Unter den Sparzwängen des Berliner Senats schien der Umzug der Berliner Hochschule für Technik (BHT) ins Terminal A des ehemaligen Flughafens Tegel ganz still und heimlich auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Dabei soll die Hochschule die Herzkammer für den Technik- und Innovationspark Urban Tech Republic werden. Die Präsidentin der Berliner Hochschule für Technik, Julia Neuhaus, im ausführlichen Morgenpost-Interview über die Sorgen der Hochschule und warum Berlin eventuelle Sparpläne teuer zu stehen kommen könnten.

Die BHT wartet seit Jahren auf den Umzug. Zuletzt sah es so aus, als wolle der Senat aufgrund der schwierigen Finanzsituation den Umzug still und heimlich weiter verschieben. Wie beurteilen Sie die Lage aktuell?

Herausfordernd. Nachdem bekannt geworden war, dass keine Mittel für den Umzug der BHT in den Haushalt eingestellt worden sind und damit auch offiziell klar wurde, dass der bisherige Termin 2028 nicht zu halten ist, gab es ja eine gewisse Aufmerksamkeit für unsere Situation. Die vielen Reaktionen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung gegen dieses Vorgehen haben uns zuversichtlich gestimmt. Im November gab es dann einen Vor-Ort-Termin mit der Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) in Tegel. Dort hat sie auch noch einmal deutlich gesagt hat, wie essenziell der Umzug der BHT ins Terminal fürs Funktionieren der Urban Tech Republic im Flughafen Tegel ist. Denn es geht es ja nicht nur darum, dass eine Hochschule mehr Platz braucht, die BHT ist als Herzstück des geplanten Technologieparks gedacht.  

Terminalgebäude des früheren Flughafens TXL
Wissenschaftssenatorin Ina Maria Czyborra (SPD) und BHT-Präsidentin, Julia Neuhaus, haben im November beide den früheren Flughafens TXL Tegel besucht, um sich ein Bild von der Lage zu machen. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Halten Sie es für ausgeschlossen, dass es nur warme Worte der Politik zur Beruhigung waren?

Wir sind vorsichtig optimistisch. Nach unserem aktuellen Stand sind die bauvorbereitenden Maßnahmen auch für 2025 gesichert. Allerdings muss die Weiterfinanzierung jedes Jahr aufs Neue bewilligt werden. Wir alle kennen die Berliner Haushaltslage und so sind wir dauerhaft in Alarmbereitschaft, dass wir die Finanzierung auch in den folgenden Jahren bekommen. Ich denke, allen ist klar, dass Berlin es sich nicht leisten kann, ein solches Projekt sterben und damit Tegel zu einem Lost Place werden zu lassen. 

Laut Ihren Berechnungen fehlen Ihnen 20.000 Quadratmeter Fläche. Die Lehre funktioniert aber weiterhin irgendwie. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Wir kompensieren derzeit sehr viel durch den hohen Einsatz unserer Mitarbeitenden und teure Anmietung. Und auch die Studierenden gehen mit unserer Raumnot sehr konstruktiv um. Dafür bin ich dankbar. Aber das ist ein Notzustand, der schon viel zu lange andauert. Auf lange Zeit verliert die BHT – und damit auch Berlin – an Attraktivität für Menschen, die eine gute Ausbildung in MINT-Fächern suchen und später in diesen Feldern auch arbeiten.

Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, verschieben wir Sanierungen, die längst hätten erfolgen müssen. Aber irgendwann kann man nichts mehr schieben und dann bricht das ganze System zusammen. Gerade, wenn man so ein langfristiges Projekt wie Tegel betreibt, schwindet auch die Motivation, wenn immer wieder ein Fragezeichen drangesetzt wird. Studenten, die bei uns angefangen haben, mit der Aussicht, ihren Master bereits in Tegel zu machen, sind mittlerweile längst fertig mit dem Studium. Wir können nicht permanent weiter verschieben, wie wir es jetzt viele, viele Jahre erlebt haben. Wir brauchen eine verlässliche Zeitperspektive. Die Senatorin sprach nun von 2030 – und davon gehen wir jetzt auch aus.

Derzeit bauen Sie ja auch auf Ihrem Campus hier neue Labore.

Ja, ein ganz neues Gebäude soll hoffentlich im kommenden Jahr neu öffnen. Allerdings ist das der Ersatz für angemietete Flächen, die wir nach Fertigstellung dann nicht mehr nutzen. Das heißt: Flächenmäßig wird die externe angemietete Fläche damit nicht kompensiert, aber natürlich freuen wir uns auf die modernen Labore direkt hier auf dem Campus, der ja neben Tegel weiterhin auch Standort der BHT bleibt.

Die Pläne für den Umzug sind schon lange fertig. Liegen sie bei Ihnen eigentlich nur in der Schublade herum?

Schon lange werden Pläne erarbeitet und immer wieder überarbeitet. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten ganz eng mit den Senatsverwaltungen zusammen und passen die Pläne immer wieder neu den Gegebenheiten an. Einer der Punkte dabei ist auch, dass immer wieder viele Sachen unter dem Kostendruck infrage gestellt werden. Wichtig ist dabei, dass wir aufpassen, dass wir nichts weg sparen, was für ein Lehrgebäude wirklich essenziell ist. Nicht, dass der Terminal am Ende zwar irgendwie fertig gebaut ist, aber nicht mehr als Hochschulstandort nutzbar ist.

Wie meinen Sie das?

