Alles begann mit der Suche von über 50 älteren Mitbürgern in Weißensee nach einem geschützten Raum für Freizeit und Begegnung. „In einer Art Selbsthilfe-Aktion unterstrichen in den ersten Monaten des Jahres 1990“, erinnert sich Günther Nitschke, der Gründer des Vereins FreiZeitHaus, in einem Text, „Senioren [...] ihren Anspruch auf eine ihnen von der bisherigen Bezirksverwaltung, dem Rat des Stadtbezirks, schon längere Zeit zugesagte Begegnungsstätte im ehemaligen Restauranttrakt der früheren Weißenseer Stadthalle.“ Und sie schufen beeindruckend Fakten.

Donnerstag
Mein Pankow-Newsletter
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter zu Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Der nach dem Zweiten Weltkrieg übrig gebliebene Casinotrakt der Gemeindeturn- und -festhalle in der Pistoriusstraße 23 wurde bis 1988 als Kindergarten genutzt. Nun besetzten, säuberten und renovierten ihn die tatkräftigen Senioren. Und bewegten den zuständigen Stadtrat dazu, das Objekt vom Spekulationsmarkt zu nehmen und zehn Jahre lang mietfrei zur Verfügung zu stellen. Es war der Beginn des Vereins und des dortigen Stadtteilzentrums Weißensee. Genau 35 Jahre ist das her. Als Geburtstag gilt der 7. August.
Auch interessant
Verein FreiZeitHaus in Pankow-Weißensee: Es fehlen die Ressourcen
Heute bringt FreiZeitHaus an insgesamt elf verschiedenen Standorten in Pankow-Weißensee, darunter drei Kinderläden, Menschen zusammen, bietet Kurse, Nachbarschafts- und Gemeinwesenarbeit oder Familienbildung. Zu den kleineren sozialen Treffpunkten gehört etwa das sogenannte Alte Waschhaus im Steinberg-Kiez in Kooperation mit der GeWoSüd und der Gesobau. Eine sozialpädagogische Stelle kümmert sich hier um Angebote für die Nachbarschaft. Ein weiterer Treff ist das NaiMo in Weißensee-Ost mit einem kleinen Familiencafé.
Das Gründungshaus selbst werde von 4000 bis 5000 Menschen pro Monat besucht, so die Geschäftsführerin von FreiZeitHaus e.V., Anne Lemberg, zur Morgenpost. In kleineren Nachbarschaftstreffs seien es um die 400. Das Jubiläum zelebriert die Begegnungsstätte unter der schweren Last leerer Haushaltskassen und Kürzungen in Pankow und Berlin allerdings leise. Es fehlten einfach die Ressourcen und gebe zahlreiche Gründe „explizit nicht zu feiern“, heißt es in einer Mitteilung zum Jubiläum.
Auch interessant
Kürzungen treffen hart: Streichung ganzer Einrichtungen auf dem Tisch
Denn die prekäre finanzielle Situation ist einschneidend. „Wir müssen über die Streichung ganzer Projekte bzw. Einrichtungen nachdenken“, erzählt Lemberg der Morgenpost. Der Sparplan für das Jahr 2026 bedeute, dass in allen Zuwendungsprojekten für Jugend und Soziales 30 Prozent eingespart werden müssen. Da kaum noch Projekte arbeitsfähig seien, wenn dies über das Gießkannenprinzip erfolge, müssten einzelne ins Visier genommen werden. Mit der Konsequenz, Personal ziehen zu lassen und Räume aufzugeben. Da die Kosten für Neuanmietungen um ein Vielfaches höher seien, als man zahlen könne, sei damit zu rechnen, dass entsprechende Angebote dauerhaft wegfallen. „Die werden nicht wiederkommen“, konstatiert Lemberg.
Dabei weist sie darauf hin, dass insbesondere nach den Krisen der letzten Jahre, der Corona-Pandemie und stark gestiegenen Lebensunterhaltungskosten, immer mehr Menschen auf Begleitung, Beratung, Bildungs- und Bewegungsangebote, Orte der Begegnung und ein zugewandtes Miteinander angewiesen seien. „Neben großer Frustration empfinde ich das als eine unglaubliche Kurzsichtigkeit, die sich stärker an politischen Zyklen, etwa der nächsten Wahl, orientiert, als an den vorhandenen Systemen“, sagt Lemberg.
Entdecken Sie mehr Themen aus Pankow
- Streit um Flüchtlingsheime: Bau-Aus nach Koalitionsbeschluss?
- Brutaler Überfall auf Kinder: Jugendgewalt nimmt erschreckend zu
- Nach Kleingarten-Affäre: Pankower Verband wählt neuen Vorstand
- Comeback gescheitert: Gelbhaar unterliegt deutlich – „Bin enttäuscht“
- Kinder demonstrieren an Grundschule: „Wir wollen rein!“
- Kakerlaken, Mäuse, kein Aufzug: Gewobag lehnt Mieterversammlung ab
- Lesen Sie alle neuen Beiträge aus Pankow im Bezirke-Kanal der Morgenpost
Geschäftsführerin von FreiZeitHaus: „In keinster Weise nachhaltig“
Was im Moment von den politischen Akteuren entschieden werde, sei „nicht nachhaltig, in keinster Weise“. Präventive Arbeit koste weniger als Menschen in der langfristigen Einzelfallhilfe, argumentiert Lemberg. Bedarfe der Menschen blieben trotz Kürzungen bestehen und würden langfristig weitaus höhere Kosten verursachen. Sie habe in den letzten Monaten „schwer an der Situation zu tragen, da die Perspektive ein bisschen abhandengekommen“ sei, will ihren Grundoptimismus aber nicht aufgeben. Eine Chance sieht sie in der „Welle des Zuspruchs“, in der „Solidarität, die sich gerade aus dem Protest heraus entwickelt.“ Im stärkeren Austausch mit anderen Trägern und engagierten Bürgern. Gemeinsam werde darüber nachgedacht, an sinnvoller Stelle Projekte zusammenzulegen.
Anstelle der Feier eines gebührenden Festes veröffentlicht das Stadtteilzentrum online Grußworte aus Politik, Verwaltung und Nachbarschaft. „Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen sich begegnen“, stellt etwa Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe die Bedeutung des Vereins heraus. „Wer 35 wird, kann in der Regel auf einiges zurückblicken“, äußerte sich Cordelia Koch, die grüne Bezirksbürgermeisterin von Pankow. „Auf erste Schritte, auf mutige Entscheidungen, auf manche Umwege, auf Erfolge und auch auf Durchhaltevermögen.“







