Im Jahr 1913 passierte etwas Bedeutsames: Clara Vahlenstein gewann in der Lotterie. Wie viel Geld, ist nicht bekannt. Doch es war genug, um eine Kneipe im damaligen Arbeiterviertel Prenzlauer Berg zu eröffnen. Für Vahlenstein ein großer Schritt. Aus dem jungen Hausmädchen wurde eine selbstständige Unternehmerin.

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Ihr Vermächtnis ist auch mehr als 100 Jahre später noch da. Generation für Generation wurde die Kneipe an die Frauen der Familie weitergegeben. Und zieht bis heute viele Gäste an. Die Rede ist natürlich vom „Metzer Eck“.
Hier gibt es „legendäre“ Bratkartoffeln, wie ein Gast sagt. Mit frisch paniertem Schnitzel für 16,90 Euro. Ein großes Bier kostet einen Fünfer. Und in letzter Zeit finden immer mehr junge Menschen den Weg in die urige, holzvertäfelte Eckkneipe.
Das „Metzer Eck“ ist seit 100 Jahren in Familienbesitz
Vahlenstein führte das „Metzer Eck“, damals noch „Vahlensteins Destille“, durch zwei Weltkriege. Bis zu ihrem Tod 1951, dann übernahm Tochter Charlotte. Später stieg deren Tochter, Bärbel, ins Geschäft ein. Und blieb bis zum Jahr 2000 Inhaberin. Dann übernahm ihr Sohn Horst den Laden – der einzige Mann der Familie, der jemals das „Metzer Eck“ führte. Als Urenkel von Clara.

Nach nur sieben Jahren hinter der Theke verstarb Horst nach schwerer Krankheit. Heute führt seine Witwe Sylvia Falkner den Laden – und somit wieder eine Frau. „Ich hätte das niemals gedacht, aber ich hänge hier mit Herzblut drin“, sagt sie bei einem Besuch.
Die Herbstsonne scheint durch das Ornamentglas und die weißen Spitzengardinen und taucht den Gastraum des „Metzer Ecks“ in ein gemütliches, schwaches Licht. Alles wirkt hier noch wie vor 100 Jahren. Nur die Stühle hat Falkner irgendwann mal ausgetauscht. An den Wänden erzählen Bilderrahmen mit alten Schwarz-Weiß-Fotos, Zeitungsausschnitten und Autogrammkarten die lange Geschichte des „Metzer Ecks“. Udo Lindenberg war schon hier, Otto Waalkes auch. Aber vor allem viele alte DDR‑Filmlegenden.
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Die Gäste kommen für das berüchtigte Schnitzel – und Kartoffelsalat
Ganz hinten hängt ein Sparkasten mit 35 Fächern. 1917 wurde der „Sparverein vom Windmühlenberg“ hier gegründet. Auf der namensgebenden Anhöhe, die heute der Prenzlauer Berg ist, standen früher – der Name verrät es – zahlreiche Windmühlen. Monatlich warfen die Mitglieder des Vereins Groschen in ihr Sparfach und sammelten so Geld für gemeinsame Ausflüge ins Grüne. Auch heute sind alle Fächer vergeben. „Die Gäste sparen darin unter der Bedingung, dass das Geld hier verzehrt wird“, sagt Falkner.

Wenn das Angesparte auf den Kopf gehauen wird, gibt es nicht nur Gezapftes. Das „Metzer Eck“ hat sich immer mehr zum Restaurant entwickelt. Fast jeder Gast bestellt auch was zum Essen. „Unser Schnitzel ist der Renner“, sagt die Wirtin. Das wird von zwei Köchen frisch paniert, bevor es auf den Teller kommt. Oft mit Kartoffelsalat daneben, zubereitet nach dem 30 Jahre alten Rezept von Falkners Schwiegermutter. 20 bis 30 Schnitzel gehen so pro Abend über die Theke. Gut 40 Kilogramm Schweinelachs kauft Falkner dafür jede Woche ein.
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Junge Gäste entdecken die alte Eckkneipe für sich
Trotz gestiegener Kosten rentiert sich der Laden. „Ich würde niemals weitermachen, wenn ich nichts verdienen würde“, sagt Falkner. „Aber reich wirst du mit ’ner Kneipe nicht mehr. Man muss Spaß und Freude dran haben.“
An vollen Abenden sitzen bis zu 45 Menschen in dem Schankraum, 60 haben draußen Platz. 80 Prozent seien Stammgäste, wie der Hauselektriker Jörn, der jeden Mittwoch mit seiner Runde zum Kartenspielen kommt. Seit 15 Jahren. „Die Stammgäste kriegen auch immer denselben Tisch.“

Seit gut anderthalb Jahren bemerkt die Wirtin immer mehr junge Menschen an ihren Tischen. Einmal sei einer mit Aktentasche gekommen, Falkner habe ihn argwöhnisch beobachtet. So ganz passte der Gast nicht in den urigen Laden. „Aber er kam immer wieder. Und bringt immer wieder neue Freunde mit.“ So kam das „Metzer Eck“ zu neuen Stammkunden.
Vielleicht sehen sie das charmante, historische Interieur als einen willkommenen Kontrast zu den vielen modernen, durchgestylten Restaurants, die es in Großstädten wie Berlin zu Genüge gibt. Falkner kann es nachvollziehen: „Ich fühle mich in so ’nem aufgeräumten Laden nicht gut“, sagt sie. Deswegen haben sie und ihr verstorbener Ehemann Horst nach der Wende alles so gelassen, wie es ist. „Hat sich ja auch bewährt. Hier ist es wohnlich und warm.“

Auch online stoßen immer mehr Menschen auf das Lokal. Das Instagram-Video, das der Kanal „berlinfoodstories“ im „Metzer Eck“ filmte, sahen sich mehr als 140.000 Menschen an. In der ZDF-Krimiserie „Ein starkes Team“ taucht die Kneipe mehrfach als Stammlokal des Kommissars Otto Garber auf.
Noch keine Nachfolgerin für das „Metzer Eck“: „Ich bin vielleicht die Letzte“
Genug los ist im „Metzer Eck“. Und wirtschaftlich stimmt’s auch. „Kann nicht klagen, läuft gut“, sagt Falkner schulterzuckend. Im Gegensatz zu vielen Kollegen hat sie keine Personalprobleme – „Jott sei Dank“. Zwei Kellnerinnen kümmern sich um die Gäste, zwei Köche sorgen für Essen auf den Tellern, außerdem sind vier Minijobber im Einsatz. Von den Festangestellten sind manche schon seit 10 oder 20 Jahren bei ihr.

„Eigentlich ist es hier drin wie ’ne kleine Familie“, sagt die Wirtin. „Das muss auch so sein. Wenn’s im Team nicht stimmt, funktioniert’s im ganzen Laden nicht.“
Trotzdem hat sie Sorgen, wie es irgendwann mal weitergeht mit dem „Metzer Eck“. Sylvia Falkner ist 59 Jahre alt, sie führt die Kneipe in vierter Generation. Kinder hat sie keine. „Es sollte nicht sein.“ Eine klare Nachfolge gibt es nicht. „Ich bin vielleicht die Letzte. Mal schauen, ob das wer übernimmt.“ Ein paar Jahre will Falkner das „Metzer Eck“ auf jeden Fall noch betreiben. Und sich dann über die Zukunft Gedanken machen. „Ich will, dass irgendwann jemand übernimmt, der das genauso weiterführt.“







