Erzählen Neuköllner und Neuköllnerinnen ihren Verwandten aus Bayern oder Bekannten aus Hamburg, wo sie leben, stoßen sie oft auf Unverständnis, Ungläubigkeit und ja, sogar Angst. Ob man sie denn von der U-Bahn-Station abholen könne, wenn sie zu Besuch kämen? Neukölln ist bundesweit nicht gerade als idyllisches Sommerausflugsziel bekannt. Völlig zu Unrecht. Ein Ferientag bringt einen mit wenig Geld vom libanesischen Frühstück zu hippen Rollschuhhotspots und lokal gebrautem Bier.

Donnerstag
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Aber von vorne. Der Ferientag für unter vierzig Euro in Neukölln beginnt nämlich in Prenzlauer Berg. Zumindest für alle, die keine eigenen Rollschuhe oder Inlineskates haben. Unter der Woche um 11 Uhr und am Wochenende um 10 Uhr öffnet das „Skate and Glide“ in der Greifswalder Straße, das absolute Fachgeschäft für alles, was Rollen oder Kufen unter den Schuhen hat. Inhaber Gert Hofmann war selbst Profi-Eiskunstläufer und trainiert heute das Eiskunstlaufteam Berlin 1, das regelmäßig die deutsche Meisterschaft gewinnt und international erfolgreich ist.

Ein Paar Inlineskates, also die Art von Rollschuh, bei der die Rollen in einer Linie hintereinander angebracht sind, kostet für Erwachsene am Tag zehn Euro. Dazu gehört unbedingt ein Set aus Schützern für Knie, Ellenbogen und Handflächen, das für zwei Euro für einen Tag zu leihen ist. Mit der Ausrüstung im Gepäck geht es jetzt zum Tempelhofer Feld, dem Paradies des Rollsports.
Second Hand-Klamotten und -Bücher in der Selchower Straße
Von der U-Bahn-Station Boddinstraße führt die Selchower Straße in Richtung des ehemaligen Flughafens. Auf der linken Straßenseite finden sich zwei schicke Vintage-Läden für Klamotten und der Buchladen Pequod Books für gebrauchte Schmöker in 15 verschiedenen Sprachen.
Daneben im Selchower Späti am besten noch mit einem Snack versorgen. Wer nach Made in Berlin sucht: Hier gibt es für einen Euro den weichen Dattel-Hafer-Riegel von „Tims kanadische Backwaren“, der in Mariendorf produzierenden Backfabrik des gebürtigen Kanadiers Tim Coughlin. Eine echte Energiebombe und genau richtig für die anstehende sportliche Betätigung.
Links abgebogen auf die Schillerpromenade und dann wieder rechts auf die Herrfurthstraße führt der Weg direkt auf das „Feld“ zu. Am Ende der Straße ist nur der Horizont zu sehen, keine Häuser, nichts. Als liege dahinter das Meer. Kein Wunder, dass das Feld liebevoll „Wiesenmeer“ genannt wird.
Bester Fahrbahnbelag für Rollschuhe auf dem Tempelhofer Feld
Die Inlineskates kann man sich direkt nach Betreten des Feldes anschnallen und sich an einer Runde versuchen. Hat man aber einmal die Strecke direkt hinter den Gemeinschaftsgärten probiert, will man nirgendwo anders mehr eine Rolle auf den Boden setzen. Auf der Bahn, die parallel zur Schillerpromenade etwas weiter im Innern des Feldes verläuft, ist der Belag herrlich glatt (8).
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Hier tummeln sich auch allerlei Roll-Profis auf Longboards, Rollschuhen, Inlineskates oder Freeline Skates. Letztere bestehen aus zwei Platten mit je zwei Rollen unten dran, auf die je ein Fuß gestellt wird. Dann fahren Könner mal auf dem einen, mal auf dem anderen Bein, während sich die Rollplatten ohne sie weiterbewegen. Es gibt viel zu sehen auf der Rollbahn.
Und es lässt sich wunderbar auf und abfahren und den weiten Himmel beobachten. Das sollte man auch tun, denn Gewitter ziehen derzeit schnell herauf und Starkregen mit Hagel kann innerhalb von Sekunden losbrechen. Dunkle Wolken sind auf dem Feld ernst zu nehmen, will man nicht nassgeregnet ins Café Engels in der Herrfurthstraße flüchten müssen, das den nächstgelegenen Unterschlupf darstellt. Bei Regen ist es dort dementsprechend voll mit tropfenden Feldbesuchern.
Libanesisches Frühstück im Körnerkiez
Inlineskaten ist anstrengender als gedacht. Irgendwann zieht es in den Füßen und es wird Zeit für einen Brunch. Verlässt man das Tempelhofer Feld über den südlichen Neuköllner Ausgang führt der Weg durch den St. Thomas Kirchhof, der zum Park umgestaltet wurde. Auf der anderen Seite der Hermannstraße liegt in der Altenbraker Straße 20 das kleine libanesische Frühstücksrestaurant Zeyt & Za’atar (9).
Zeyt ist Arabisch und bedeutet Öl, womit meist Olivenöl gemeint ist und Zatar ist ein wilder Thymian, der als Hauptzutat den Namen für die beliebte Gewürzmischung liefert. Zu einem libanesischen Frühstück gehören die etwa mit Zatar belegten Fladen Manakish („Mana’isch“ gesprochen, ca. 2 Euro pro Stück) und die gestampften Saubohnen Foul (5,50 Euro). Tee gibt es aufs Haus. Es lohnt sich, mehrere Gerichte zu teilen um Verschiedenes probieren zu können.

