Ein roter Teppich, festgeklebt auf dem Pflaster unter dem Viadukt der U2. Daneben eine Lache. Passanten bleiben stehen und staunen. Eine Mutter schickt ihren Sohn auf den Stoff. „Lauf mal“, sagt sie und filmt ihn.

Donnerstag

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Am Samstag wurde aus der Verkehrsachse ein Catwalk: von 12 bis 19 Uhr, mitten auf der Schönhauser Allee im Bezirk Pankow, zwischen den Arcaden und der Wichertstraße. Das Motto lautete „Kiez & Couture – Von Asphalt zu Avantgarde“. Labels und Läden aus den benachbarten Schönhauser Allee Arcaden zeigten ihre Kollektionen. Mit dabei: Geschäfte aus dem Kiez, kleine Marken und Nachwuchsdesigner der AMD Akademie Mode & Design. Ab 19 Uhr sollten die Gäste in den Arcaden feiern.

Trotz Denkmalschutz: blitzschnelle Genehmigung


Organisiert hat die Schau Lillemor Mallau, Sprecherin der Initiative „Meine Schönhauser Allee“. „Wir haben das in nur sechs oder sieben Monaten organisiert“, sagt sie. „Es war ein relativ kurzer Prozess, bei dem alle Seiten mitgeholfen haben – die Politik, die Verwaltung und die Gewerbetreibenden.“ Besonders überrascht habe sie das Tempo der Denkmalschutzbehörde. Die Genehmigung sei „mit unter 30 Minuten die schnellste meines Lebens“ gewesen.

Modenschau Eberswalder unter dem U-Bahnviadukt
Viele Zuschauerinnen und Zuschauer filmten die Models auf dem roten Teppich. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Warum steht ein U-Bahn-Viadukt unter Denkmalschutz? Weil die rund 1,7 Kilometer lange Stahl- und Betonkonstruktion auf Stelzen Geschichte hat: Sie entstand 1911 bis 1913 nach Entwürfen des Architekten Alfred Grenander. Berliner nennen sie auch „Magistratsschirm“.

Modenschau Eberswalder unter dem U-Bahnviadukt
Ist das jetzt ein Model oder nur ein ganz normaler Berliner in Alltagskleidung auf dem roten Teppich?© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Mode trifft Berliner Alltag: Laufsteg auf dem U-Bahnhof Schönhauser Allee

Wo sonst Fahrräder an Radbügeln hängen, stehen an diesem Nachmittag Klappstühle. Die Models laufen über den Teppich, die Musik dröhnt gegen den Verkehr auf beiden Fahrspuren an, der Wind treibt erste Herbstblätter über den Stoff. Locker bleibt es trotzdem: Die Moderatorin schwärmt vom „Materialmix, der Lust auf den Herbst macht“. Aus dem Publikum kommt vereinzeltes, gut gelauntes Buhen.

Modenschau Eberswalder unter dem U-Bahnviadukt
Organisatorin Lillemor Mallau (li.) und Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (2. v. re.), saßen in der ersten Reihe.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Backstage lag im nördlichen Treppenabsatz des U-Bahnhofs Schönhauser Allee. Eine Kordel sperrte ihn ab. Von dort liefen die Models die Treppe herab – Mode trifft Berliner Alltag. Bei mancher Funktionsjacke fragte man sich: Model oder Passant, der sich auf den Teppich verlaufen hat?

Baustelle an der Brücke bringt Lärm und Sorgen für Einzelhändler

Der improvisierte Charme des Nachmittags kontrastiert mit dem, was der Straße bevorsteht. Ab Oktober reißen Bauarbeiter die Brücke ab und bauen sie neu – das Bauwerk trägt U-Bahn, Straße und S-Bahn zugleich. Gebaut wird auf allen drei Ebenen. Mindestens vier Jahre lang prägen Sperrungen und Baulärm den Alltag rund um den Bahnhof. Einzelhändler fürchten, dass Kundschaft ausbleibt und Umsätze wegbrechen. Ihre Modenschau ist deshalb auch ein Ruf an die Kunden: Vergesst uns nicht, wenn der Kiez zur Dauerbaustelle wird!