„My Way“ für Gott

Wie „Mauerpark-Sinatra“ Detlef zurück zum Karaoke kam

| Lesedauer: 3 Minuten
Detlef ist seit 2009 eine Institution beim Mauerpark-Karaoke in Prenzlauer Berg - und verblüfft nun wieder mit seiner Stimmgewalt ein internationales Publikum. Sein Lied ist Sinatras abgewandelte Erkennungshymnne.

Detlef ist seit 2009 eine Institution beim Mauerpark-Karaoke in Prenzlauer Berg - und verblüfft nun wieder mit seiner Stimmgewalt ein internationales Publikum. Sein Lied ist Sinatras abgewandelte Erkennungshymnne.

Foto: Thomas Schubert / BM

Dass die Mauerpark-Karaoke-Show nach Corona wiederkehrte, merkte ein Publikumsliebling verspätet – denn Detlef hat kein Internet.

Berlin.  Er ist zu fromm, als dass man ihn mit Frank Sinatra vergleichen sollte. Zu bescheiden, um die Allüren der US-Gesangslegende zu teilen. Aber Detlefs Lied, das ist auch Frank Sinatras großer Song. „Mein Leben“ heißt die angewandelte Version von „My Way“, mit der dieser Publikumsliebling des Mauerpark-Karaoke Beifall-Stürme auslöst. Von 2009 bis zum ersten Corona-Lockdown 2020 war der bärtige Kiez-Tenor einer der beliebtesten Sänger bei diesem weltbekannten Spektakel.

Youtube-Videos von Berlin-Touristen zeugen vom Jubel, den seine Stimmgewalt auslöst. Detlefs demütiger Auftritt lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass er die Sinatra-Hymne in einer Klasse schmettert, die manchen zu Tränen rührt. Nur heißt sie bei seinem Vortrag im Mauerpark eben nicht „My Way“, sondern umgetextet mit deutschen Zeilen – „Mein Leben“. Ein Lied voller Pathos für Gott und ganz ohne Selbstbeweihräucherung, die Sinatras alter Erkennungshymne anhaftet.

„Zu Gott kam ich eigentlich erst durch den Tod meiner Mutter“, erzählt der Rentner und gebürtige Berliner aus Wedding, der früher als Kurier beschäftigt war. Aber seine Passion gilt dem Singen – und der Ort seiner Passion, das ist das Amphitheater im Mauerpark. „Seit 2009 komme ich sonntags her. Mich freut es einfach, wenn die Leute etwas durch das Lied von Jesus erfahren“, erzählt Detlef. Genau wie die anderen Teilnehmer der Karaoke-Show von Gareth Lennon meldet er am Anfang ein Wunschlied an – bei Detlef ist es immer das gleiche. Auch jetzt noch, nachdem der Mauerpark-Sinatra die Rückkehr des Karaoke aus der Corona-Pause entdeckte.

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Das geschah mit etlichen Wochen Verspätung. „Ich habe ja kein Internet und wusste nicht, dass es wieder los geht“, erzählt er im Gespräch nach seinem Auftritt. „Eines Tages ging ich einfach hin – und habe es gemerkt.“

Während die Corona-Pandemie wütete, habe er das Menschengetümmel eher gemieden. „Ich habe mich impfen und gleich boostern lassen“, erzählt Detlef ganz offen. Den Mauerpark betritt der 70-Jährige mit rosafarbener FFP2-Maske unterm Kinn.

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Nun ist er also wieder Teil des Spektakels. Wer ihn nach dem Auftritt trifft, findet Detlef erfüllt von Euphorie. Wie immer, wenn sein Song verklingt, ist er elektrisiert vom Beifall, verbeugt sich mehrfach, badet förmlich im Applaus, der im aus dem Steintheater entgegenschlägt. In diesem Moment, wenn seine Augen glänzen, ist er am ehesten ein Sinatra. Alle Anspannung, die ihn anfangs bei der Anmeldung an Lennons Karaoke-Stand nervös umherblicken lässt, ist verschwunden. Der Sonntagnachmittag ist die Zeit, wenn Detlef seinen persönlichen Gottesdienst an einem der hedonistischsten Orte Berlins vollzieht.

Um auch an den letzten Karaoke-Sonntagnachmittagen der Saison seinen Weg nach Prenzlauer Berg zu finden, braucht Detlefs kein Internet – nur seinen Glauben.

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