Gestärkt geht es zurück in den Schillerkiez. Diesmal betreten wir die Schillerpromenade aus südlicher Richtung. Seit der Öffnung des Flugfeldes als Park im Jahr 2010 hat sich hier viel verändert. Insbesondere die Eckkneipenkultur wandelt sich hin zu einer Café- und Vintage-Kultur. Ein Spaziergang auf den Spuren verschwundener Kneipen drängt sich geradezu auf.
Auf den Spuren verschwundener Kneipen im Schillerkiez
Los geht es dort, wo die Okerstraße die Schillerpromenade kreuzt. Hier gab es früher auf vier Ecken drei Kneipen. Nur das Bechereck hat überlebt. Das Filou (7), eine Dart und Billardkneipe, die am Wochenende nie zumachte, ist weg. Genauso wie das Schiller’s (6) auf der anderen Straßenseite, das für viele Kiez-Bewohner und auch die neuzugezogenen Studenten ein zweites Wohnzimmer war.
Die Eigentümerfirma des Hauses gehört den Samwer-Brüdern, die einst mit Zalando Geld machten und dann ins Immobiliengeschäft umstiegen. Die Firma kündigte dem Schiller’s-Betreiber Waldemar Schwienbacher. Nachdem Gäste und Anwohner protestierten, erhielt Schwienbacher einen neuen Vertrag für drei Jahre bei doppelter Pacht. Er verstarb jedoch 2020 und seither steht auch das Schiller’s leer.

Weiter geht die Tour der verschwundenen Kneipen in der Weisestraße. Hier finden sich gleich drei: Das Allereck (5), das berühmte Syndikat (4) und zuletzt die Lange Nacht (3). Während das Syndikat mit lautem Widerstand nach 30 Jahren im Kiez von der Polizei geräumt wurde, um die Eigentumsrechte der Firma Pears Global durchzusetzen, ging die Lange Nacht 2021 etwas leiser, weil mit der Eigentümerin Adler Group kein neuer Vertrag mit zu stemmender Miete zustande kam. Die Betreiber des Allereck mussten schon 2018 den Laden aufgeben, konnten allerdings das gegenüberliegende Zur Molle übernehmen.
Lokal gebrautes Bier mit Bao Burger im Brauhaus Neulich
Die letzte verschwundene Kneipe liegt in der Selchower Straße 31. Das Circus Lemke (2) wurde einst selbst als Vorbote der Verdrängung wahrgenommen, als es 2009 als erstes hippes Etablissement, noch vor dem Frollein Langner und dem Café Engels im Kiez eröffnete. Schließen musste die Kneipe 2018 wegen Beschwerden über Lärm.
Zum Aufheitern geht es zum Tagesabschluss zur Bierverkostung – mit oder ohne Alkohol – ins Brauhaus Neulich (1) in der Selchower/Ecke Lichtenrader Straße. Die frühe Abendsonne fällt durch die Bäume auf die Tische vor der Kneipe und für fünf Euro kann man sich durch die verschiedenen selbst gebrauten Biersorten vom Hellen bis zum Weißbier testen. Ohne Alkohol steht die hauseigene „Sportmolle“ auf der Karte, ein süffiges nichtalkoholisches Sommergetränk.
Zu essen gibt es von Han West nebenan Bao Burger mit Pommes für 9,50 Euro, die im Brauhaus Neulich verzehrt werden können. Ein bisschen erschöpft aber satt geht es dann zurück nach Prenzlauer Berg, um die Inlineskates vor Ladenschluss um 19 Uhr im Skate and Glide zurückzugeben. Bilanz: 35 Euro (ohne Trinkgeld).

Was Sie wissen sollten:
Anfahrt: U8 Boddinstraße
Skatebahn: auf dem Tempelhofer Feld neben den Gärten des Allmende Kontors
Verschwundene Kneipen: „Circus Lemke“, Selchower Str. 31; „Lange Nacht“, Weisestr. 8; „Syndikat“, Weisestr. 56; „Allereck“, Weisestr. 40; „Schiller’s“, Schillerpromenade 26; „Filou“, Okerstr. 15; alle in 12049 Berlin
Essen/Snacks: „Zeyt & Za’atar“, Altenbraker Str. 20, 12053 Berlin; „Han West“, Selchower Str. 20, 12049 Berlin; Selchower Späti, Selchower Str. 32, 12049 Berlin (und jeder andere Späti)
Trinken: „Brauhaus Neulich“, Selchower Str. 20, 12049 Berlin
Shopping: „Pequod Books“, Selchower Str. 33, 12049 Berlin
Inlineskate-Verleih: „Skate & Glide“, Greifswalder Str. 201, 10405 Berlin




