Chrissi hat sich mit ihrer großen blauen IKEA-Tüte in die lange Warteschlange vor der evangelischen Advents-Zachäus-Kirchengemeinde in Prenzlauer Berg eingereiht. Ihren vollen Namen möchte sie nicht nennen. Sie ist eine von rund 30 Wartenden, die das Unterstützungsangebot der Tafel in Form einer Lebensmittelausgabe in Anspruch nehmen. Bis es aber so weit ist, kann es noch dauern – 30 bis 45 Minuten schätzt sie. „So voll war es vor fünf Wochen noch nicht“, berichtet die ehemalige Bodypainting-Artistin, die früher Festival- und Clubbesucherinnen und -besucher bemalt hat, wegen der Pandemie diesen Nebenverdienst jedoch ruhen lassen musste und seitdem zur Tafel kommt.
Bis vor kurzem gab es ein Alphabetsystem für die Wartezeit
Bis vor kurzem habe es an dieser Ausgabestelle im Bezirk Pankow noch ein Wartesystem gegeben: „Entweder du hattest eine Wartenummer oder der Anfangsbuchstabe deines Nachnamens war zu einer bestimmten Uhrzeit dran.“ Diese Praxis ist seit dem starken Zulauf von Menschen aus der Ukraine allerdings passé – wer zuerst kommt, erhält zuerst. Darüber hinaus sei die Wartezeit durch die Zunahme an bedürftigen Geflüchteten länger geworden. „Letzte Woche bin ich erst gegen Ende gekommen, um schneller dran zu sein. Heute bin ich extra früh dran, doch die Warteschlange ist ungefähr genau so lang“, erzählt Alfred, der ebenfalls nicht namentlich erwähnt werden möchte.
Er und Chrissi kennen sich aus der letzten Woche und vertreiben sich die Zeit mit einer freundschaftlichen Unterhaltung – Alfred kennt inzwischen ein günstiges Ersatzprodukt für Rapsöl: Schweineschmalz. Währenddessen bricht im vorderen Teil der Warteschlange Tumult aus. Ein Mann regt sich lauthals über eine Frau auf, die sich ganz vorne hingestellt hat.
Berliner Tafel: An manchen Tafel-Stellen doppelt so hoher Zulauf
Szenen wie diese in Prenzlauer Berg dürften keine Seltenheit an Ausgabestellen der Berliner Tafel sein, die durch die Preissteigerungen infolge des Ukraine-Kriegs einen enormen Zulauf an Neukundschaft erfahren haben. „Das sind teils Geflüchtete aus der Ukraine, teils aber auch Leute, die schon lange in Berlin wohnen und den Gürtel enger schnallen müssen“, macht Sabine Werth, Gründerin und ehrenamtliche Vorsitzende der Berliner Tafeln, deutlich. „Manche Ausgabestellen haben einen Zuwachs von 100 Prozent.“

Paritätischer Wohlfahrtsverband fordert Entlastung von Menschen mit wenig Geld
Auf die Folgen der gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise macht auch der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin aufmerksam. „Menschen mit geringem Einkommen, also auch denen mit kleinen Renten, mit niedrigen Löhnen fehlt Geld, um Lebensmittel einzukaufen, die Stromrechnung zu bezahlen. Die Verunsicherung und Angst sind groß“, erklärt Dr. Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des Landesverbandes auf Anfrage.
Sie fordert ein klares Bekenntnis der Politik, dass es für Menschen mit geringem Einkommen Unterstützung gibt. „Wir brauchen eine Erhöhung der Regelsätze für Menschen, die Sozialleistungen beziehen. Und wir brauchen Steuersenkungen, aber nicht nach dem Gießkannenprinzip, wie es bei einer Mehrwertsteuersenkung der Fall wäre. Wir fordern gezielte Entlastungen für Menschen mit wenig Geld.“ Denkbar seien laut Schlimper eine Senkung der Krankenversicherungsbeiträge, eine Erhöhung des Wohngelds und ein Schutzschirm für diejenige, die ihre aufgrund der gestiegenen Preise die Strom- oder Betriebskostenrechnung nicht bezahlen könnten.
Ukrainer wurden an andere Stellen verwiesen
Zusätzlich zu den Auswirkungen auf die hiesige Bevölkerung, gehören vor allem die Geflüchteten selbst zu den Leidtragenden der angespannten Lage. Es ist Alltag, dass Ukrainische Paare und Familien permanent zu den Lagern der Berliner Tafeln kommen und nach Lebensmitteln bitten. „Wir müssen ihnen aber auf ukrainische oder russisch klarmachen, dass es hier nichts gibt.“
Als Konsequenz der starken Nachfrage würden viele ehrenamtliche Personen an ihre Grenzen kommen – und müssten auch missliebige Entscheidungen treffen: „Letzte Woche mussten rund 70 bis 100 ukrainische Personen von den Mitarbeitern weggeschickt werden. Sie haben einen Zettel bekommen, wo ihnen auf Englisch erklärt wurde, welche Stellen für sie verantwortlich sind“, erinnert sich Chrissi an der Ausgabestelle in Prenzlauer Berg. „Es tat den Mitarbeitern wirklich sehr leid, den erklären zu müssen, dass sie nicht zuständig sind. Es sind alle aber sehr freundlich geblieben.“
Aus Kreisen der Berliner Tafel wird die Praxis bestätigt: „Die Kunden werden nach ihrer Postleitzahl aufgeteilt, damit wird eine klar strukturierte Zuteilung vornehmen können und Doppelabholungen vermeiden“, wie es von einer Mitarbeiterin des Landesverbands heißt. Dieses System sei für die Menschen aus der Ukraine nicht direkt ersichtlich.
Berliner Tafel: Sind kein Versorger, sondern Unterstützer
Neben strukturellen Gründen könne nach Auskunft der Mitarbeiterin aber auch der profane Mangel an Lebensmitteln dazu führen, dass Menschen an eine andere Stelle verwiesen werden. Sabine Werth ist in diesem Zusammenhang wichtig, zu betonen, dass die Tafel keine grundsätzliche Versorgung anbietet, sondern eine Unterstützung für bedürftige Menschen. „Haben wir wenig, geben wir weniger. Haben wir viel, geben wir viel.“
Berliner Tafel bittet um mehr Spenden
Trotz angespannter Situation zeigt Chrissi Verständnis für die ukrainischen Personen, die sich fälschlicherweise an der Ausgabestelle in Prenzlauer Berg einreihen. „Ich komme aus einer Sinti-Familie, meine Eltern hatten es Anfang der 2000er auch nicht leicht, die deutsche Bürokratie zu verstehen“, begründet sie ihre Empathie für die Geflüchteten. „Ich wünsche den Menschen das Beste und hoffe, dass sie verstehen, an welche Stellen sie sich wenden können.“
Bei der Berliner Tafel, die von Spenden und Mitgliederbeiträgen abhängig ist, hofft man indes auf eine erhöhte Spendenbereitschaft, um den Bedarf an Lebensmitteln sowohl unter den ukrainischen Geflüchteten als auch den anderen Kunden decken zu können.
Falls Sie finanziell aushelfen möchten, können Sie den Berliner Tafel e.V. folgendermaßen unterstützen.


