netzwerke wie etwa Facebook. „Manchmal ist es die Dummheit der Jugendlichen, die uns die Arbeit erleichtert“, sagen sie. Die China-Box-Chiller waren beispielsweise am Kudamm in den Geschäften auf Klautour. „Die haben noch in der U-Bahn ihre Beute mit den Handys fotografiert und damit auf Facebook angegeben“, sagt einer der Polizisten. „In einer Nacht waren Jugendliche in Spandau unterwegs , haben Feuerlöscher in Tiefgaragen und in einem Krankenhaus gestohlen“, ergänzt Schramm. „Damit haben sie sich im Koeltzepark gegenseitig voll gesprüht und die Filme ins Internet gestellt.“

Kurz vor Mitternacht. Die Polizisten beenden ihre Streife. Zurück im Büro schreiben die Beamten einen Tätigkeitsbericht über Ronny, Mimi, Chico, Toby, Rajuan und Sarbast. „Es kommt auch vor, dass wir an einem Freitagabend mit einem Jugendlichen gesprochen haben, und am Montagmorgen sehen wir, dass es es nichts genützt hat, dass er zum Verdächtigen bei einer Straftat geworden ist“, sagt Schramm. „Es gibt aber auch Jugendliche, die nur einmal im Leben straffällig geworden sind und danach nicht wieder. Daraus schöpfen wir unsere Motivation zum Weitermachen.“