Themenjahr

Berlin erinnert 2013 an die Verbrechen der Nazizeit

2013 soll zum mahnenden Gedenkjahr an den Naziterror werden - und die mangelnden Geschichtskenntnisse der jungen Generation aufbessern.

Foto: Glanze

War Deutschland unter Adolf Hitler eine Diktatur? Laut aktuellen Forschungsergebnissen der Freien Universität Berlin bejaht nur etwa jeder zweite deutsche Neunt- und Zehntklässler diese Frage uneingeschränkt. Solche Umfragewerte werfen kein gutes Licht auf das historische Wissen der jungen Generation, und das macht sie zur Bestätigung für den Plan des Senates und vieler Initiativen, im kommenden Jahr ein umfangreiches Programm über die NS-Vergangenheit anzubieten. Jetzt haben unter anderem Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) und Alexander Koch, der Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM), erste konkrete Planungen für das Jahr 2013 vorgestellt.

Zehn Monate Programm

Den äußeren Rahmen für das Themenjahr bilden zwei düstere Jubiläen: Am 30. Januar 2013 jährt sich zum 80. Mal die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, der die rücksichtslos brutale Eroberung Deutschland folgte sowie die oft blutige Unterdrückung jeder Opposition. An diesem Tag soll das Themenjahr offiziell beginnen. Anfang November 2013 wird es formal mit dem 75. Jahrestag der organisierten Pogrome gegen Deutschlands Juden enden. Die Übergriffe in der sogenannten „Reichskristallnacht“ waren keineswegs die ersten, aber die bis dahin schlimmsten antisemitischen Ausschreitungen, und sie bildeten die Wende von der puren Unterdrückung hin zur physischen Vernichtung von rund 50.000 Berlinern jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung.

Mehr als hundert Ausstellungen und Kunstaktionen sind in diesen fast zehn Monaten geplant, dazu noch viel mehr Vorträge, Diskussionen und Buchpräsentationen. Das Jahr 2013 wird geprägt sein von der Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit, so wie 2011 der 50. Jahrestag des Mauerbaus im Mittelpunkt stand und 2009 die 20. Wiederkehr ihres Falls.

Das gemeinsame Motto der Veranstaltungen lautet „Zerstörte Vielfalt“. Damit soll auf eine wesentliche Entwicklung in Berlin zwischen Anfang 1933 und Ende 1938 hingewiesen werden: In diesen Jahren zwängten die Nazis entsprechend ihren schon vor der Machtübernahme angekündigten Maximen die weltberühmte Pluralität Berlins in das enge Korsett der „Volksgemeinschaft“. Diese Gleichschaltung fast der ganzen Gesellschaft funktionierte jedoch nur, weil man zugleich Gegner und Skeptiker als „Feinde“ ausgrenzte. Das traf nicht nur die Berliner Juden, sondern zum Beispiel auch sozialdemokratisch engagierte Mitarbeiter der damaligen BVG, wie eine eigene kleine Ausstellung zeigen soll.

Im Mittelpunkt des Programms stehen eine Portalausstellung im DHM, die alle Interessierten als Wegweiser über die auf die Bezirke verteilten dezentralen Projekte aufmerksam machen soll, sowie zwei Open-Air-Ausstellungen auf dem Kudamm und der Oranienburger Straße. Hier geht es besonders um die Biografien verfolgter Berliner, vor allem, wenngleich nicht nur Berliner Juden. Über die äußere Form dieser Ausstellungen ist noch nicht entschieden, doch könnte es sich, so Moritz van Dülmen von der Kulturprojekte GmbH, um eine Art Litfasssäulen handeln. Weitere Ausstellungen behandeln die Instrumentalisierung des Pariser Platzes durch die Nazis, die Bauten verfolgter Architekten und die Zwangsarbeit in Berlin.

Internetseite mit 4000 "Stolpersteinen"

Zu den inzwischen in Berlin fast allgegenwärtigen Denkmalen gehören die „Stolpersteine“ des in Berlin geborenen und in Köln lebenden Künstlers Gunter Demnig. Die pflastersteingroßen Metallplatten werden im Boden vor Häusern verlegt, aus denen Nazi-Opfer deportiert wurden. Anfang 2013 soll endlich, so kündigte es Christine Fischer-Defoy vom Verein Aktives Museum an, die Internetseite mit allen derzeit rund 4000 verlegten „Stolpersteinen“ freigeschaltet werden. Neben bürgerschaftlichen Initiativen wie dem Aktiven Museum beteiligen sich aber auch wichtige Berliner NS-Gedenkstätten wie die Topographie des Terrors, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand oder das Holocaust-Mahnmal am Themenjahr.

Insgesamt 2,8 Millionen Euro der Lotto-Stiftung und des Hauptstadtkulturfonds ermöglichen das Programm. Zusätzlich bringen die beteiligten Institutionen noch einmal mindestens die gleiche Summe aus eigenen Mitteln auf, eher sogar mehr. Ziel ist es, bei möglichst vielen Berlinern und Berlin-Besucher Interesse für die Ereignisse in den ersten Jahren der NS-Diktatur zu wecken und daran zu erinnern, wie innerhalb weniger Jahre die brodelnde Weltstadt gleichgeschaltet wurde.