„Jetzt stehen wir da und müssen versuchen, das zu überleben. Wir sind so bekannt im Kiez. Viele könnten sich nicht vorstellen, dass es das La Bohème nicht mehr gibt“. Ursula Kriese, die sie hier nur Uschi nennen, ist, was man bedenkenlos eine Kiezlegende nennen darf. Seit 1968 wohnt die liebenswerte Rentnerin, Jahrgang 1949, im Winsviertel in Prenzlauer Berg. „Ich werde oft auf der Straße angesprochen“, erzählt sie, die hier seit über 20 Jahren ein soziales Projekt mit großem integrativen Wert leitet.

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Wo Kriese zuvor unter gleichem Namen eine eigene Boutique betrieben hatte, befindet sich der Kieztreff „La Bohème“ des „Projekts intergenerationeller Begegnungen“, der insbesondere Jüngeren und Älteren im Kiez zur zweiten Heimat geworden ist. Dank seines niedrigschwelligen Zugangs zu Kulturveranstaltungen, mit Galerie, Konzerten, Lesungen und weiteren Angebote wie Schach, einem zu Corona-Zeiten eingeführten Kummertelefon und Spielen und Kursen für Kinder. Alles auf Spendenbasis, außer Getränke. Viele der Kleinen im Kiez habe sie hier groß werden sehen, erzählt Projektleiterin Kriese im Gespräch mit der Morgenpost.
Doch nun bangt das Projekt, das zum Verein „Freundeskreis Tina Modotti Archiv“ gehört, und noch vor zwei Jahren vom Bezirk für sein Engagement ausgezeichnet wurde, um die Existenz. Die Befürchtung ist groß, dass der unaufgeregte, so charmant aus der Zeit gefallene und teilweise noch mit Mobiliar aus Krieses Kindheit ausgestattete Treffpunkt, den sie selbst „noch ein bisschen analog“ nennt, die Miete nicht mehr bezahlen kann und aufgeben muss.
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Kieztreff in Prenzlauer Berg: Jobcenter stellt Förderung ein
Denn das Jobcenter, das dem „La Bohème“ bisher Mitarbeiter vermittelte und es bezuschusste, stellt die Zusammenarbeit nun in Frage. Der jedes Jahr zu stellende Antrag ist abgelehnt worden, die staatlichen Zuwendungen entfallen seit Mai. Jetzt ist das „La Bohème“ auf weitere Spenden angewiesen. Dazu wird es auch Veranstaltungen wie eine Gesprächsreihe mit Schauspielern im Juni geben, bei denen Gegenstände versteigert werden. Der Erlös soll dem Treffpunkt zugutekommen. „Außer bei Corona haben wir nie zusätzliche Spenden gebraucht. Es war immer alles knapp, aber wir sind über die Runden gekommen“, erzählt Kriese.
Anfang der 2000er-Jahre geriet ihr Boutique-Geschäft in Schieflage. Über Kontakte fand sie, die zuvor lange in der Gastronomie gearbeitet und in den 70ern das Lokal „Brechtkeller“ mit eröffnet hatte, beim genannten Verein Anklang mit ihrer Idee eines generationenübergreifenden Projekts. Unter dessen Ägide und in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter wurde es Realität. Kriese wurde bis zur Rente über das Jobcenter angestellt. Gleichzeitig stellte dieses über das Modell der Arbeitsgelegenheit (AGH), auch bekannt als Ein-Euro-Job, schwer vermittelbare Arbeitskräfte zur Verfügung. Langzeitarbeitslose, Migranten, psychisch Kranke, die durch gemeinwohlorientierte Tätigkeit an die Arbeit auf dem regulären Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen. Im „La Bohème“ durften sie maximal zwei Jahre tätig sein.

„La Bohème“ im Winsviertel: „Da wird mir zittrig“
„Wir haben viel Arbeit mit den Leuten gehabt, es ist eine Betreuerfunktion, doch es hat gut funktioniert – und Spaß gemacht“, erinnert sich Kriese. Geflüchteten habe sie gezeigt, wie man sich an der Uni anmeldet, bei der Wohnungssuche unterstützt, Lebensläufe geschrieben, beim Mathelernen geholfen. Nun fehlen ihr und ihrer Kollegin Angelika, die sich um die Büroangelegenheiten kümmert, die AGH-Teilnehmer erheblich. Die rund 20 Mitglieder des Vereins würden bei bürokratischen Themen unterstützen. Der Betrieb des Treffpunkts aber liege alleine bei ihr und ihrer Kollegin. „Da wird mir schon zittrig. Das ist mir alles zu anstrengend“, sagt sie, die keinen Euro mehr mit ihrer Tätigkeit verdient, komplett von der Rente lebt. Dabei würden viele, mit denen sie die Zusammenarbeit im April beenden mussten, dort weiterarbeiten wollen.
Besonders misslich, so die rüstige Projektleiterin, sei, dass sie nichts Schriftliches zu den konkreten Gründen erfahren habe, warum das Jobcenter das AGH-Modell nicht weiterführt. Einzig über Umwege sei zu ihr durchgedrungen, dass wohl nicht genügend ihrer Teilnehmer erfolgreich auf dem ersten Arbeitsmarkt ankämen. „In der Vergangenheit hat das oft geklappt, zuletzt nicht mehr so“, sagt Kriese.
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Das sagt das Jobcenter zum Förder-Aus für das „La Bohème“
Auf Morgenpost-Nachfrage erklärt die Pressestelle der Berliner Jobcenter, dass es jedes Jahr anhand von Kriterien, zu denen „die Auslastung, die Qualität, das Interesse des Bezirks und der arbeitsmarktliche Erfolg gehören“, prüft, welche Projekte infrage kommen. Ausschlagend dafür, dass Krieses Projekt in 2025 nicht berücksichtigt wurde, sei, dass in den vergangenen zwei Jahren „im Schnitt unter 80 Prozent der geplanten Plätze“ besetzt gewesen sei und nicht von einer ausreichenden Besetzung für 2025 auszugehen war.
„Wir streben jedoch eine höchstmögliche Besetzung der Plätze an, da wir unsere Eingliederungsmittel wirtschaftlich auslasten wollen“, so das Jobcenter. Zudem habe eine Analyse über den Verbleib der Teilnehmenden ergeben, dass der Integrationserfolg in den regulären Arbeitsmarkt „nicht ausreichend gegeben war“. Eine Sprecherin weist zudem darauf hin, dass die Aufgabe der Jobcenter die Förderung einzelner Personen im Sinne des Arbeitsmarktes sei, „nicht die Förderung sozialer Strukturen, dafür gibt es andere Förderträger.“
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Grünen-Fraktion in Pankow will Kiez-Projekt retten
Die Grünen-Fraktion in Pankow um Heike Schmidt und Paul Schlüter setzt sich unterdessen für die Rettung des „unverzichtbaren“ Projekts ein. „Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung brauchen wir Orte, die Menschen verbinden – unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Hintergrund“, heißt es auf Morgenpost-Anfrage. So soll die Leitung des Jobcenters am 3. Juni in den Sozialausschuss geladen werden, „um die Hintergründe der Mittelkürzung offenzulegen und mögliche Lösungen zu diskutieren.“
Das Jobcenter selbst weist darauf hin, dass die Förderung für 2026 erneut beantragt werden könne. „Unabhängig davon bieten wir gerne an, gemeinsam mit dem Freundeskreis Tina Modotti Archiv e. V. andere Förderwege zu prüfen“, heißt es.






