Abriss in Berlin

„Die Litfaßsäule ist ein Berliner Kulturgut“

Der Leiter der Litfaß-Schule bedauert, dass die Säulen aus Berlin verschwinden.

Mike Förster ist Leiter der Ernst-Litfaß-Schule

Mike Förster ist Leiter der Ernst-Litfaß-Schule

Foto: Mike Förster / Julius Betschka

Es sind nicht nur die Werbesäulen, die das Vermächtnis des Berliner Verlegers Ernst Litfaß lebendig halten. Im Bezirk Mitte ist der Litfaß-Platz am Hackeschen Markt nach dem Berliner Werbekönig benannt. In Reinickendorf lernen Mediengestalter ihr Handwerk an der Ernst-Litfaß-Schule. Ihr Schulleiter Mike Förster (53) bedauert, dass die typischen Berliner Säulen nun abgerissen werden. Was sie so besonders macht, erklärt er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost

Herr Förster, sind Sie wehmütig, dass die alten Säulen verschrottet werden?

Ich habe da zwei Herzen in meiner Brust. Ich denke mir, okay, wir machen heute das meiste digital in der Werbung. Aber auf der anderen Seite hat die Litfaßsäule seit 164 Jahren das Stadtbild geprägt – sie war im wahrsten Sinne des Wortes eine tragende Säule. Es ist schade, dass die abgebaut werden.

Aber sie verschwinden ja nicht völlig.

Ja, natürlich kommen neue, und die Grundfunktionen erfüllen auch die neuen Säulen. Sie sind elektronisch und haben einen Lichtkranz. Die original Berliner Säule ist aber weg. Das halte ich für einen Fehler.

Bei mir um die Ecke steht an einer Säule: „Hände weg von unseren Litfaßsäulen“ – warum hängen die Berliner so daran?

Die Litfaßsäule ist ein Kulturgut. Ich wohne in der Nähe von der Boxhagener Straße. Da gibt es eine Künstlergruppe, die hat sich das jetzt als Kunstgegenstand genommen. An der Stelle ist mir bewusst geworden, dass da etwas geht, was absolut das Bild von Berlin prägt.

Aber werden die Säulen überhaupt noch gebraucht?

Trotz aller elektronischen Werbung sind Plakatwände und Litfaßsäulen nach wie vor wichtige Werbeträger. Und sie sind wichtige Bezugspunkte im Kiez. Litfaßsäulen werden ja auf eine Art immer noch wie früher genutzt – als Annonciersäulen: Über die professionellen Werbeplakate kleben die Menschen auch heute noch Wohnungsgesuche oder Zettel, mit denen sie ihre entlaufene Katze suchen. Das können Sie auf einer elektronischen Werbetafel nicht machen.

Von denen sind stattdessen viele genervt. Es gibt sogar ein Volksbegehren gegen zu viel Werbung in Berlin. Die Litfaßsäule haben die Menschen aber irgendwie gern.

Ja, vielleicht ist das auch einfach angenehmer, als auf so eine blinkende Leuchttafel zu schauen. Die Säulen gehören einfach zum Stadtbild, sodass viele sie gar nicht mehr wahrgenommen haben. Das war ganz interessant: Erst als die Wall AG die Säulen seit Januar einfarbig plakatiert und keine neue Werbung aufgebracht hat, fiel vielen auf: Oh, da ändert sich etwas.

Ihre Schule ist nach dem Vater der Säule, Ernst Litfaß, benannt. Warum?

Der Berliner Drucker und Verleger Ernst Litfaß war ein Visionär zu seiner Zeit. Mit seiner Idee der Annonciersäule hat er Maßstäbe gesetzt. Wissen Sie, es gibt viele gute Ideen in Berlin, aber oft hapert es an der Umsetzung. Litfaß hat seinen Plan damals einfach umgesetzt – auch wenn der Weg holperig war. Und er hat recht behalten. Die Säule wird noch heute auf der ganzen Welt genutzt.