Wer in diesen Wochen an der Danziger Straße 219–221 oder der Hermann-Hesse-Straße 26 in Berlin-Pankow vorbeiläuft, dem fallen sie sofort ins Auge: zwei große Litfaßsäulen, sonst Fläche für Plakate von Konzerten, Kinofilmen und Werbung. Sie zeigen Gesichter. Diese erzählen von Menschen, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden. „Sie wollten leben“ heißt die Aktion. Der Titel sagt, worum es geht: um Lebensgeschichten, nicht um Zahlen.
Berlin-Pankow: Gedenken im Alltag
Das Projekt „Sie wollten leben“ holt die Erinnerung dorthin, wo Menschen ohnehin unterwegs sind. Auf dem Weg zur Bahn, zum Bäcker oder zur Schule bleiben Passanten stehen und lesen. In Pankow sind es zwei Standorte. Die Litfaßsäulen rufen gezielt das Leben von Menschen in Erinnerung, die einmal in Pankow gelebt haben.

Auf jeder Säule stehen drei Biografien. Berlinweit sind es 25 Säulen, die zusammen 75 Menschen ein Gesicht geben sollen, so der Plan der Initiatoren. Sie stehen stellvertretend für mindestens 55.000 Frauen, Männer und Kinder aus Berlin, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen.
Ein Showmaster und sein kleiner Bruder
Eine der Biografien dürfte vielen bekannt vorkommen. Sie handelt von Hans Rosenthal, dem langjährigen Showmaster, der Generationen mit Sendungen wie „Dalli Dalli“ unterhielt. Das Fernsehpublikum kannte ihn als fröhlichen Entertainer mit dem legendären Luftsprung. Weniger bekannt ist, dass er als jüdischer Junge in Berlin um sein Überleben kämpfen musste. Sein kleiner Bruder wurde deportiert und ermordet.

Zum 100. Geburtstag veröffentlichte das ZDF die Doku „Zwei Leben“ über Hans Rosenthal. Er wurde in Berlin im Stadtteil Wedding geboren und wuchs im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg im Quartier an der Winsstraße auf. Diese Biografie gehört zu den herzzerreißendsten Texten der Aktion. Rosenthal sprach erst gegen Ende seines Lebens darüber, was er erlebt hatte.
Der Hintergrund – der erste „Osttransport“
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Die Nationalsozialisten und ihre vielen Helfershelfer deportierten 1013 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Berlin ins Ghetto Litzmannstadt, das heutige Łódź im besetzten Polen. Insgesamt wurden etwa 10.000 Menschen deportiert.

Zuvor mussten sich die Menschen mit ihrem Handgepäck im Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße einfinden. Die Jüngeren unter ihnen liefen unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald. Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1600 jüdische Berlinerinnen und Berliner das Leben.
Verfolgt, misshandelt, deportiert und getötet wurden bis zum Ende der Diktatur auch Sinti und Roma, politische Gegner, Zeugen Jehovas, Mitglieder der „Bekennenden Christen“ und Homosexuelle. Andere traf es wegen ihrer Gesinnung, Nationalität, Behinderung oder Erkrankung.
Ein Programm für ganz Berlin
Noch bis zum 16. November 2026 wird an den Litfaßsäulen mit Gedenkveranstaltungen an diese Verbrechen erinnert. Die Eröffnung des Gesamtprojekts fand am Donnerstag in der Berliner Gedächtniskirche statt. Kooperationspartner sind die Evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde mit Pfarrerin Kathrin Oxen, der Moabiter Verein Gleis 69 e. V. mit dem Vorsitzenden Dr. Thomas Abel, die Berliner Stolperstein-Initiativen und weitere Institutionen.

Eva Umlauf, Auschwitzüberlebende und Präsidentin des Internationalen Auschwitzkomitees, und der Theresienstadt-Überlebende Michael Meisels, der 1945 als Baby mit dem letzten Zug vom Anhalter Bahnhof deportiert wurde, sind zwei der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die sich im Projekt engagieren. Eva Umlauf hat von sich vom Spezialstudio Volucap ein 3D-Hologramm anfertigen lassen, um auch nach ihrem Tod noch Zeugnis abzulegen.

Wer hinter dem Projekt steckt
Die Idee zu dem Projekt stammt vom Regisseur und Kulturmanager Günter Jeschonnek. Die Plakate gestaltete der Grafiker Michael de Maizière. Als Medienpartner stellt die Stuttgarter Ilg-GmbH, die in Berlin rund 1700 Litfaßsäulen bewirtschaftet, die Flächen zur Verfügung. Gefördert wird die Aktion unter anderem von der LOTTO-Stiftung Berlin, Jan Philipp Reemtsma, der Inge-Deutschkron-Stiftung, den Bezirksämtern Charlottenburg-Wilmersdorf und Lichtenberg sowie privaten Spendern.

Innehalten in Pankow
Die Säulen in der Danziger Straße und der Hermann-Hesse-Straße laden zum Innehalten ein. Eine Biografie zu lesen dauert nur wenige Minuten. Vielleicht bleibt sie dennoch länger im Kopf als manche Rede. Wer sich die Zeit nimmt, erfährt von Menschen, die Pläne, Familien und Träume hatten und deren Leben jäh abgebrochen wurde. Genau darum geht es bei der Aktion: dass aus Opfern wieder Menschen werden, die leben wollten.
Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf der Website Gleis 69.
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