Die Menschen rund um den Kurt-Schumacher-Platz sind gestresst von dem Fluglärm wegen des nahen Flughafens Tegel. Und sie fühlen sich allein gelassen – mit den Jets, die im Minutentakt über ihre Köpfe donnern, und den Folgen, die sich daraus ergeben. Lärm, Abgase, schlechter Schlaf.
Wolfgang Ademeit ist einer von ihnen. Der ehemalige Metallarbeiter ist vor 20 Jahren in sein Häuschen mit Garten an der Meteorstraße gezogen. „Tegel explodiert hier“, sagt Ademeit, „besonders im Sommer ist es schlimm, da kommen Flugzeuge im Minutentakt, immer mehr große Maschinen.“
Reinickendorf sei zweigeteilt, „wir um den Flughafen herum werden nicht für voll genommen. Die, die in Frohnau und Heiligensee wohnen, finden es gut, dass ein Flughafen in der Nähe ist, dann sind sie schneller im Urlaub“, so Ademeit.
Tegel-Schließung bringt Bewegung in Wohnungsmarkt
Doch für die Menschen rund um den Flughafen wird sich in nächster Zeit einiges ändern. Das geht aus dem Wohnmarktreport Berlin hervor, den die Immobilienberater CBRE GmbH und das Bankhaus Berlin Hyp in dieser Woche vorgelegt haben. Da die Schließung des Airports in zumindest erwartbare Nähe rückt, ist auch der Wohnungsmarkt dort in Bewegung geraten. Auch wenn die Inbetriebnahme des neuen Berliner Flughafens BER erst 2017 erfolgen soll und sich die Schließung Tegels damit noch hinzieht, „kommen bereits Leute, die sich Wohnungen in dieser Lage sichern“, sagt Bengt Flecks, Immobilienkaufmann bei der BMH Beratungsgesellschaft, der Berliner Morgenpost.
Eine Wette auf die Zukunft. Die Maklergesellschaft vermarktet Wohnungen unter anderem rund um den Kurt-Schumacher-Platz, am Eichborndamm, an der Wald- oder Antonienstraße. „Im Neubaubereich werden dort schon Mieten zwischen 8,50 und 9,50 Euro pro Quadratmeter genommen“, so Flecks. Er rechne mit weiteren Steigerungen in den kommenden Jahren. Interessenten für die verkehrstechnisch mit der U-Bahn wie der Autobahn sehr gut angebundene Gegend kämen aus allen Schichten und mit verschiedenen Vorstellungen, „von der Studenten-WG bis hin zur großen Wohnung mit Laminatboden und Einbauküche“. Durchschnittlich liegt die Kaltmiete im Einzugsgebiet bei sieben Euro pro Quadratmeter.
Bis zur Schließung des Flughafens leidet Wolfgang Ademeit unter dem Lärm, kann seinen Garten nicht benutzen, den Fernseher nicht hören. In den 70er-Jahren, so sagt er, seien Schallschutzfenster im Haus eingebaut worden, deren Dichtung würde jedoch längst nicht mehr halten. Seit zwei Jahren sei die Lage besonders schlimm. Wolfgang Ademeit reicht es. „Ich will meine Ruhe. Aber der Stadtrat in Reinickendorf interessiert sich nicht für die Bewohner, und meine Beschwerden bringen nichts.“ Eine Politikerin hätte ihm einmal geraten, sein Haus am besten zu verkaufen und weiter entfernt etwas Neues zu suchen.
Jets in 250 Meter Höhe
Dafür, dass sich was ändert in Tegel, dafür setzt sich Helmut Möller ein. Möller ist Mitglied der Bürgerinitiative „Tegel endlich schließen!“ und wünscht sich eine Entschädigung für die vom Lärm betroffenen Bürger. Auch Klaus-Dieter May kennt sich mit den vielen Diskussionen um Flugverbot und Lärmbelästigung bestens aus. Der 65-Jährige ist in Reinickendorf aufgewachsen und mit dem Fluglärm groß geworden. Er lebt mit seiner Frau in einer Wohnung in der Zermatter Straße, über die Flugzeuge in nur 250 Meter Höhe hinwegrauschen. May hat einen Blog im Internet gestartet, in dem er von Reinickendorf berichtet und Informationen anbietet. „Die meisten Menschen in Reinickendorf haben bereits resigniert oder haben Angst, dass bei der Schließung des Flughafens die Mieten erhöht werden“, so May. Junge Leute würde der Fluglärm wenig stören. In Initiativen seien hauptsächlich Rentner und Hausbesitzer aktiv.
