Mit dem Wetterumschwung geht nun auch das Strandbad Lübars in den Winterschlaf - doch wird es im nächsten Jahr wieder erwachen? Wenn ja, dann wahrscheinlich mit neuem Pächter. Der jetzige Geschäftsführer Henry Arzig von der Arzig-Bäderbetrieb UG ist angesichts der Ausschreibung der Berliner Bäder-Betriebe pessimistisch, dass er weiterhin das Bad Am Freibad 7-9 übernehmen kann. Oder besser gesagt, er will es eigentlich gar nicht mehr zu den Konditionen. "Unser 10-Jahres-Vertrag läuft am 31. Dezember 2018 aus. Die Investitionen in die Bausubstanz, die verlangt werden, sind einfach nicht zu stemmen. Unter den Bedingungen machen wir definitiv nicht weiter", sagt Arzig.
Investition von 580.000 Euro verlangt
Die Berliner Bäder-Betriebe (BBB) haben Ende August eine europaweite Ausschreibung gestartet. Gesucht wird ein Pächter, der das Bad und Restaurant bis Dezember 2023 öffentlich mindestens vier Monate im Jahr betreibt und den "Instandhaltungsrückstau" beseitigt. Für ihn bestünde die Option, um fünf Jahre zu verlängern.
Von Februar bis April hatten Gutachter den baulichen Zustand der Badeanstalt untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass zahlreiche Mängel behoben werden müssten. Rund 370 Fotos dokumentieren den Zustand: Demnach müsste ein potenzieller Investor viele Fenster und Türen austauschen, am besten das Dach und die Toilettenanlagen abreißen und neu bauen, die veraltete Anlagentechnik überholen und die Schäden an Wasser- und Abwasserleitungen mit einer Kamera dokumentieren (und wenn vorhanden, beheben) sowie Bäume fällen.
Der zukünftige Pächter müsste laut Gutachter sofort 100.000 Euro in „sicherheitsrelevante Maßnahmen“ investieren, innerhalb von drei bis fünf Jahren seien weitere Werterhaltungsmaßnahmen der Gebäude und Anlagen sowie Sanierungen im Wert von 360.000 Euro nötig, um Baufolgeschäden zu vermeiden. Fünf bis zehn Jahre habe dann der Pächter Zeit, weitere 120.000 Euro in die Aufwertung des Bades zu stecken. Macht unterm Strich 580.000 Euro.
Gemischte Bilanz nach zehn Jahren
Arzig und Schenk sehen angesichts dieser Mängelliste schwarz. Das Geld haben sie nicht. Die Bilanz nach zehn Jahren fällt für die Geschäftsmänner ernüchternd aus. „Wäre dieses Jahr vom Wetter her nicht so traumhaft gewesen, wären wir richtig fett im Minus gelandet“, sagt Arzig. „Wir haben hier in den zehn Jahren kein Geld verdient. Nur drei von sieben Sommer waren wir im grünen Bereich.“

Als sie das Bad im Jahr 2008/9 übernommen hätten, hätten sie "nur" 300.000 Euro investieren müssen. Sentimental ließen sie sich auf das Experiment ein, weil Olaf Schenk in Lübars aufgewachsen ist, dort zur Schule ging und im Strandbad schwimmen lernte. „Jetzt reden wir von dem Doppelten. Und auch wenn es wie ein zweites Zuhause ist. Man kann dieses nicht unter allen Bedingungen und Umständen nutzen“, sagt Schenk. Das unbeständige Wetter sei keine gute Planungsgrundlage für solche Investitionen - und auch nicht das Umfeld.
Zu wenig Zulauf fürs Bad
Es sei eine „Milchmädchenrechnung“ zu denken, an schönen Tagen kämen hier wesentlich mehr Besucher, erläutert Schenk. Die Bevölkerung im Märkischen Viertel hätten sich verändert. Viele hätten zum einen gar nicht das Geld für mehr Besuche; zum anderen würden seiner Beobachtung nach viele Migranten solch freizügige Bäder meiden. Im Umkreis seien zudem viele freie Badestellen entstanden. Auch größere Wohnbauprojekte seien im Einzugsgebiet Lübars/Märkisches Viertel nicht mehr angedacht. „Wir haben keinen Zuwachs. Und ältere Menschen rufen uns an und sagen, dass sie es nicht mehr schaffen, die Straße Am Vierrutenberg zur Bushaltestelle hochzulaufen.“ Einen Shuttle zu etablieren, sei zu teuer; ebenso wie eine Buswendeschleife vor Ort einzurichten. „Alles schon probiert. Alles schon verworfen.“
Kritik an später, fehlerhafter Ausschreibung
"Diese Ausschreibung kommt viel zu spät. Wir haben schon vergangenen November darum gebeten, um mit Veranstaltungen und Personal planen zu können", erläutert Arzig. „Wir hatten schon Unmengen Anfragen von Firmen und Privatpersonen bezüglich Jubiläen, Geburtstagen, Firmenfeiern und Hochzeiten und wir konnten keine Termine für 2019 annehmen, weil wir nicht wissen, ob wir weitermachen können“, führt Schenk aus. Dies sei alles "geschäftsschädigend". Auch Veranstaltungen, die sie in den letzten Jahren im Strandbad etabliert hatten, beispielsweise die Pyrotalia oder die Konzertreihe "Rock Meets Classic", seien nicht von einen auf den anderen Tag organisiert.