Laborausstattungen sind teuer. Da sieht man vielleicht Möglichkeiten zu sparen, allerdings sind gerade diese wichtig für unsere Arbeit. Uns zeichnet die anwendungsorientierte Lehre aus. Dafür brauchen wir die Kombination aus Laboren, Lehrräumen und Testflächen auf einem Freigelände. Deshalb kämpfen wir auch so um Tegel. Weil wir das hier nirgendwo abbilden können.

Umbau des früheren Flughafens TXL Tegel für die BIZ
Derzeit sieht der Flughafen Tegel vernachlässigt wie ein Lost Place aus. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Tegel ist ein emotionaler Ort für viele Berliner und gleichzeitig ist er nun, da er geschlossen ist, für viele ein großes Mysterium. Wie wichtig ist die Urban Tech Republic samt BHT fürs ganz normale Berlin?

Es ist wichtig, zu verstehen, dass dort nicht nur ein Ort für Studierende und Lehrende entsteht, wo vom Rest der Welt isoliert gelernt wird. Alles, was dort passiert, wirkt direkt in die Stadt und die Gesellschaft zurück und das in steigendem Maße. Auf dem Gelände entsteht auch das Schumacher Quartier, eines der weltweit größten Wohnquartiere in Holzbauweise mit rund 5000 Wohnungen. Techniken, die bei uns erforscht, entwickelt und gelehrt werden, kommen dort zur Anwendung und werden auch künftig in anderen Städten auf der Welt zum Einsatz kommen. Unternehmen siedeln sich an und bieten künftig mehreren 1000 Berlinern neue Arbeitsplätze.

Wie wirkt die Arbeit der BHT denn zum Beispiel ganz konkret in die Stadt zurück?

Zum Beispiel forschen wir daran, welche Stadtbäume sich für den zukünftigen Einsatz in der Stadt auch unter Klimawandelaspekten eignen. Ein Projekt befasst sich konkret mit der Linde. Diese weist besonders stabile Eigenschaften in Bezug auf die klimatischen Veränderungen in der Stadt auf. Diese Resistenz der Linde weiterzuerforschen hilft unserer Stadt nachhaltig, braucht aber entsprechende Freiflächen für die Untersuchung von Stressfaktoren und die Selektion von widerstandsfähigen Sorten. Es gibt weitere Forschungsprojekte in diesem Bereich, im Bereich der E-Mobilität und weiterem – all diese brauchen die Freiflächen für ihre Forschung.

Könnten diese Linden dann eines Tages auch Unter den Linden stehen?

Natürlich. Die Linde ist der wichtigste Straßenbaum in Berlin. Es gilt natürlich zuerst, den vorhandenen Bestand zu erhalten. Auch dafür können unsere Forschungsergebnisse wichtige Erkenntnisse bringen, hinsichtlich der Pflege des Bestandes unter Klimawandelaspekten. Sollten dann die Bäume doch ausgetauscht werden müssen, können Sorten, die sich in unseren langjährigen Versuchen als besonders klimaresilient gezeigt haben, für Nachpflanzungen genutzt werden. Wir sind hierzu auch im regen Austausch mit Baumschulen, insbesondere denen in Berlin, bei denen unsere Studierenden im Rahmen von Praxisphase und Abschlussarbeiten an der Thematik forschen können.

Ein Argument für Tegel ist, dass sich dort auch Unternehmen niederlassen und es Synergie-Effekte gibt. Wie wichtig ist räumliche Nähe in Zeiten des Internets wirklich?

Zufall ist ein wichtiger Innovationsfaktor. Wo kluge Köpfe sich begegnen, wachsen Ideen und neue Lösungen. Tegel soll ein solcher Lern- und ein Begegnungsort werden.

In der Diskussion zur Finanzierung in Zeiten von knappen Kassen ist derzeit auch eine Public-Private-Partnership im Gespräch: Ein Investor baut, die Hochschule mietet anschließend. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich kann das ein Weg sein, um Projekte auch in schwierigen Zeiten in die Umsetzung zu bringen. Aber natürlich steht auch fest, dass nur die hohe Anfangsinvestition gestreckt wird, dauerhaft müssen in diesem Modell die Kosten für Anmietung eingeplant werden. Denn die Mietzahlungen müssen anschließend ja auch geleistet werden.

Umbau des früheren Flughafens TXL Tegel für die BIZ
Auf der Fläche innerhalb des Flughafengebäudes haben früher Autos geparkt, zukünftig sollen dort Versuchsäcker für die BHT entstehen.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Und wenn man es rein zahlenmäßig betrachtet: Rechnet sich der Umzug der BHT für Berlin?  

Ich vergleiche es gern mit dem Technologiepark Adlershof. Aus dem Standort konnte in den letzten Jahren ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich zehn Prozent und mehr für das Land erwirtschaftet werden, während Berlin eines um maximal 4,5 Prozent, meist deutlich geringer, hatte. Das ist eine Erfolgsgeschichte, die allerdings auch ihre Zeit gebraucht hat. Und Tegel wird ähnlich funktionieren. Jeder Euro, den man hier in Wissen und die Ausbildung von Fachkräften steckt, kommt als Vielfaches zurück. Das sind keine kurzfristigen Gewinne, die man sich als Verdienst sofort an den Kragen heften kann, aber dafür generiert es langfristige stabile. Wer jetzt nichts ausgibt, spart nur scheinbar. Die Baukosten steigen immer weiter und was man verliert, sind vor allem viele schlaue Köpfe, die statt nach Berlin woanders hingehen.