Jessica Seiler macht sich nicht so sehr Gedanken um den Fluglärm, sondern um die Sicherheit in ihrem Kiez. Die junge Mutter, die in Reinickendorf aufgewachsen ist, wohnt mit ihrem sechsjährigen Sohn nahe des Paracelsus-Bades. „Seit meiner Kindheit hat sich viel verändert“, sagt die 32-Jährige, die in einer Kita arbeitet. Vieles nicht zum Guten.
Die Wohn-Experten der Immobilienberater CBRE GmbH und das Bankhaus Berlin Hyp sehen für die Region rund um den Flughafen aber Chancen: „Dieses Gebiet kommt zunehmend für Wohnungssuchende in Frage, die in der Innenstadt nicht fündig werden, aber im Vergleich zu Mitte in Reinickendorf noch günstige Mietangebote erhalten.“
Günstige Wohnungen ab 5,30 Euro
Reinickendorf gehört zu den Bezirken, die für jedes Budget etwas bieten. Im Süden Reinickendorfs ziehen die Mieten angesichts der nahenden Schließung des Flughafens Tegel zwar an. In Teilen des Nordens des Bezirks ist das Mietniveau aber weiterhin moderat. Laut Wohnmarktreport, den die Immobiliendienstleister CBRE und die Berlin Hyp am Mittwoch in Berlin vorstellten, liegt die durchschnittliche monatliche Kaltmiete im Bezirk bei rund sieben Euro pro Quadratmeter. Im Berliner Durchschnitt sind es gut 8,50 Euro. Günstige Wohnungen gibt es in Reinickendorf ab 5,30 Euro. Der Berliner Durchschnitt liegt im unteren Marktsegment bei 5,50 Euro.
„Arm“ sind die Einwohner der Bezirks nicht. Im Gegenteil: Der durchschnittliche Reinickendorfer Haushalt verfügt laut Wohnmarktreport über eine Kaufkraft von monatlich 3092 Euro. Im Berliner Durchschnitt sind es nur 2951 Euro. Die Kombination aus eher hohen Einkommen und niedrigen Mieten führt dazu, dass die Reinickendorfer fürs Wohnen nur rund 23 Prozent ihres Haushaltseinkommens ausgeben. Berlinweit sind es etwas mehr als 26 Prozent.
Wohnungen im märkischen Viertel
Auch für anspruchsvolle Mieter kann Reinickendorf eine gute Wahl sein. Gut ausgestattete Wohnungen in guter Lage kosten laut Wonmarktreport berlinweit durchschnittlich gut 15 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter. In Reinickendorf zahlen Mieter im oberen Marktsegment pro Quadratmeter knapp fünf Euro weniger. Wer eher im unteren Preissegment eine Bleibe sucht, wird etwa in Wittenau, vor allem im Bereich des Märkischen Viertels, fündig. Teils geräumige Wohnungen zu günstigen Preisen zwischen 5,90 und 8,40 Euro machen den Kiez mitsamt der Hochhaussiedlung unter Regie der kommunale Wohnungsbaugesellschaft Gesobau zum Ziel von Familien. Auch bei der ebenfalls stark im Bezirk vertretenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag schlagen die Bewegungen im Wohnungsmarkt preislich nicht durch. Und das, obwohl auch hier die Nachfrage nach Mietwohnraum die Nachfrage deutlich übersteigt.
Auf der Humboldtinsel in Alt-Tegel ist in Neubauten, „keine Wohnung unter zehn Euro zu haben“, sagt Jacqueline Piepenhagen vom Maklerbüro Piepenhagen Immobilien. Zur guten Infrastruktur komme die Nähe zu Wasser und Grün, die vor allem ältere Berliner anziehe. „Jünger wird der Bezirk durch Zuzüge in diesem Bereich nicht. Das sind vor allem Menschen, die auf Grund des Alters ihr Haus verkauft haben und jetzt eine schöne Wohnung suchen“, sagt die Expertin der Morgenpost. Auch bei Neu-Berlinern, die nicht in die City wollten, sei Tegel ein Begriff. Ebenfalls attraktiv für solvente Wohnraumsuchende sind die beschaulichen Stadtrandlagen Frohnau, Hermsdorf, Heiligensee und Konradshöhe. Mietwohnungen gibt es in der durch Einfamilienhäuser geprägten Wald -und Flusslandschaft nur wenige. Das Mietniveau liegt daher zwischen über acht und 11,70 Euro pro Quadratmeter. Die Bewohner werden es verkraften, denn gemessen am Berliner Durchschnitt sind sie gut situiert. Wenig verwunderlich ist es daher, dass die Wohnungen hier mit durchschnittlich 92 Quadratmeter auch eher groß ausfallen. In Borsigwalde und den Gegenden rund um Eichborndamm und Residenzstraße sind die Wohnungen um rund ein Drittel kleiner.





