Torsten Hennig hat in dieser sechsten Unterrichtsstunde viel zu tun. Immer wieder meldet sich ein Schüler, der die Aufgaben nicht verstanden hat. Hennig geht von Tisch zu Tisch und erklärt geduldig, was verlangt wird. Die Klasse 5a hat Mathematik, sie üben das Halbieren.
Hennig, der als Quereinsteiger an der Schule tätig ist, unterrichtet die 5a an diesem Montag zusammen mit Mathelehrerin Petra Engelhardt. Die beiden müssen geduldig sein. Das Halbieren ist eigentlich Stoff der zweiten Klasse, doch viele Schüler können es nicht. „Wir üben das heute, weil viele von euch es vergessen haben“, sagt Petra Engelhardt.
Immer wieder müssen Engelhardt und Hennig für Ruhe sorgen. Die 5a ist eine quirlige Klasse. In der sechsten Stunde können sich die meisten Schüler kaum noch konzentrieren. Torsten Hennig wird nach der Stunde sagen, dass er froh ist, den Matheunterricht noch nicht allein machen zu müssen. Die erfahrene Kollegin an seiner Seite gebe ihm Sicherheit.
„Ich muss selbst noch viel lernen“
Auch in den Deutschstunden werde er von einer Kollegin begleitet. „Schließlich muss ich selbst noch viel lernen.“ Hennig hat zwar pädagogische Erfahrung, das Unterrichten aber, sei noch einmal etwas ganz anderes, sagt er. Die größte Schwierigkeit bestehe darin, die Aufmerksamkeit der Schüler immer wieder herzustellen. „Viele können sich fünf, maximal zehn Minuten konzentrieren, dann sind sie mit den Gedanken wieder ganz woanders.“ Als Lehrer müsse er ständig Impulse geben, um die Schüler bei der Sache zu halten.
Der Nachwuchslehrer ist 48 Jahre alt. Er trägt Jeans und T-Shirt, meist lächelt er freundlich. Sein Ton kann aber auch energisch werden, wenn wieder einmal jemand rumzappelt und nicht hinhört. Hennig ist einer von 300 Quereinsteigern, die die Berliner Bildungsverwaltung Anfang des Schuljahres eingestellt hat.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte im März fast alle Fächer zu Mangelfächern erklärt, um den Weg für Quereinsteiger frei zu machen. Für das neue Schuljahr wurden mehr als 2000 Lehrer gebraucht und die Sorge war groß, dass sich nicht genügend ausgebildete Pädagogen bewerben könnten.
6000 Bewerber zum Quereinstieg
Dafür meldeten sich in kürzester Zeit fast 6000 Hochschulabsolventen, die gern als Quereinsteiger an einer Schule arbeiteten wollten. Am Ende wurden aber nur 300 eingestellt. Es hatten sich mehr voll ausgebildete Lehrkräfte beworben, als erwartet. Die Quereinsteiger müssen nun 19 Stunden pro Woche unterrichten und nebenher eine Berufsausbildung machen. Das sind noch einmal neun Seminarstunden wöchentlich.
Torsten Hennig sagt, dass das alles ganz schön viel sei. Er habe reduziert und unterrichte nur 14 Stunden pro Woche. Das bedeutet zwar eine Gehaltseinbuße, anders sei es für ihn aber nicht zu schaffen. „Zur Arbeitszeit kommen ja in der Woche mindestens noch 20 Stunden Vorbereitung hinzu.“ Er würde zu Hause viel lesen und recherchieren, um den Unterrichtsstoff sicher zu beherrschen und auf Nachfragen der Schüler reagieren zu können, sagt Hennig. Schließlich koste auch das Hin und Her zu den Seminaren, die in verschiedenen Bezirken stattfinden, viel Zeit.
Hennig hat schon so einiges gemacht in seinem Leben. Nach dem ersten Staatsexamen in Medizin hat er Kunst studiert an der Universität der Künste und jahrelang als freier Künstler gearbeitet. Parallel dazu war er immer auch im pädagogischen Bereich tätig, um Geld zu verdienen. In dieser Zeit hat er eine Ausbildung zum Erzieher abgeschlossen. Zuletzt betreute er für das Unionhilfswerk in Neukölln Menschen, die in psychiatrischen Wohngruppen leben. Bei all diesen Tätigkeiten hat Hennig Erfahrungen gemacht, die er in der Schule gut gebrauchen kann. „Vieles, was ich im Schulalltag erlebe, ist trotzdem noch ganz neu für mich.“
Die meisten Quereinsteiger sind an einer Brennpunktschule im Einsatz
Der größte Teil der 300 Quereinsteiger ist an einer Brennpunktschule angestellt worden. Für diese Schulen hatten sich nicht genug ausgebildete Lehrkräfte beworben. Torsten Hennig arbeitet an der Hans-Fallada-Grundschule in Neukölln. Hier soll er Kunst unterrichten, aber auch Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften. Die Fallada-Schule liegt in einem schwierigen sozialen Umfeld.
Viele Schüler sind nicht deutscher Herkunft, ein großer Teil kommt aus sozial schwachen Familien. Es gibt viele Flüchtlingskinder. Hennig hat das alles aber nicht abgeschreckt, im Gegenteil. „Ich habe lange genug in Neukölln gearbeitet“, sagt er. Wichtig für ihn sei, dass er mit seiner Arbeit etwas bewirken könne: „Wir bieten den Schülern hier Chancen, die sie woanders nicht bekommen.“
Jeder Tag ein Spagat
Hennig ist keiner, der schnell aufgibt, das hat er in seinem bisherigen Arbeitsleben bewiesen. Auch in seinen neuen Job kniet er sich rein. Trotzdem würde er es nicht schaffen, wenn seine Kollegen und die Schulleitung ihn nicht unterstützen würden, sagt er. Jeder Tag sei ein Spagat. „Ich muss unterrichten, die dafür notwendigen Voraussetzungen wie Didaktik oder Methodik erwerbe ich aber erst nach und nach in den Seminaren.“
Deshalb sei es besonders wichtig für ihn, dass er einen Teil des Unterrichts zusammen mit gestandenen Kollegen machen kann und immer jemand da sei, wenn er Fragen oder Probleme habe. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Hennig. Von anderen Quereinsteigern habe er gehört, dass sie nicht so viel Unterstützung bekämen.
Das Kollegium muss unterstützen
Carsten Paeprer, Schulleiter der Hans-Fallada-Grundschule, ist daran gelegen, dass Torsten Hennig gut durch die Ausbildung kommt. „Wir freuen uns, dass es gut angelaufen ist für ihn und helfen, wo es geht“, sagt er. Quereinsteiger hätten keine Schonfrist, sie müssten sofort voll dabei sein. Das koste Kraft und Nerven. „Einiges kann man mit Lebenserfahrung wett machen, anderes nicht.“
Die Unterstützung des Kollegiums sei unerlässlich. Dass es mit Torsten Hennig gut laufe, bedeute aber noch lange nicht, dass Quereinsteiger ohne weiteres Lehrer ersetzen könnten, betont der Schulleiter. Mehr als einen Quereinsteiger könne eine Schule nicht einarbeiten. „Dazu fehlt es allen einfach an Zeit.“


