Reinickendorf
Naturwissenschaften

Wie Berliner Schüler in den Mint-Fächern punkten

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Christine Eichelmann

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ein erstmals vergebenes Zertifikat bescheinigt Berliner Abiturienten besondere Leistungen. Neun Schüler der Romain-Rolland-Schule in Reinickendorf erhalten das Mint-Excellence-Zertifikat.

Das Französische hatte den Ausschlag gegeben. Weil die Romain-Rolland-Oberschule in Reinickendorf einen bilingualen romanischen Zweig anbietet, hatte sich Henriette Brykczynski für das Gymnasium in der Cité Foch entschieden. Auch Elvan Sahin wollte die Fremdsprache aus seiner Weddinger Grundschule weiterführen. Dass Brykczynski wie auch Sahin allerdings am Romain-Rolland-Gymnasium ihre Begeisterung für Chemie entdecken, dass sie als Chemiecracks jetzt offiziell ausgezeichnet werden würden – das war anfangs keineswegs absehbar.

Neun Schüler des Abiturjahrgangs 2014 der Romain-Rolland-Schule erhalten in diesem Jahr das Mint-Excellence-Zertifikat. Vergeben wird es durch den Verein Mint-EC, der mathematisch-naturwissenschaftliche Exzellenzcenter an Schulen organisiert. In Berlin beteiligen sich zehn Schulen, die meisten von ihnen Gymnasien. Gegründet worden war Mint-EC 2000 auf Arbeitgeberinitiative für Schulen mit Abiturzweig und Profil in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint). Das erstmals ausgegebene Zertifikat entstand in Kooperation mit der Hochschulrektorenkonferenz und der Kultusministerkonferenz.

Die Anforderungen sind hoch. Neben sehr guten Noten in relevanten Fächern müssen die Schüler fachwissenschaftliche Expertise und entsprechende Wettbewerbe nachweisen. Der Verein Mint-EC bietet seinen bundesweit 212 Netzwerkschulen jährlich 40 bis 50 wissenschaftliche Camps in Instituten und der Industrie. „Im Mittelpunkt steht die Studien- und Berufsorientierung“, sagt Vereinsgeschäftsführerin Niki Sarantidou. Auch Elvan Sahin stand in den Schulferien und an manchem Wochenende – anstatt auf dem Sportplatz, wo sein Verein in der Verbandsliga kickt – in Chemielaboren. Bei der ersten Zertifikatsverleihung war er nicht zugegen, weil er Seminare seines frisch begonnenen Medizinstudiums an der Charité nicht verpassen wollte.

Forschen statt pauken

Sieht so ein Musterschüler aus? „Eigentlich“, sagt Sahin, „habe ich im Unterricht das Minimum gemacht.“ Mag sein, Sahin stapelt tief. Aber wie er da so sitzt, im trendigen Wollpulli, nimmt man es ihm ab, wie er ohne klares Karriereziel von einer Herausforderung in die nächste geriet. Jugend forscht verschlang für ein halbes Jahr seine Freizeit. Ein umweltfreundlicher Raketentreibstoff brachte Sahin und zwei Partner in den Bundesausscheid. Weil einige Chemikalien gefährlich waren, machten die Jungen samt ihrer Lehrerin ein Firmenpraktikum in Bayern. Das Technische Hilfswerk und die Bundesanstalt für Materialforschung halfen bei Sprengungen.

Ohne ihre Lehrerin hätte das wohl nicht geklappt. „Wir wurden oft nicht ernst genommen“, sagt Sahin. Angela Köhler aber nimmt ihre Schüler ernst. Forschen anstatt zu pauken, ist die Devise der Chemielehrerin, die 2007 als beste deutsche Naturwissenschafts-Lehrerin ausgezeichnet worden war. Am Romain-Rolland-Gymnasium ist sie einer der Motoren der Mint-Exzellenz – und der Mädchenförderung. In ihrer Mädchen-AG entdeckte Henriette Brykczynski ihre Vorliebe für Chemie. Motiviert durch Köhler folgten Mint-Camps, Wettbewerbe und drei Mal Jugend forscht. Für eine Methode zur ökologischen Lagerung von Pferdemist erhielt die Reiterin und Triathletin einen Sonderpreis. Mit dem Versuch, sich mit dem Budget von Hartz IV gesund zu ernähren, kam sie bis in den Bundeswettbewerb.

Es gibt noch Steigerungspotenzial

Wie Sahin blieb Brykczynski auch dem Französischen treu. „Wir verknüpfen Sprachen und Naturwissenschaften“, sagt Angela Köhler. Die Wissenschaft helfe auch über Sprachprobleme hinweg. „Sich in Kulturen einzudenken, bietet methodische Ansätze auch für andere Problemlösungen“, sagt die 17-Jährige. Für die Aufnahme ins Mint-EC-Netzwerk, die sich Schulen hart erwerben und verteidigen müssen, ist Mehrgleisigkeit im Schulprofil gefordert. Derzeit stehe Berlin bei der Mint-Exzellenz nicht schlecht da, so Niki Sarantidou. Steigerungspotenzial sieht die Vereinsgeschäftsführerin gleichwohl: „Wir können noch besser sein.“

Foto: Sergej Glanze / Glanze