Sauberkeit in Berlin

Pankower Putzprojekt „Sauber wie in Singapur“ gescheitert

Unter dem „Magistratsschirm“ und am Bahnhof Pankow verbreiten sich Schmutz und Gestank wie in schlimmsten Zeiten.

Fahrradleichen, Sperrmüll und Gestank: Unter dem Viadukt der U-Bahnlinie 2 hält sich niemand gerne auf.

Fahrradleichen, Sperrmüll und Gestank: Unter dem Viadukt der U-Bahnlinie 2 hält sich niemand gerne auf.

Foto: Thomas Schubert

So sauber wie in Singapur sollte es hier zugehen. Eine leichte Verbesserung der Reinlichkeit unter dem Viadukt der U-Bahnlinie 2 zu geloben, das war Pankows Ordnungsstadtrat Daniel Krüger (parteilos, für AfD) beim Kampagnenstart im vergangenen Herbst nicht genug. Singapur in einer der schmutzigsten Ecken von Prenzlauer Berg simulieren, das war das erklärte Ziel. Der Vergleich mit einer der saubersten Metropolen der Welt weckte höchste Erwartungen und brachte der Reinigungsaktion unter dem sogenannten „Magistratsschirm“ ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Bezahlt wurde der Schwerpunkt-Putzeinsatz gemeinsam mit BSR und BVG aus dem Senatsfördertopf „Saubere Stadt“.

Knapp ein Jahr nach Ausrufung der Aktion zeigt sich: Der Effekt ist völlig verpufft. Taubenkot, weggeworfene Verpackungen und beißender Uringeruch verleiden Passanten den Aufenthalt zwischen den Pfeilern des Bahnbauwerks und vertreiben sie auf die Bürgersteige auf beiden Seiten der Schönhauser Allee. Es gibt nur zwei Gründe, um sich unter dem Magistratsschirm, der vor wenigen Jahren für immerhin 40 Millionen Euro saniert wurde, aufzuhalten: Entweder nutzt man den Bereich als Mittelinsel beim Überqueren der Straße oder man schließt hier an einem der hiesigen Ständer sein Fahrrad an, weil alle anderen Bügel an der Allee schon belegt sind.

Der Misserfolg des Projekts liegt für den Pankower SPD-Fraktionsvorsitzende Roland Schröder auf der Hand. „Es ist leicht, etwas zu versprechen. Aber dann kommen die Mühen der Ebene“, kritisiert Schröder die kurzlebige Sauberkeitskampagne. Nach dem ersten Putz sei kaum noch etwas passiert.

Stadtrat: Bürger sollten Weg von sich aus sauberhalten

Stadtrat Krüger verteidigt sich und sagt, er habe die Singapur-Kampagne von Anfang an „als Angebot an die Bürgerschaft“ konzipiert. Die Reinigung unter dem Magistratsschirm sollte nur den Anstoß dafür geben, dass Passanten und Anrainer den Weg unter dem Viadukt sauber halten und die Verschmutzung zu verhindern helfen. „Scheinbar wird dieses Angebot nicht angenommen“, stellt Krüger nun fest. In der Verantwortung sieht er aber nicht nur Bürger, sondern auch Politikerkollegen der Landesregierung: „Die Einbindung der Bürgerschaft in Reinigungs- und Aufwertungsmaßnahmen des öffentlichen Raumes stellt sich als komplizierter dar, als von Politikern des Abgeordnetenhauses – die dieses vorgegeben haben – ersonnen“, meint der Stadtrat. Sofern das Budget dies erlaubt, werde Pankow die Reinigungsaktion dieses Jahr aber wiederholen. Zugleich kündigt Krüger verstärkte Kontrollen des Ordnungsamts im Problembereich an, um Verstöße zu ahnden.

Nach Hause waten durch Urin-Rinnsale

Hauptproblem bei der mangelnden Hygiene an den U-Bahnhöfen Eberswalder Straße, Schönhauser Allee und der U2-Endhaltestelle in Pankow: Männer nutzen die Pfeiler und Wände, um sich zu erleichtern. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs Pankow waten Pendler abends regelmäßig durch Rinnsale aus Urin, die sich zwischen den Fahrradabstellplätzen ergießen.

Obdachlose und Trinker am Bahnhofseingang werden fast täglich von Sicherheitsdiensten ermahnt. Am Garbatyplatz beschäftigen das Ärztehaus und ein Supermarkt seit Jahren sogar einen eigenen gemeinsamen Securitydienst. Aber selbst bei Platzverweisen sind die gleichen Personen am nächsten Morgen wieder zur Stelle.

Wenigstens der Gestank bliebe den Pankowern wohl erspart, wenn kostenlose Pissoirs vorhanden wären. Deren Beschaffung haben Roland Schröder und seine SPD in einem Antrag gefordert, der nach langen Diskussionen beschlossen wurde. Pankow sollte die Aufstellung von Urinalen, wie sie auf der Reeperbahn und am Hamburger Hauptbahnhof vorhanden sind, prüfen. Auch dieses Pankower Hygieneprojekt droht zu scheitern.

Stadtrat Kuhn scheitert an Toiletten-Aufstellung

Monate nach Beschluss des SPD-Antrags ist es den Mitarbeitern des zuständigen Stadtrats Vollrad Kuhn (Grüne) nicht einmal gelungen, den Hersteller der Hamburger Pissoirs zu ermitteln. Kuhn führt in einem Zwischenbericht viele Probleme an, die eine Aufstellung der WCs schwierig machen, liefert aber keine Hinweise auf eine Lösung. Wenn man eine andere Toilettenanlage aufstellen wolle als jene der Firma Wall, müsse man sich erst mit der Senatsumweltverwaltung abstimmen, erklärt Kuhn. Bei den geforderten Standorten unter dem U2-Viadukt und am Bahnhof Pankow müsste man sich zusätzlich mit mehreren Akteuren wie der Deutschen Bahn und der BVG abstimmen.

SPD-Mann Roland Schröder will, dass Pankow diese Abstimmung endlich angeht, und sagt: „Der Bezirk muss alle Verantwortlichen an den Tisch holen. Es ist nicht zu viel verlangt, dass man sie einlädt und eine Lösung vorbereitet. Die Sauberkeit ist diese Mühe wert.“

Auch die Beschaffung von kostenlosen Toiletten droht zu scheitern