Es ist ein Beruf, den es so nur einmal in Deutschland gibt: Am 1. Februar trat Annabell Paris offiziell ihren Dienst als Reinickendorfs Einsamkeitsbeauftragte an. Das Bezirksamt besetzt damit als bundesweit erste Kommune eine Vollzeitstelle für das Thema.
Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) hat mit dieser Entscheidung einen Nerv getroffen. Auch das niederländische Fernsehen schaute nach der Stellenausschreibung zum Interview vorbei. Zwei Berliner Bezirke haben sich nach der Bekanntmachung aus Reinickendorf das Anforderungsprofil für Bewerber auf die Stelle von schicken lassen und wollen ebenfalls selbst eine Stelle gegen Einsamkeit einrichten, sagt Demirbüken-Wegner. Die Verkündung wollte sie jedoch den jeweiligen Bezirken selbst überlassen und nannte deshalb keine Namen.
Die Reinickendorfer Einsamkeitsbeauftragte ist jetzt zwei Wochen im Dienst, sie befindet sich noch in der Orientierungsphase und kann noch nicht viel sagen über Geplantes oder gar Erreichtes, aber aufgrund des enormen medialen Interesses gab es die Vorstellungsrunde. Annabell Paris ist 39 Jahre alt, hat ein Master-Studium der Kommunikationswissenschaften abgeschlossen und in ihrer vorherigen Tätigkeit Erfahrungen im sozialen Bereich als Bildungsbegleiterin für Schüler gesammelt. Geboren wurde sie im Wedding, seit 1986 lebt sie in Reinickendorf. „Einsamkeit ist kein kleines Randthema – es sind so viele Menschen davon betroffen“, sagt Paris. Ihr „hohes Maß an Empathie“ helfe ihr dabei, so Paris.
Einsamkeit unter Jugendlichen hat einen Hauptschuldigen
Nicht nur Senioren litten unter Einsamkeit, sondern etwa auch Jugendliche, die gemobbt würden, weiß die Einsamkeitsbeauftragte zu berichten. „Einsamkeit ist losgelöst von Alter und Gesellschaft. Es kann jeden betreffen. Es macht vor niemandem Halt. Auch nicht vor dem Geschäftsmann, der jeden Tag zur Arbeit geht, aber eigentlich verdammt einsam ist.“ Auch Alleinerziehenden oder Menschen mit Migrationsgeschichte, die sich von ihrer Familie entfremdet haben, seien oft einsam. Bei Jugendlichen hat Bürgermeisterin Demirbüken-Wegner einen Haupt-Schuldigen an der Einsamkeit ausgemacht: „Das Handy ist heutzutage ein bester Freund, eine beste Freundin – es hat seinen Vorteil, aber auch seinen Nachteil.“
All diese Baustellen will Annabell Paris anpacken. „Es ist der Beginn von etwas Großartigen, wo ich dabei sein wollte. Ich hoffe, dass ich diese Aufgabe mit Leben füllen und etwas bewegen kann“, sagt Paris.
Das Thema Einsamkeit treibt Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner schon lange um. Es sei ihr wichtig, dass das Thema nicht jedes Jahr wieder aus der Agenda verschwinde „bis kurz vor Weihnachten“, sagt sie. Gleichzeitig will die Bürgermeisterin ihre Feiern am Heiligabend ausbauen. Begonnen hatte sie damit 2022 mit 30 einsamen Senioren, im vergangenen Weihnachten waren es schon 45 und 2025 will sie bei 100 Teilnehmern sein – auch dank der Arbeit gegen die Einsamkeit.

Ein bisschen krankte die Vorstellung der Einsamkeitsbeauftragten und ihrer Arbeit daran, dass es ein schwer zu greifendes Thema ist und sie sich noch in der unmittelbaren Einfindungsphase befindet. Und so gibt es wenig Konkretes zu berichten. Nur ein Missverständnis wird gleich aus dem Weg geräumt: Die Einsamkeitsbeauftragte mache keine Hausbesuche, Sozialarbeit sei nicht ihre eigentliche Aufgabe. „Wir werden keine Sprechstunde für einsame Menschen einrichten.“ Aber natürlich sei die Einsamkeitsbeauftragte per Telefon oder E-Mail erreichbar.
Berlin ist Hauptstadt der Einsamkeit
Denn die Not ist groß. In Berlin ist inzwischen jeder zehnte Einwohner von Einsamkeit betroffen, sodass die Stadt bereits als „Hauptstadt der Einsamkeit“ bezeichnet wird. Altersarmut verstärkt die Gefahr der Vereinsamung. Und innerhalb von Berlin zählt Reinickendorf mit 23,05 Prozent an Einwohnern im Alter von über 65 Jahren zu den Bezirken mit der ältesten Bevölkerungsstruktur (der Berliner Durchschnitt liegt bei 20 Prozent).
Im Juni 2023 betrug die Zahl der Menschen ab 65 Jahren 61.834. Zudem wird bis 2030 die Gruppe der Hochaltrigen (Ü85), in der jeder Dritte pflegebedürftig ist, um 30 Prozent angewachsen sein. Statistisch gesehen sind in Reinickendorf mindestens 26.600 Bürgerinnen und Bürger von Einsamkeit betroffen. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher.
Die Hoffnung auf einen Haushaltstitel für Einsamkeit
Es gebe bereits viele Maßnahmen gegen Einsamkeit, aber eine systematische Bündelung fehle, so Bezirksbürgermeisterin Demirbüken-Wegner: „Wir erhoffen uns vor allem ein Rahmenkonzept, das aufzeigt, wo in Reinickendorf sich Betroffene aufhalten, welche Anlaufpunkte sie in der nahen Umgebung finden und welche Kräfte erst noch zu bündeln sind. Eine Datenbank, mehrsprachige Angebote, Fachforen und Öffentlichkeitsarbeit sind weitere Ziele.“ Zusammengefasst sei es die Aufgabe von Annabell Paris, „Strukturen in der Verwaltung zu schaffen“ und dafür zu sorgen, dass das Thema Raum bekomme, sagt Emine Demirbüken-Wegner. Auch werde sie den zweiten Reinickendorfer Einsamkeitsgipfel organisieren, der für den 16. Dezember geplant ist.
Die Bürgermeisterin sieht die Arbeit der Einsamkeitsbeauftragten nicht auf den Bezirk beschränkt. Es klingt durch, dass die Arbeit im Bezirk das Thema auch in die Landespolitik tragen soll. Ein eigener Haushaltstitel für Einsamkeitsarbeit sei nötig. „Das Thema Einsamkeit muss raus aus dem Projektcharakter. Projekte haben einen Anfang und ein Ende“, sagt die Bürgermeisterin. Finanzierbar sollte das trotz aller Engpässe auf Landes- und auf Bundesebene sein, findet Demirbüken-Wegner. „Im Land Berlin steht es in der Regierungsrichtlinie“ und auch in der Bundespolitik hätten sich alle Parteien den Kampf gegen die Einsamkeit auf die Fahnen geschrieben - nur leider eben nicht dauerhaft.
Zudem sind sich Bezirksbürgermeisterin und Beauftragte einig, dass Ärzte Maßnahmen gegen Einsamkeit auf Rezept verschreiben können sollten. „Ärzte wissen schon seit Jahren, dass Einsamkeit eine Diagnose ist. Soziale Teilhabe ist günstig und Einsamkeit kann man nicht medikamentös behandeln“, so Demirbüken-Wegner.