Weiteres Manko: „Die Ausschreibung ist fehlerhaft. Da stehen total falsche Zahlen drin“, stellt Arzig nach Durchsicht der Unterlagen fest. Ein Blick in diese verrät, die BBB schreibt nicht mit den Brutto-Angaben der Gutachter aus, sondern bezeichnet den Baukosten-Rahmen mit rund 580.000 Euro „netto“. „Wir werden trotzdem versuchen, uns an der Ausschreibung zu beteiligen - aber mit unseren realistischen Bedingungen“, sagen beide. Doch dann müssten die BBB auf sie zukommen. Es sei schließlich Aufgabe der Bäder-Betriebe, intakte Bäder zu betreiben.
Heftige Kritik an Bäder-Betrieben
Ihnen pflichtet auch der Bezirksverordnete Norbert Raeder (parteilos, für CDU) bei. „Aus Reinickendorfer Sicht müsste man den Vorstand der BBB entlassen - erst schließen sie das Strandbad Tegel und dann das“, sagt er. Er fände es schlimm, wie alt-eingesessene Pächter derart mit einer Komplettmodernisierung überfordert werden. Von Seiten der BBB habe man in den letzten zehn Jahren nichts ins Bad investiert. Dabei müsse die Badekultur in Reinickendorf am Leben erhalten werden, fordert er.
Reinickendorfer und Pankower entsetzt
Es waren die letzten Sonnenstrahlen, die die Badegäste des Strandbades Lübars am vergangenen Wochenende genießen konnten. Die kleine Linda buddelt im Sand und sammelt Steinchen. „Das Publikum ist hier für Familien sehr angenehm und selbst, wenn es voll ist, gab es noch nie Ärger“, sagt Veronique Richter, die gerade ihre Badehandtuch zurechtzupft. Die junge Frau lebt mit ihrer Familie in Pankow. Dennoch kommt sie eben aus diesen Gründen gerne mit ihren Töchtern hierher. Hier treffe sie auch oft auf andere Pankower Mütter der Kita.
„Es ist zwar alles in die Jahre gekommen, aber liebenswert.“ Als sie hört, dass bisher noch nicht klar ist, ob die jetzigen Pächter weitermachen können, ist sie entsetzt. „Ich fände das wirklich sehr schade. Es gibt nur noch so wenige beaufsichtigte Badestellen mit Rutsche, Imbiss und Sanitäranlagen innerhalb Berlins.“ Schon als Kind sei sie selbst hier schwimmen gewesen.
Eine Bank weiter sitzen die Schwimmfreunde Harri Böhlke (77) und Marlis Jandke (67). „Das wäre lebensbedrohlich für unsere ganze Freizeit, wenn das Bad im nächsten Jahr nicht mehr aufmacht“, sagt Jandke. Im Sommer schwimmen sie hier immer zweimal 40 Minuten ihre Bahnen. „Für viele sind das hier Jugenderinnerungen.“
Berliner Bäder-Betriebe: Strandbad öffnet Mai 2019
Bei der Ausschreibung handle es sich um einen „turnusmäßigen und absehbaren Vorgang“, heißt es von den Berliner Bäder-Betrieben. Allen Berliner Pächtern ihrer Bäder obliege „die bauliche Unterhaltung einschließlich der Beseitigung des Instandhaltungsstaus“. Warum einmal von einem Bruttobetrag und einmal von einem Nettobetrag in den Ausschreibungsunterlagen die Rede sei, erklärt der Sprecher damit, dass die Zahlen an einer Stelle nicht korrekt seien. Dies werde korrigiert. Deswegen sei aber nicht die ganze Ausschreibung ungültig. Die Brutto-Angaben der Gutachter würden stimmen. Man wolle sich bisher auch noch nicht zu Interessenten äußern. Die Ausschreibung ende im Oktober, danach werde das Strandbad neu vergeben. „Das Strandbad Lübars ist wichtig und bleibt erhalten“, versichert der Sprecher der BBB. Man glaube auch, diesen zu finden. Es gebe für das Bad bereits Interessenten. Im Mai 2019 soll es wieder öffnen.
„Kann nicht seriös betrieben werden“
Der derzeitige Pächter Henry Arzig und Geschäftsführer Olaf Schenk halten dies für utopisch. „Nach dieser Ausschreibung kann dieses Bad niemand wirtschaftlich betreiben. Diese Kosten können durch den laufenden Badebetrieb und durch das Betreiben des Restaurants nicht erwirtschaftet werden. Es kann nur noch als Abschreibungsobjekt dienen, oder im schlimmsten Fall unseriös betrieben werden“, ist sich Schenk sicher. Sie teilen die Angst ihrer Badegäste: Das Bad könnte als "gesellschaftliches Zentrum" für Reinickendorf verlorengehen. Schenks Aussage, dass das Bad „im schlimmsten Fall unseriös betrieben werden“ würde, weisen die BBB ihrerseits in einer Stellungnahme als „Unterstellung“ zurück.


